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Mecklenburg-Vorpommern

19. November 2017 | 13:35 Uhr

Alles nur mit links

vom

svz.de von
erstellt am 13.Aug.2012 | 09:38 Uhr

Neubrandenburg | Tom ist eingesperrt. In einem winzigen Kasten muss er bleiben. Genau vor seiner Körpermitte muss er bleiben, bleiben, nächster Kasten. An die eine Seite hat Kerstin Minning dem Fünfjährigen Feuerwehrautos gezeichnet, an die andere Seite lodernde Flammen. Mit dem dreikantigen Buntstift in der linken Hand malt sich Tom jetzt in die Freiheit, Krakelstrich für Krakelstrich. Bleiben, bleiben, nächster Kasten. Doch die Löschbrigaden kommen selten an, ohne den Kastenrand zu streifen. Tom trainiert seine linke Hand, seine "leichte" und seine schwache Hand. Üben, üben, nächster Kasten. "Wollen wir jetzt was anderes machen? Komm schon, bitte. Was, noch ein Feuer, och nee", sagt der Neubrandenburger Junge. Mit gutem Zureden und strengem Blick hält er die Ewigkeit bis zum allerletzten Feuer durch. Fünf Minuten sind anstrengend: Das Kind wird zappelig, unaufmerksam und nörgelig. Zehn Minuten sind eine Qual: Das Kind wird hektisch, verkrampft und laut.

Linkshänder wie Tom sind als Linkshänder zur Welt gekommen. Nur in ihrer Umgebung hat das niemand gemerkt. Sie haben Tom die rechte Hand zur Begrüßung gegeben. Er sollte mit rechts malen und das Besteck halten wie alle anderen. Dadurch hat er nicht seine "natürlich stärkere" sondern die rechte Hand geübt: Eine neurologische Verschwendung.

Linkshänder wie Tom fallen bei ihren Kinderärzten auf, weil sie feinmotorisch nicht auf der Höhe sind. Er kann keine briefmarkengroßen Bilder malen oder Klebestreifen mit einem Finger vom Tisch abpulen und ist beim Basteln schnell frustriert. Der Junge hat eine Überweisung zum Ergotherapeuten bekommen wegen ungeklärter Lateralität (Seitigkeit) und heute sitzt er bereits das 18. Mal bei Kerstin Minning im Therapiezentrum. Sie trainiert mit Tom sein Feinmotorikareal im Gehirn ganz nah am Sprachzentrum. Bei Tom liegt es rechts, überkreuz steuert er von hier seine linke Hand, das wäre der einfache Weg. Bisher hat Tom aber eine Art Außenposten auf der linken Hirnseite errichtet, damit er die rechte Hand besser kontrollieren kann, eine unnötige und gefährliche Anstrengung des Gehirns. Denn in der Folge drohen motorische und sprachliche Störungen, Unsicherheit, Konzentrationsschwäche und soziale Ausgrenzung. "Weil Tom die feinen Bewegungen nicht beherrscht, wird es ihm sehr schwer fallen, das Schreiben zu lernen. Das Schreibenlernen, das ohnehin zu den schwersten Aufgaben in der Kindheit gehört", sagt Kerstin Minning leise, während Tom sich einen silbernen Stift aus dem Becher aussucht. "Du flüsterst", sagt der Fünfjährige und seine Therapeutin gibt ihm Recht und lacht.

Der Neubrandenburger Junge ist aufmerksam, lebhaft, clever und seine Linkshändigkeit ist keine Krankheit. Knapp 30 bis 50 Prozent der Deutschen sind Linkshänder, wie Dr. Johanna Barbara Sattler vom Deutschen Linkshänderverein in München erklärt. Offiziell wird in der Republik seit den Sechziger Jahren nicht mehr umgeschult. "In der Realität sieht das leider immer noch anders aus", sagt Kerstin Minning. Das Zurückschulen, das Training fürs falsch eingespielte Gehirn ist dann für Linkshänder eine echte Quälerei.

Kerstin Minning sieht Tom in die Augen und fordert ihn auf: "Lauf erstmal." Der Junge springt hoch und läuft Runden im Zimmer. Laufen, laufen. "Noch einmal?" Die Ergotherapeutin, die sich in einer zweijährigen Ausbildung zum Thema Linkshändigkeit spezialisiert hat, nickt ihm zu. Tom lässt alle Feuerlösch-Kästen dieser Welt, alles Rücken-Durchdrücken und alles Stift-Richtighalten hinter sich. Er rennt, hält dann an und lässt sich neben Minning auf den Boden fallen. Kraftlos, wie seine Maltechnik. Weil er die Stifte nicht richtig hält, in einer Vorform steckengeblieben ist, die man Pfötchenstellung nennt, bei der alle Finger und der Daumen auf gleicher Höhe am Stift sind, kann er die Kraft nicht aufbauen, die man beim Schreiben braucht. Die Hand ist zu "leicht". Er legt den Ellenbogen nicht auf dem Tisch ab und malt deshalb aus der Schulter heraus. Eine Schulter taugt nicht für den Satz: "Mimi mag Omi". Umgeschulte Linkshänder lernen nicht richtig schreiben und nicht richtig lesen. Dadurch haben sie in allen Fächern Probleme, schlechte Noten, Frust und bleiben immer hinter ihren Möglichkeiten zurück.

Zum Abschluss der Sitzung darf Tom, weil er so gut mitgemacht hat, noch einmal Luftballon-Tennis mit der Therapeutin spielen. Die goldene Schnur liegt in der Zimmermitte und trennt beide Spieler wie eine natürliche Linie zwei Gehirnhälften. Der blaue Ballon hier geschlagen mit der Linken, dort geschlagen mit der rechten Hand, macht Umwege wie Nervenimpulse bei umgeschulten Linkshändern. Ein Spiel, das unter seinen Möglichkeiten bleibt.

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