Gastfreundschaft für Flüchtlinge : Als Frau Schopmeier sauer wurde

Brigitte Schopmeier und ihr Mann Kayes Hassan haben Achmat und Yahja zum Kaffee eingeladen, die beiden Sudanesen  wollen sich lieber nicht von vorn fotografieren lassen.

Brigitte Schopmeier und ihr Mann Kayes Hassan haben Achmat und Yahja zum Kaffee eingeladen, die beiden Sudanesen  wollen sich lieber nicht von vorn fotografieren lassen.

Wie Bürgerkriegsflüchtlinge aus dem Sudan im Dörfchen Haar bei Neuhaus in einer deutsch-syrischen Familie Frieden und Gastfreundschaft erfahren

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10. September 2015, 08:00 Uhr

Irgendwann hatte Frau Schopmeier genug. Das war am Tag nach der Nacht, die als Schande von Heidenau traurige Berühmtheit erlangen sollte. Als ein Mob aus Neonazis und Mitläufern vor den Toren Dresdens mit Steinen und Böllern eine Flüchtlingsunterkunft angriff. Als man an Stammtischen zu raunen begann, die Stimmung gegenüber Asylsuchenden könne kippen, weil man „der Flut“ fremder Menschen nicht mehr Herr werde.

Da reichte es Brigitte Schopmeier-Hassan und sie beschloss gemeinsam mit ihrem Mann Kayes Hassan, Flüchtlinge bei sich im Haus aufzunehmen. „Ich war einfach sauer“, erzählt Frau Schopmeier. „Das konnte ich als Frau mit Herz nicht mit ansehen.“ Also rief sie im Amt in Lüneburg an und schlug vor, Asylsuchenden drei ihrer freien Ferienwohnungen in Haar bei Neuhaus zur Verfügung zu stellen.

Nun wohnen Achmad, Yahja, Abas, Jamal und Su aus dem Sudan schon seit zwei Wochen bei den Hassans. „Unsere Schokoladenkinder“ nennt Brigitte Schopmeier-Hassan (79) ihre Mieter. Als ihr Mann (77), ein seit 1962 in Deutschland lebender Syrer, diese Bezeichnung für Achmad und Yahja übersetzt, lachen die beiden. Für sie sind ihre deutschen Gastgeber so etwas wie Großeltern, die Hassans ihre neue Familie. Die sich zudem wie wirkliche Großeltern um die fünf jungen Männer kümmern und es nicht bei der Vermietung der Zimmer, die vom Amt bezahlt werden, belassen.

Zweimal in der Woche fahren sie mit den Afrikanern zum Einkaufen oder, wenn nötig, zum Arzt. Manchmal sogar auch kurz vor Ladenschluss noch mal, weil die Jungs Brot vergessen haben. „Wir sind wie ein Fahrdienst nur noch für unsere Schokoladenkinder unterwegs“, sagt Brigitte Schopmeier, die für ihre Gäste auch wäscht. Gerade erst waren sie alle gemeinsam im Café in Neuhaus. In der vergangenen Woche gab es ein kleines Grillfest. Freunde aus Hamburg, Schwerin und Haar brachten Säcke voller Kleidung und auch Schuhe. Überhaupt Schuhe. Abas kam lediglich mit Hausschuhen nach Haar. Für Jamal und Su mit Schuhgrößen von 45 und 49 war kaum etwas Passendes zu finden. Auch Fahrräder wären willkommen, um unabhängiger zu sein und ohne Auto ins nahe gelegene Neuhaus zu gelangen.

Beim gemeinsamen Kaffeetrinken berichten Achmad und Yahja von ihrer Flucht aus dem Bürgerkriegsland Sudan, wo Regierung und Rebellengruppen in der Region Darfur seit 2003 300 000 Menschen getötet haben. 2,8 Millionen Menschen sind dort auf der Flucht. Ruhig, unfassbar ruhig erzählen die beiden von ihren abenteuerlichen Wegen aus der zentralafrikanischen Republik Sudan über Libyen, das Mittelmeer, nach Italien und Frankreich ins Aufnahmelager Bramsche. 1000 bis 3000 Dollar verlangten die Schlepper für die Fahrt mit dem Fischerboot – pro Person. Von den Flüchtlingen aus Somalia, Äthopien, Syrien, Eritrea, Palästina, Bangladesch, Nigeria, der Elfenbeinküste und Sudan. In dem einen Boot drängten sich 120, im anderen 950 Menschen. Kinder, Alte, Familien, junge Männer. Schon nach wenigen Stunden fiel in beiden Booten mitten in der stürmischen See der Motor aus. Zum Glück kamen deutsche und italienische Marinesoldaten und retteten die Menschen aus den hilflos treibenden Booten.

„Aber in Italien und Frankreich waren wir nicht erwünscht“, sagt Achmat, der Geologie studiert hat. „Im Aufnahmelager in Mailand rieten uns die Beamten, nachts heimlich das Weite zu suchen. In Paris schliefen wir wochenlang unter Brücken. Wir konnten uns nicht waschen, niemand half uns. Erst in Deutschland fühlten wir uns willkommen.“ Sollte sein Antrag auf Asyl erfolgreich sein, will sich der 37-Jährige um ein Stipendium bemühen, um in einem europäischen Land eine Doktorarbeit zu schreiben. Yahja (26), der in einem riesigen Flüchtlingslager im Tschad aufwuchs, träumt davon, Mechaniker zu werden.

Die sudanesischen Flüchtlinge im Dörfchen Haar unweit der Elbe, wo keine 200 Menschen leben, plagt vor allem die Langeweile. Die 325 Euro im Monat vom Amt reichen zwar für Essen, Telefonieren und Bustickets. Aber Kochen, Rauchen und Kartenspielen füllt den Alltag nur schwer. Immerhin können sie per Internet mit den Verwandten in der Heimat in Kontakt bleiben. In dieser Woche haben endlich auch Deutschkurse begonnen. „Wir wollen in Ehre leben, nicht als Bettler, lieber heut als morgen arbeiten.“

Als wir das Notizbuch schon zugeschlagen haben, bittet Achmat Kayes Hassan noch um eine letzte Übersetzung: „Im Namen meiner sudanesischen Freunde möchte ich mich bei Deutschland bedanken. Hier haben wir endlich Frieden gefunden. Ich hoffe, wir können den Deutschen bald etwas zurückgeben.“ Eine Ethik, die auch Frau Schopmeier gut versteht. Helfen und teilen gehörte schon immer zum Leben der agilen Frau, die 34 Jahre einen Oma-Hilfsdienst leitete und 16 Jahre lang Pflegemutter war. „Meine Mutter hat immer gesagt: ,Wenn du zwei Teile hast, gib einen davon ab.‘“ - „Vielen Dank, alles Gute“, sagt Yahja zum Abschied. Seine ersten deutschen Worte.

Alles rund um die aktuelle Flüchtlingsdebatte lesen Sie in unserem Dossier.

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