Stralsund : Algorithmen gegen Keime

Marcel Walz vom  Start-Up „GWA Hygiene“ überprüft in Stralsund den Testaufbau von  Desinfektionsspendern.
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Marcel Walz vom Start-Up „GWA Hygiene“ überprüft in Stralsund den Testaufbau von Desinfektionsspendern.

Bis zu 30 000 Patienten sterben jährlich an Krankenhauskeimen. Drei junge Stralsunder wollen das ändern

svz.de von
02. Mai 2017, 06:25 Uhr

Wie lässt sich die Hygiene im Krankenhaus verbessern? Diese Frage beschäftigt Maik Gronau seit er vor vier Jahren selbst im Krankenhaus lag. Dann kam dem damals 22-jährigen Wirtschaftsinformatik-Studenten aus Stralsund eine simple Idee: Gemeinsam mit Dirk Amtsberg und Marcel Walz entwickelte Gronau ein System, das das Klinikpersonal regelmäßig daran erinnert, sich die Hände zu desinfizieren.

Denn im stressigen Krankenhaus-Alltag geht diese Routineaufgabe oft unter. Das kann fatale Folgen haben. „Etwa eine Million Patienten erleiden während ihres Krankenhausaufenthaltes eine Infektion. Circa 15 000 bis 30 000 Menschen sterben daran“, sagt Peter Walger, Arzt und Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Krankenhaushygiene. Insgesamt lasse sich rund die Hälfte aller Infektionen verhindern. Genau hier kommt die Erfindung von Maik Gronau und seinen Kollegen zum Einsatz.

Die Idee: An jedem Desinfektionsspender im Krankenhaus ist ein Empfänger angebracht. Jeder Mitarbeiter trägt einen kleinen Sender am Kittel. Immer wenn er den Spender betätigt, wird ein Signal ausgelöst. Dadurch erfasst das System, welche Berufsgruppe sich wie oft die Hände desinfiziert. „Der Hygienearzt kann dann die Daten analysieren und sich gezielt überlegen, ob er Spender woanders hinstellt, größere Desinfektionsmittel-Flaschen nötig sind oder das Personal geschult werden muss“, erklärt Marcel Walz (24), der Dritte im Bunde. Vor zwei Jahren gründeten die Erfinder das Unternehmen GWA Hygiene. In ihrem Sitz im Innovations- und Gründerzentrum Stralsund beschäftigen die jungen Unternehmer mittlerweile drei Festangestellte und drei Praktikanten. Mit dem Klinikum Lüneburg haben sie seit Herbst vergangenen Jahres auch ihren ersten Kunden. „Unsere Mitarbeiter waren von Anfang an sehr neugierig auf das neue System. Entsprechend gut wurde es angenommen“, sagt Frank Oppenheimer, Hygienearzt der Klinik. Getestet wurde das System auf zwei Stationen, beteiligt waren Ärzte und Pflegepersonal - insgesamt etwa 70 Mitarbeiter. Oppenheimers erstes Fazit: „Auf einer Station verbrauchten die Mitarbeiter rund ein Drittel mehr Handdesinfektionsmittel. Das zeigt, dass wir auf dem richtigen Weg sind.“ Nach der erfolgreichen Testphase möchte das Klinikum Lüneburg das System für drei Jahre regulär einsetzen.

Auch Walger hält die Erfindung der drei Stralsunder für eine sinnvolle Methode, die Handhygiene zu verbessern: „Es braucht jedoch weitere Maßnahmen wie verbesserte Pflegeschlüssel, geschultes Reinigungspersonal oder mehr Isolations-Einzelzimmer.“ Deshalb sei es sinnvoll, das Hygieneverhalten anonymisiert zu erfassen anstatt jemanden persönlich zu bestrafen. So müsste sich eine Schwester auf der Intensivstation pro Schicht über 100 Mal die Hände desinfizieren. „Das schafft sie nicht, wenn sie drei oder vier Schwerkranke zu versorgen hat“, sagt Walger.

„Uns ist wichtig, dass kein Mitarbeiter bloßgestellt wird“, betont Walz. Eine ähnliche Erfindung aus den USA könne etwa auf den Meter genau verfolgen, wo sich welcher Mitarbeiter bewegt. „Das wäre in Deutschland datenschutzrechtlich kaum umzusetzen und ist nicht unser Ansatz. Mit unserem System sollen das Team überlegen, was sie gemeinsam verbessern können“, so Walz.

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