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Mecklenburg-Vorpommern

23. November 2017 | 14:25 Uhr

Als der Boss die Mauer erzittern ließ

vom

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erstellt am 05.Jul.2013 | 09:49 Uhr

Es war der 19. Juli des Jahres 1988 im Ost-Berliner Stadtteil Weißensee. Der Tag, an dem im Norden Ost-Berlins das größte Rock-Konzert stattfand, das die DDR je erleben sollte. Bereits um die Mittagszeit warteten in der schwülen Sommerhitze Zehntausende am Eingang, um den US-Rock-Star und "Boss" Bruce Springsteen zu erleben.

Die TV-Dokumentation "Mein Sommer ’88 - Wie die Stars die DDR rockten" wirft heute Abend 20.15 Uhr im MDR Fernsehen einen Blick auf dieses für viele unvergessliche Ereignis.

Es war jedoch nicht nur das Konzert von Bruce Springsteen und seiner legendären E-Street Band, das in diesem Sommer auf der Trabrennbahn in Berlin-Weißensee Geschichte schrieb. Im Jahr 1988 wurde der DDR-Jugend innerhalb weniger Monate geradezu Erstaunliches geboten.

Bereits im März 1988 hatten die Gastspiele der britischen Rockbands Uriah Heep und Depeche Mode in der Werner Seelenbinder-Halle für Euphorie bei den Fans gesorgt.

Im Juni gastierte Bluesrock-Röhre Joe Cocker auf der Rennbahn in Weißensee und tags darauf in Dresden. Wenig später waren auch US-Soul-Legende James Brown, die Wailers, Bryan Adams und die britischen Neo-Prog-Rocker Marillion auf dem Ost-Berliner Rocksommer zu Gast.

Auch Heinz Rudolf Kunze hatte in Weißensee vor 120 000 Zuschauern den größten Publikumserfolg seiner Karriere. Mit 160 000 Zuschauern wurde der Open-Air-Auftritt von Bruce Springsteen mit deutlichem Abstand zum größten Rockkonzert der DDR. Die Karten kosteten 19, 95 Ost-Mark plus 5 Pfennig Kulturabgabe; umzäunt war das Areal aber nur ungenügend.

Nicaragua als Feigenblatt für Westrocker

Bei der Organisation blieben Probleme nicht aus: Das Konzert firmierte zunächst unter dem Motto "Ein Herz für Nicaragua". "Wir brauchten etwas für die Legitimation", sagt Roland Claus, damals Mitglied im FDJ-Zentralrat. Allerdings wurden weder der Künstler noch das Management eingeweiht. Als diese Wind davon bekamen, war der Ärger riesig. "Jemand sagte mir: Nicaragua - das ist die Gruppe, die das Konzert sponsert; so wie Pepsi Konzerte in den USA", erinnert sich Springsteens Manager Jon Landau. Dennoch wurden in letzter Minute alle Nicaragua-Banner entfernt, weil Springsteen und Co sich nicht politisch vereinnahmen lassen wollten.

Lutz Dettmann (Jahrgang 1961) aus Rugensee arbeitete damals als Vermessungstechniker bei der Deutschen Reichsbahn. Er erinnert sich noch heute an die endlose Trabbi-Schlange auf der Autobahn bei der An- und Abreise: "Es war eine fantastische Stimmung, irgendwas ganz Besonderes lief da ab. Und wir waren dabei. Man hatte das Gefühl, bei einem ganz besonderen Ereignis dabeizusein. Ich war mit Freunden bereits ein Jahr zuvor bei dem Ost-Berliner Gastspiel von Bob Dylan und Tom Petty dabei gewesen. Da war ich vom kraftlosen Auftritt unseres Helden Dylan am Ende sehr enttäuscht.

