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Reformationstag : Als die Nonnen Steine warfen

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Wie sich die Benediktinerinnen im Kloster Dobbertin der Reformation widersetzten und am Ende doch einlenken mussten

Während vor 450 Jahren die letzten Nonnenklöster in Mecklenburg ohne Schwierigkeiten aufgehoben wurden, stand in Dobbertin „der Papismus nach wie vor in voller Blüte und ward ein großes Ärgernis“. Die Dobbertiner Nonnen leisteten mit Hilfe der in Lübz residierenden Herzogin Anna, Witwe Herzog Albrecht VII., hartnäckigen Widerstand. Dieser sollte über 15 Jahre andauern und in Mecklenburg als „Nonnenkrieg“ in die Geschichte eingehen.

Am 22. März 1557 hatte die Visitationskommission der Güstrower Herzöge mit der allgemeinen Visitation der Klosterkirche und zwei Tage später im Remter mit der Visitation des Klosters begonnen, da „dort die Abgötterey gleich so groß und grob war“. Bei diesem Termin zugegen waren 30 adlige Jungfrauen und Elisabeth von Hobe „als aufrichtige Papistin und zum Gehorsam neigende so eilends die Lehre des Evangelischen nicht annehmende“ Priorin, außerdem der Klosterhauptmann Hofmarschall Jürgen von Below. Die Versammlung war ernüchternd, denn nur zwei der Nonnen waren bereit, die evangelische Lehre anzunehmen.

So versammelten sich die Dobbertiner Benediktinerinnen trotz aller Verbote und Ermahnungen weiter und sangen die ganze Nacht über die Horen. Als am Folgetag die Visitatoren im Chor alle Heiligenbilder entfernten und in das Beichthaus einschlossen, begleiteten die Nonnen dies mit fürchterlichem Geschrei und Gezetere. Vielleicht auch ein Grund, weshalb sich die Kommission für die vollständige Abschaffung der „Abgötterey“ im Chor und in den Nonnenzellen zu schwach fühlte – so der Bericht. Vernichtend fällt darin auch das Urteil über die Fähigkeiten des Pfarrers Andreas Eberlein aus: „Er sei ein armer ungeschickter Mensch, der nicht auf die geringste Frage zu antworten wußte, fast alt und unfleißig und die Junckfrawen wollen inen gar nicht hoeren“. Danach befahlen die Herzöge, die Nonnen mit einem gelehrten Prediger zu versorgen.

Kaum hatten die Visitatoren Dobbertin den Rücken gekehrt, begann dort wieder das alte klösterliche Leben. Als man in Güstrow vom „Ungehorsam und der Gottloßheit“ der Nonnen hörte, beorderten die Herzöge ihre Visitatoren sofort zurück. Doch diese standen nun in Dobbertin vor einem verschlossenen Kloster. Nach fünf Tagen erfolgloser Verhandlungen durch das Sprechfenster an der Klosterpforte schickte man den Landreiter als damaligen „Ordnungshüter“ auf den Turm, um den Klöppel aus der Glocke zu entfernen. Die Nonnen waren darüber so erbost, dass sie die Visitatoren als „öffentliche Kirchenbrecher“ bezeichneten – diese zogen daraufhin sofort ab. Erst sechs Monate später kehrten die Visitatoren mit neuen herzoglichen Instruktionen ausgestattet nach Dobbertin zurück. Man wollte die Tür zum oberen Chor vermauern und alle Nonnen, die sich nicht zum evangelischen Glauben bekannten, auf Wagen setzen und heimschicken. Im Visitationsprotokoll vom 17. September 1557 ist vermerkt: „Die Junckfrawen warfen sich mit großen hewlen, geschrey und geplerr vor die Chortreppe“, von der sie auch mit Gewalt nicht fortzuschaffen waren. Stattdessen fielen sie „rasendt, vnsinnig, tholl und thoricht“ wieder in den Chor ein und verschafften sich gewaltsam die ihnen abgenommenen Gesangsbücher. Dann „wurffen sie Steine und Bücher herab, gossen auch viel Wasser herunter, das sie alles auf den Chor tragen lassen.“ Sie stießen und schlugen die fürstlichen Diener, bis diese die Flucht ergriffen. Der „Nonnenkrieg“ ging weiter. In der folgenden Nacht versuchten die Schwestern heimlich, Gewänder und kirchliche Gegenstände über den Jager See, den heutigen Dobbertiner See, zu schaffen. Doch auf dem See schlug der Kahn um, wobei einer der beiden Wademeister des Klosters ertrank. Die Dobbertiner Kommission zog daraufhin wieder ab. Die Klosterpforte blieb fortan verschlossen, denn die Nonnen zeigten sich von der Reformation gänzlich unbeeindruckt. Ende September 1562 begaben sich dann die Herzöge Johann Albrecht und Ulrich mit ihrem Hofgefolge selbst nach Dobbertin. Auf die dort verlesene neue Klosterordnung reagierten die Nonnen mit Protesten und „lautstarken widerbellen.“

Nach den einzelnen Abhörungen der 26 Nonnen adliger Herkunft gab es 11 „gehorßame, edle Junckfrawen zu Dobbertin.“ Noch am 30. September 1562 schritten die fürstlichen Diener zur Tat, sie wollten die „Ungehorsamen“ aus dem Kloster holen und auf die im Hof bereitstehenden zehn Wagen verladen. Ein „seltsam Spectakel“ spielte sich dort ab. Die Diener ergriffen die Rädelsführerin Ingeborg von Hagenow und schleppten sie zur Tür. Die Mitschwestern krallten sich an ihr fest, bis ihr Ordensgewand auf dem Leib zerriss. Es gelang aber, die meisten der Widerspenstigen auf dem Hof zu zerren. Dort bewarfen die Nonnen die Diener mit „Knuppeln und Steinen“ und schlugen um sich, doch es half nicht mehr.

Für die Herzöge schien die Reformation im Kloster Dobbertin damit abgeschlossen zu sein. Doch sie irrten, denn schon zwei Jahre später waren etliche der ausgewiesenen „verstockten Jungfern“ wieder im Kloster tätig. In ihrem Bericht am 19. Oktober 1569 mussten die Visitatoren mit Erstaunen feststellen, dass im Kloster die alte, katholische Ordnung inzwischen fast vollständig wiederhergestellt sei.

Doch spätestens mit Einführung der revidierten Klosterordnung 1570 und dem Aussterben der älteren Klosterjungfrauen und besonders 1572, nach der Umwandlung des Klosters in ein „evangelisches Damenstift zur christlichen Auferziehung inländischer Jungfrauen“, war wohl das Interesse am Widerstand gegen die Reformation im Kloster Dobbertin verloren gegangen. Damit endete ein in Mecklenburg wenig bekannter Nonnenkrieg. 

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