100 Jahre Oktoberrevolution : Als der Rote Stern aufging

Der nicaraguanische Dichter und Befreiungstheologe Ernesto Cardenal äußerte die Ansicht, dass der Kommunismus einen christlichen Ursprung hat.
Der nicaraguanische Dichter und Befreiungstheologe Ernesto Cardenal äußerte die Ansicht, dass der Kommunismus einen christlichen Ursprung hat.

Neue Serie: Der Wunsch nach einer gerechten Welt und die Bewunderung für die, die dafür kämpfen, wird seit 2000 Jahren mit jeder Generation neu geboren

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01. November 2017, 08:00 Uhr

Selten begann eine Ära der Weltgeschichte lautloser: Als die Bolschewisten um Wladimir Iljitsch Lenin am 7. November 1917 die Macht in Russland an sich rissen, bekamen das nicht einmal im damaligen Petrograd allzu viele Menschen mit. Das Beben war später dafür um so stärker zu spüren – weltweit, bis heute. Die Nachwehen dieses einzigartigen Experiments beeinflussen immer noch Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. In unserer Serie „100 Jahre Oktoberrevolution“ gehen wir dem historischen Phänomen nach. Teil 1: Warum die Vision einer klassenlosen Gemeinschaft zeitlos ist.

„Wer mit zwanzig kein Sozialist ist, hat kein Herz – wer es mit vierzig immer noch ist, hat keinen Verstand“: Dieser Spruch ist so oder so ähnlich überliefert von Winston Churchill, Theodor Fontane, George Bernard Shaw und noch einem weiteren Dutzend großer Denker. Will heißen: Jede Generation ist stets vom Wunsch getrieben, eine vermeintlich gerechtere Welt zu erschaffen – so lange, bis sie die Realitäten er- und anerkennt.

Bis dahin aber hängen sich die einen ikonische Poster an die Wand. Die nächsten verfallen apokalyptischen Visionen einer untergehenden Erde, sofern sie sich nicht mit allem Eifer dagegen stemmen. Manche greifen zum Stift, manche zur Waffe, um für eine Welt ohne Bonzen und die Gier nach Geld zu streiten. Und wieder andere in der Geschichte des Kommunismus glaubten an Gott und sahen sich in der Nachfolge der Jüngerschaft Jesu.

Allen Ansätzen gemein ist die romantische Verklärung – und auch der Anspruch auf die Unterordnung Andersdenkender. Da stört es nicht, wenn etwa die T-Shirt-Ikone Che Guevara seinerzeit nichts gegen einen Atomkrieg einzuwenden hatte – er wollte ja das Richtige. Überhaupt passt Meinungsfreiheit nicht gut zur Diktatur des Proletariats. Das Wohl aller dient dort dem Wohl des einen, nicht das Wohl des Einzelnen dem des Ganzen; schert jemand aus, macht die Revolution kurzen Prozess.

Religion, schrieb Karl Marx, sei das Opium des Volkes. Um so erstaunlicher, dass beim Blick auf die Frühformen des Kommunismus immer wieder die Bibel auftaucht. Reichtum verdammt sie nicht, wohl aber den Zins. Und Jesus hieß eine auf Gleichheit ausgerichtete Lebensweise seiner Jünger ohne persönliches Eigentum gut. Daraus ließen sich Folgen für eine gesellschaftliche Ordnung ableiten. Ernesto Cardenal zum Beispiel, katholischer Priester, sandinistischer Minister in Nicaragua und Idol der lateinamerikanischen Linken, sagt klipp und klar: „Der Kommunismus hat einen christlichen Ursprung“. Cardenal wirkte auch unmittelbar auf den jetzigen, der Amtskirche für europäische Verhältnisse fern und den Armen nahe stehenden Papst Franziskus.

Katholizismus und Kommunismus – das soll zusammenpassen? Letztlich ist auch eine klösterliche Gemeinschaft im Ansatz kommunistisch. Ein Privateigentum von Mönchen ist nicht vorgesehen. Die Kleidung ist gleich, das Leben ähnlich, der Drang zur individuellen Entfaltung begrenzt. In keiner anderen Gemeinschaft als in diesem streng hierarchischen System hat sich das Prinzip des klassenlosen Zusammenlebens so lange gehalten – während andere Experimente etwa der Täufer, unter Bruderschaften karibischer Piraten, in westlichen Hippie-Kommunen oder östlichen Zwangsregimen nur eng begrenzte Erfolge hatten.

Auch das biblische Paradies ist die Verheißung eines letztlich kommunistischen, auf das Wohl der Gemeinschaft ausgerichteten Zielbildes. Im himmlischen Jerusalem lebt jeder nach seinen Bedürfnissen, Juwelen schmücken die Mauern und die Straßen sind aus Gold, während die Tore nicht verschlossen werden.

Viel zu harmlos fanden diese literarisch geprägten Utopien spätere, systemtheoretisch orientierte Revolutionäre wie Marx, Friedrich Engels oder Wladimir Iljitsch Lenin. Und doch, sie standen auf den Schultern von Riesen. Kaum zu überschätzen ist Thomas Morus: Als ein Urvater des modernen Kommunismus verfasste der britische Asket 1524 das Buch „Utopia“. Aller Besitz ist auf dieser romanhaft beschriebenen Insel gemeinschaftlich, Geld unbekannt, alle sind gleich vor dem Gesetz und ihre Kleidung ist es ebenfalls – damals eine ungeheuerliche Vorstellung. Der englische König Heinrich VIII. ließ Morus köpfen. 1935 wurde der frühkommunistische und tief gläubige Denker heiliggesprochen, im Jahr 2000 ernannte Papst Johannes Paul II. ihn zum Patron der Regierenden und Politiker.

Warum das mit dem Kommunismus nicht klappt, dafür lieferten sowohl die Bibel als auch Morus die Erklärung gleich mit. In der Heiligen Schrift ist es der Biss in den Apfel, sprich: die Sündhaftigkeit des Menschen, die ihn niemals einen heiligen Zustand selbstloser Gleichheit erlangen lassen wird. Morus wiederum entwickelte nicht nur die Vision einer Welt in Gleichheit. Dialektisch erschuf er zugleich das Bild der totalitären Beklemmung, die darin herrscht. Wie die Bibel wusste auch er: „Es ist ausgeschlossen, dass alle Verhältnisse gut sind, solange nicht alle Menschen gut sind.“

Der Wunsch nach einer gerechten Welt und die Bewunderung für die, die dafür kämpfen, wird seit zweitausend Jahren mit jeder Generation neu geboren. Am Ende aber sucht jeder seinen Vorteil dann doch lieber alleine – und wenn es der einer schillernden, bewunderten Rolle in einer Gemeinschaft vermeintlich Gleicher ist.
 

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