Louis Armstrong : Als der King of Jazz eine Krone verlor

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Vor 50 Jahren begann die Tournee Louis Armstrongs durch die DDR. Er schwärmte für das ostdeutsche Publikum und für Eisbein – nur in Schwerin fiel ein Konzert aus

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20. März 2015, 18:32 Uhr

Als Louis Armstrong, der weltberühmte Trompeter und Sänger aus New Orleans, vor 50 Jahren am Schweriner Hotel „Reichshof“ ankam, warteten nur eine Handvoll Schaulustige und Journalisten auf ihn – keine jubelnde Menge wie in den anderen DDR-Städten, die den Star mit Blumen und Reden empfangen hätten.

Anders die legendäre Ankunft auf dem Flughafen Berlin-Schönefeld. Fast wie ein Staatsgast wurde Louis Armstrong empfangen, nachdem sein Flieger am 20. März 1965 aus Prag kommend gelandet war. Gleich auf dem Rollfeld spielten zur Begrüßung die Jazz Optimisten Berlin. Als sie die ersten Takte von „When It’s Sleepy Time Down South“ intonierten, ließ Satchmo die Reporter stehen, lief zur Band und stimmte lauthals mit ein. Als erster US-Star überhaupt durfte der Jazz-Musiker auf Tournee hinterm Eisernen Vorhang gehen. Mitten im Kalten Krieg. Legenden ranken sich um den Aufenthalt, die der Magdeburger Journalist Stephan Schulz in seinem unterhaltsamen Buch „What A Wonderful World: Als Louis Armstrong durch den Osten tourte“ zusammengetragen hat.

Als „Kämpfer gegen Rassismus“ sei er von der ostdeutschen Künstleragentur eingeladen worden, hieß es damals. In Wirklichkeit steckte ein gewiefter Schweizer Geschäftsmann hinter dem Deal. Er zahlte die Gage von Louis Armstrong und dessen Allstar Band. Als Gegenleistung durfte er günstig Jagdwaffen aus Suhl, optische Geräte aus Jena und Antiquitäten einkaufen. So flossen gleich noch die begehrten Devisen ins Land. Sozialistische Bruderstaaten wie die CSSR kriegten die Konzerte von Satchmo übrigens von den USA geschenkt, die ihn als eine Art Kulturbotschafter schickte. In der DDR aber waren die Kader zu stolz. Vom imperialistischen Amerika wollten sie keine Geschenke annehmen.

Gleich 17 Konzerte in fünf Städten spielte Armstrong in der DDR, wo die Kulturfunktionäre sonst Jazz als „Affenkultur des Imperialismus“ abtaten. Neben Ostberlin gastierte er in Leipzig, Erfurt, Magdeburg und Schwerin. In der CSSR trat er nur zehnmal auf. In Bulgarien, Rumänien und Ungarn sogar nur einmal.

Gleich nach seiner Ankunft wurde Satchmo über die Karl-Marx-Allee ins Berolina-Hotel chauffiert, wo eine Pressekonferenz anberaumt war, bei der er gestikulierend erst mal sein Glas vom Tisch fegte. „Ich bin nur Trompeter und Sänger“, sagte er, Politik sei ihm gleichgültig. Er spiele für alle Menschen. Als ein Westjournalist ihn fragte, ob er die Mauer gesehen habe, antwortete er: ja, aber sie interessiere ihn nicht: „Sie wissen doch genau, dass ich hier nicht sagen kann, was ich will. Aber wenn Sie es unbedingt hören wollen: Vergessen Sie diesen Bullshit!“

Beim Anblick der Mauer allerdings soll er allein im Auto deutlicher geworden sein: „Welche grausame Härte und Pein für Millionen Menschen. Ich werde mein Bestes, mein Allerbestes geben, um sie glücklich zu machen, ja, das werde ich.“

Das Versprechen hielt er. Alle 18 000 Karten für die sechs Berliner Konzerte im alten Friedrichstadtpalast waren an nur einem Tag ausverkauft. Auch zu den anderen Gigs strömten die Menschen, um Songs wie „Mack The Knife“, „Hello Dolly“ oder eine Fassung des deutschen Volksliedes „Es war einmal ein treuer Husar“ zu hören. Lediglich in Schwerin musste einer von zwei Auftritten wegen geringen Interesses des Publikums abgesagt werden. Dabei hatte Armstrongs Manager die Station erst auf ausdrückliches Bitten der Schweriner Konzert- und Gastspieldirektion in die Tour eingeschoben; laut Schulz übrigens in der irrigen Annahme, dass der Ostsee-Flughafen Barth direkt vor den Toren Schwerins liege.

Die staatliche Konzertdirektion verzeichnete am Ende  einen  Gewinn  von 15 745,66 Ostmark.

Nach dem ersten Abend in Berlin titelte sogar das Neue Deutschland: „Satchmo kam, blies und siegte.“ Von Ernst Zielke, dem Generaldirektor der DDR-Künstleragentur, bekam der Amerikaner zum Dank den Berliner Bär als Stofftier überreicht, vom VEB Großkonditorei eine Torte. Armstrong revanchierte sich, indem er das Publikum lobte: „Eine solche Begeisterung für Jazz, wie ich sie hinter der Mauer erlebt habe, kenne ich kaum noch.“ Nur vom Nachtleben im Osten waren er und seine Allstars nicht so begeistert. Abends passierten sie die Grenzposten und gingen nach Westberlin „auf einen Drink“. Wenn die Grenzer ihn erkannten, riefen sie nur „Louis Armstrong!“ und ließen ihn ohne weitere Kontrollen nach drüben.

Die Tour durch den Osten ging weiter. In Magdeburg wurde Armstrong von einem 17-jährigen Mädchen begrüßt, weil die Funktionäre kein Englisch konnten. Sie überreichte ihm weiße Callas. Eigentlich Friedhofsblumen. In Erfurt bekam er als Geschenk Blumensamen. Und in Leipzig, wo alle Mitarbeiter der Staatssicherheit in Alarmbereitschaft versetzt wurden, weil während des Konzertes mit Ausschreitungen gerechnet wurde, brach dem King Of Jazz eine Krone aus dem Mund. Gegen 50 Mark und zwei Konzertkarten fertigte ihm ein Zahnarzt eine neue an. In Erfurt verlangte der Dentist sogar nichts für die Behandlung. Nur einen Abdruck von Armstrongs Gebiss erbat er sich. Der überdauerte bis zum Ende der DDR in der Medizinischen Akademie. Danach verschwand er spurlos.

Ob die Zahnprobleme von Satchmos Vorliebe fürs deutsche Eisbein herrührten? Das bestellte er sich, sooft er konnte. Zusammen mit einem Bier. So auch als sein Tourbus im Örtchen Genthin in Sachsen-Anhalt strandete, weil das Kühlwasser überkochte. Die Autobahn war wegen eines Manövers gesperrt, weil die DDR Macht demonstrieren wollte. Tagte am selben Tag doch der westdeutsche Bundestag in Berlin. Das fassten die Kader im Osten als Provokation auf. Beim Wirt der HO-Gaststätte „Grüne Kachel“ fragte Louis Armstrong, ob er ein Bier und eine Wurst haben könne. Der Wirt kam in Verlegenheit, hatte er doch keine Wurst da. Also schickte er jemanden in die Dorffleischerei, um dem berühmten Gast wenigstens ein wenig frisch Gehacktes zu besorgen.

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