DDR-Kult-Auto : Alles Gute, alte Rennpappe!

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Heute vor 60 Jahren ging der erste Trabant vom Band und noch immer ist das Auto Kult

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07. November 2017, 05:00 Uhr

Er ist laut, er ist klein, er stinkt und er ist noch immer Kult: der Trabant. Vor genau 60 Jahren rollte der erste Trabi vom Band. Heute sind noch immer deutschlandweit 34  500 der Kleinwagen aus Kunststoff unterwegs. Aber es werden weniger. Zu seinem 50. Geburtstag im Jahr 2007 waren 52  400 Trabis zugelassen.

Als die „Rennpappe“ 1957 die Straßen im Osten eroberte, galten Autos noch als Luxus. Um Trabi fahren zu können, nahm man nicht nur jahrelange Wartezeiten in Kauf, sondern auch kalte Füße im Winter, ein hohes Pannenrisiko und Verrenkungen, um auf Reserve schalten zu können. Dafür war man mobil und für manch eine Reparatur reichte eine Damenstrumpfhose. Kein Wunder, dass der Trabi noch heute eine große Fangemeinde hat.

Trabi-Land Nummer eins in Deutschland ist und bleibt Sachsen. Laut Statistischem Bundesamt sind im Freistaat 8769 Fahrzeuge des DDR-Kultautos aus Zwickau zugelassen und damit mehr als in allen alten Bundesländern zusammen (7398). Auf Platz zwei folgt Brandenburg mit 5640 Autos vor Thüringen mit 4989 und Sachsen-Anhalt mit 4847.

Schlusslicht in den ostdeutschen Bundesländern ist Mecklenburg-Vorpommern mit nur noch 2788 der Kultautos. In Berlin fahren 976. Das Land mit den wenigsten Trabis ist übrigens der Stadtstaat Bremen mit gerade einmal 39 Zulassungen.

Laut Experten profitiert Ostdeutschland noch immer von der früheren Produktion der DDR-Autos Trabi und Wartburg. Autobauer wie VW und Opel hätten sich nach der Wiedervereinigung in den neuen Bundesländern angesiedelt, weil es dort dank der DDR-Autotradition ausgebildete Fachkräfte gab, sagte Joachim Ragnitz, stellvertretender Leiter des Ifo-Instituts in Dresden. „Das Personal war das entscheidende Argument.“

Nach dem Ende der DDR begann VW, in Zwickau und in Chemnitz zu produzieren. Opel fertigte ab 1992 Autos in Eisenach, wo zuvor die zweite große DDR-Automarke, der Wartburg, ihren Standort hatte. „Basierend auf diesen Werken hat sich in Ostdeutschland ein riesiges Zulieferernetz entwickelt“, sagte Ragnitz. Die Automobilbranche gehöre in Sachsen, Thüringen und Sachsen-Anhalt heute zu den bedeutendsten Industriebranchen. Am 7. November 1957 war in Zwickau der erste Trabant vom Band des VEB Sachsenring Automobilwerke gelaufen. Bis 1991 wurden insgesamt gut drei Millionen Stück produziert. Zwei Jahre danach fuhren auf deutschen Straßen noch knapp ein Drittel davon.

Sein Herz schlägt für Rennpappen: Jens Rüberg
Jens Rüberg
Sein Herz schlägt für Rennpappen: Jens Rüberg

Echte Trabi-Liebe rostet nicht

Es ist der Geruch und das Knattern – diese Mischung macht die Besonderheit des Trabis aus, sagt Jens Rüberg. Er ist ein großer Freund des Wagens, der heute seinen 60. Geburtstag feiert. So alt ist Rüberg zwar noch nicht, doch so lange er sich erinnern kann, hat er für den Trabi geschwärmt. „Meine ersten bewussten Erinnerungen an ein Auto sind die Urlaubsfahrten mit meinen Eltern ins Elbsandsteingebirge – wir haben jeden Hügel mit dem Trabi bereist“, erzählt der 43-Jährige und bekommt noch heute leuchtende Augen.

