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Mecklenburg-Vorpommern

18. November 2017 | 02:21 Uhr

Ehrenamt in MV : Alltag aus, Uniform an

vom
Aus der Onlineredaktion

Teil 4: Rechtsanwalt Torsten Kossyk engagiert sich neben dem Beruf als Reservist bei der Bundeswehr

svz.de von
erstellt am 21.Mär.2017 | 12:00 Uhr

Die Ernst-Moritz-Arndt Kaserne der Bundeswehr bei Hagenow wirkt wie ein eingezäuntes Dorf mit unzähligen Straßen und Gebäuden. An diesem Freitagabend ist das Gelände verlassen, die meisten Fenster sind dunkel. Nur am Treppenaufgang eines Gebäudes stehen Männer in Uniform, rauchen Zigaretten und schnacken. Es sind Reservisten der Bundeswehr, die sich am Wochenende als Ersthelfer ausbilden lassen. Freiwillig, versteht sich.

Einer von ihnen ist Torsten Kossyk. Er ist 53 Jahre alt und trägt zu seiner grünen Uniform ein rotes Barett auf dem Kopf. Im zivilen Leben arbeitet er als Rechtsanwalt. Kossyk und seine Kameraden von der Reserve sind etwas Besonderes innerhalb der Bundeswehr. Mit Aussetzung der Wehrpflicht im März 2011 verlor die Armee nicht nur ihre Grunddienstleistenden, auch die Zahl der Berufssoldaten und der Freiwillig Wehrdienstleistenden brach ein. Der Personalbestand sank in sechzehn Jahren fast um die Hälfte. Waren es im Jahr 2000 noch 317 000 Armee-Angehörige, so blieben 2016 noch 178 400 davon übrig.

Doch die Reservisten machen weiter. 1200 Mitglieder hat die Landesgruppe MV. Kossyk ist seit fünf Jahren dabei. Für den berufstätigen Juristen heißt das, sich nach der Arbeitswoche nochmals aufzuraffen. Ohne Probleme, wie er selbst sagt. „Heute kam ich gegen halb fünf aus der Kanzlei nach Hause und habe mich noch eine halbe Stunde ausgeruht. Dann hieß es Uniform anziehen und zur Kaserne fahren.“

Geboren in Hamburg und aufgewachsen in Kiel, führte ihn sein Weg zur Marine. Schon vor seinem Jurastudium, verpflichtete er sich für vier Jahre bei der Bundeswehr, fuhr anderthalb Jahre Schnellboot. Ein Offiziersjahrgang der Marine schweißt die Anwärter zusammen. Lange Freundschaften entstanden, der Kontakt zur Armee hielt. Aber auch die Familie muss bei so einem zeitintensiven Ehrenamt mitmachen. „Meine Frau unterstützt mich. Sie lässt mich los und jammert nicht rum“, sagt er.

Eine Nacht im Zelt, dem „Dackelhotel“, überzeugte Kossyk, der Armee auch auf dem Land treu zu bleiben. „Ich lebe schon seit 1995 in Grevesmühlen. Vor fünf Jahren war ich neugierig, was der Reservistenverband in Mecklenburg so treibt. Der Beginn war ein Wochenende auf dem, mittlerweile geschlossenen, Truppenübungsplatz Lübtheen. Schlafen im Wald, Streife, Spähtrupp, die Basics halt. Und das hat so viel Spaß gemacht, dass ich dabeigeblieben bin.“

Die freiwilligen Einsätze sind das genaue Gegenteil von Kossyks Büroalltag. „Mein Job besteht darin, dass ich am Schreibtisch sitze, Akten wälze und über irgendwelche Dinge nachdenke. Bei den Reservisten ist das was völlig anderes. Hier gibt es keinen Luxus. Bei kühlen Temperaturen aufstehen, die Zähne bürsten und schnell in den Tag kommen“, erzählt er.

Doch das Ehrenamt bei der Bundeswehr bedeutet nicht nur im Wald übernachten oder bei Übungen in der Kaserne teilzunehmen. Die „Regionale Sicherungs- und Unterstützungskompanie Mecklenburg-Vorpommern“ (RSuKP) hilft den Landkreisen im Katastrophenfall, wie beim Elbehochwasser 2013. Kossyk stand damals als Kompaniechef mit seinen Kameraden auf einem Damm und füllte Sandsäcke. Freiwillig. „Es war anstrengend, aber auch eine schöne Erfahrung. Die Bevölkerung unterstützte uns, der Bäcker schenkte belegte Brötchen, die Anwohner brachten Kaffee. Es war ein toller Zusammenhalt. Das motiviert zum Weitermachen.“

Kossyks Kompanie half auch beim Aufbau von Flüchtlingsunterkünften 2015 in Rostock. „Wir waren die ersten vor Ort. Früh um sieben kam der Anruf, ich telefonierte meine Kompanie zusammen und innerhalb von 14 Stunden haben wir angefangen. Natürlich fragten wir uns damals, ob wir hier Beihilfe zum illegalen Grenzübertritt leisten. Aber da kamen Menschen mit unbehandelten Schusswunden, Kinder die seit Tagen nicht mehr geschlafen hatten. Jenseits der Politik war es gut zu helfen. Darauf bin ich durchaus stolz.“

Wer nur einen Tag als Reservist bei der Bundeswehr mitmacht, gilt nach Gesetz bis zum seinem 65. Lebensjahr als Angehöriger. Für Torsten Kossyk kein Grund zur Sorge. Er will weiter mitmachen, in Zukunft als Verbindungsoffizier, der als Ansprechpartner für die Behörden fungiert. Er engagiert sich nicht trotz, sondern wegen der Arbeit: „Sicherlich, man muss schon eine kleine Meise haben. Aber es ist wie Abenteuerurlaub. Es macht die Birne frei, schafft Abstand zum Job und man kommt auf völlig andere Gedanken.“

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