Aber bei Springsteen war diesmal alles anders. Er spielte sich die Seele aus dem Leib und gab alles. Wir hatten sein Album "Born In The USA" oft gehört und haben deshalb in Weißensee oft in die Refrains eingestimmt. Es gab eine große Video-Wand, die weit vor der Bühne aufgebaut worden war, damit die Fans weiter hinten wenigstens etwas davon mitbekamen, was vorn auf der Bühne abging. "

Auch der Schweriner Jürgen Groth (Jahrgang 1954) war mit Freunden sehr früh angereist, um Bruce Springsteen möglichst nah erleben zu können: "Wir waren früh vor Ort und haben das Konzert rund zehn Meter vor der Bühne erleben können. Springsteen und die E-Street-Band legten sich mächtig ins Zeug. Die Stimmung war bereits am Anfang am Überkochen. Aber die Veranstalter hatten nicht mit diesem Massenauflauf gerechnet. Der Druck vorn an der Bühne war schwer auszuhalten, weil die Massen weiter hinten ständig nach vorn wollten. Es gab jede Menge Ohnmächtige. Besonders die weiblichen Fans hatten Probleme. Da hatten die FDJ-Ordner allerhand zu tun. Aus heutiger Erinnerung war der Springsteen-Auftritt ein wunderbares emotionales Erlebnis. Aber musikalisch hat mir der Auftritt von Joe Cocker im gleichen Jahr noch besser gefallen. Gänsehaut pur!"

Joe Cocker hatte Angst vor DDR-Gefängnis

Die Filmemacher Carsten Fiebeler und Daniel Remsperger fanden für ihre Dokumentation in den Archiven viele bisher unveröffentlichte Mitschnitte der damaligen Konzerte. "Der Großteil der DDR-Bevölkerung - und vor allem der Jugendlichen - hatte sich innerlich schon verabschiedet von dem Land", schildert City-Sänger Toni Krahl die damalige Situation. Und auf West-Berliner Seite wurde kräftig mit dafür gesorgt, dass die DDR-Jugend Hunger auf mehr bekommt. Die Doku erinnert auch an Konzerte am westlichen Teil der Mauer, wo etwa David Bowie, Michael Jackson und Pink Floyd spielten - und so manch junger Zuhörer auf Ost-Berliner Seite mithörte; Sprechchöre "Die Mauer muss weg..." inklusive.

"Wir schicken unsere besten Wünsche an all unsere Freunde auf der anderen Seite der Mauer", sagte Bowie auf der Bühne. Und der West-Berliner Konzertveranstalter Peter Schwenkow schildert, dass Pink Floyd wollte, "dass ganz Ost-Berlin vibriert".

Roland Claus schildert, die Lage so: "Mit einer Reihe von Großkonzerten wollten wir einfach eine andere Facette als die der Konfrontation bedienen. Wir haben jungen Leuten Rockmusik angeboten, die auch sehr gut angenommen wurde."

Der Film widerspiegelt auch die damaligen Ängste von Joe Cocker. Ihm war es nicht ganz geheuer, östlich des Eisernen Vorhangs auftreten zu dürfen. "Als wir die Grenze passierten, sagte unser Manager: ,Macht hier nur keinen Aufruhr. - Der Gedanke, dort für irgendetwas ins Gefängnis gesteckt zu werden, ging einem nicht aus dem Kopf", erinnert sich Cocker heute. Ob die Fans oder die Stars: Alle bezeichnen die Konzerte als unvergesslich. "Erst hab ich gedacht ,Mann, ist der klein. Dann hab ich vor Freude richtig, richtig geheult", erinnert sich Springsteen-Fan Andrea Jährling. Der "Boss" selbst sagte in einer Konzertpause damals: "Es ist fantastisch. Es ist etwas, was ich schon lange wollte." Und er erinnert sich, dass die Fans US-Flaggen aus Stoffresten zusammengenäht hatten. Für Joe Cocker war die Show in Dresden "eines jener Dinge im Leben, die immer bestehen werden." Und der Ost-Berliner Musiker Dirk Zöllner, der im Vorprogramm von James Brown spielen durfte, schwärmt: "Es war ein Rausch. Für alle."

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