Warum die Liebe zu einem Auto so viele Jahre Bestand haben kann, weiß er selbst nicht. „Es ist unerklärlich, denn das Auto besteht , wenn man mal ganz ehrlich ist, nur aus Plunder: alles Trompeten-Blech. Der Trabant ist eine ewige Baustelle“, erklärt er und muss laut lachen. „Ich frage mich jetzt wirklich, warum ich zwölf Stück davon habe. Das ist Liebe, das kann man nicht erklären“, schiebt er hinterher. Das sei vergleichbar mit Taubenzüchtern. „Eine gute Taube allein reicht nicht aus, da brauchst du auch mehr, um etwas zu erreichen“, betont Jens Rüberg. Wie ein Haustier brauche auch eine „Rennpappe“, wie das Fabrikat heute noch liebevoll genannt wird, viel Zuwendung. Fahren allein reiche nicht. „Frühjahrs- wie auch Herbstputz sind Pflicht. Sonst gammelt er weg“, weiß er aus Erfahrung. Drei seiner Trabis haben eine Straßenzulassung, die anderen warten auf Pflege und Reparaturen. Und wie es ausschaut, müssen sie sich auch weiterhin in Geduld üben. Jens Rüberg hatte einen Unfall, ist teilweise gelähmt und kämpft sich nun Stück für Stück zurück ins Leben. „Ich kann hoffentlich den Rollstuhl bald in die Ecke schieben und wieder laufen“, sagt er optimistisch.

Obwohl das Laufen, Schrauben und Trabi-Fahren momentan nicht möglich sind, ist er mit Eifer dabei, das nächste große Trabi-Treffen in Anklam vorzubereiten. Es ist eines der größten in Deutschland. Rüberg und seine Vereinskollegen stecken schon in den Vorbereitungen für die 24. Veranstaltung im Frühjahr.

Am 17. September 1993 gründete er mit acht Gleichgesinnten den „Trabbi-Buggy Club 93“ im vorpommerschen Quilow. Doch allein bei Benzingesprächen, gemeinsamen Schrauberrunden und beim Ersatzteiltauschen blieb es nicht. Rüberg und seine Mitstreiter wollten mehr. Mehr Gemeinschaft. Mehr Trabi-Freunde. Sie organisierten 1994 das erste Trabi-Treffen auf dem Anklamer Flugplatz. Mittlerweile folgen mehr als 1700 Teilnehmer der Einladung des „Trabbi-Buggy-Club 93“. Jährlich werden mittlerweile zwischen 800 und 1000 Fahrzeuge auf dem Anklamer Flugplatz ausgestellt. „Das sind jedes Mal zehn sehr anstrengende, aber tolle Tage mit witzigen Typen, vielen Trabis in allen Formen und Farben sowie reichlich Spaß“, sagt Jens Rüberg. Denn Polen, Norweger, Schweden und Briten gehören mittlerweile zu den Stammgästen. Wie verrückt manche Trabi-Freunde sind, zeigen Anfahrtswege von mehr als 1000 Kilometern: „Einige Teilnehmer wohnen weit östlich von Warschau“, erzählt Rüberg. Wie oft sie für eine Strecke die Tankstelle ansteuern, weiß er nicht. „Die haben ihren Trabant auf Gas umgestellt und haben immer eine Gasflasche zur Reserve dabei.“ Auf dem Gelände gibt es auch für Nicht-Trabifahrer viel zu bestaunen. Die Palette erstreckt sich von originalen 26-PS-Zweitaktmotoren bis hin zu aufgemotzten Wagen mit mehr als 120 PS.

Die Liste an Kuriositäten, die die Trabi-Freunde in den vergangenen Jahren gesammelt haben, ist lang. Dazu gehören Heiratsanträge. Aber auch mit mehreren Rekorden schafften es die Rennpappen-Besitzer zum Eintrag ins Guinness-Buch der Rekorde. Sie stellten unter anderem mit Fahrzeugen das Firmenlogo wie auch den Namenszug Trabant nach. „Wir haben sogar ein Trabi-Treffen-Baby: Emil wurde beim Treffen im vergangenen Jahr geboren. Er ist jetzt unser Ehrenmitglied“, sagt Rüberg stolz.

Obwohl die Liebe zu diesem ganz besonderen Kleinwagen schon vielen Kindern in den vergangenen Jahren in die Wiege gelegt wurde, schaut Jens Rüberg etwas betrübt auf das Frühjahr 2023. Dann will er den Staffel-Stab für die Trabi-Treffen gern an die nächste Generation übergeben. Seine Söhne wie auch die anderen Mitglieder der Jugendabteilung des „Trabbi-Buggy-Club“ seien jetzt noch euphorisch. „Ob sie in sechs Jahren mit genauso viel Eifer dabei sind, ihr Herzblut ausreicht, um die Tradition zu bewahren? Ich bin skeptisch“, gesteht der 43-Jährige. Noch ist das Zukunftsmusik. Bis zum 30. Trabi-Treffen schwingt der Familienvater selbst das Zepter: „Echte Trabi-Liebe rostet nicht und gibt mir die Kraft, zu kämpfen, so dass ich bald wieder voll dabei bin.“

Und der heutige Trabi-Geburtstag? „Der wird selbstverständlich gefeiert“, versichert er.

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