Spenden für Schulranzen : Alexis und ein Fehler im System

Stolz zeigt Alexis  Manuela Schwesig und ihrer Mutter Astrid Höger den neuen Ranzen und das Zubehör.
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Stolz zeigt Alexis Manuela Schwesig und ihrer Mutter Astrid Höger den neuen Ranzen und das Zubehör.

Seit gestern ist die Sechsjährige stolze Besitzerin eines Schulranzens – und Spenderin Manuela Schwesig um einige Erkenntnisse reicher

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11. Juni 2016, 05:00 Uhr

Am allerschönsten sind die Kletties: Mit fünf verschiedenen Pferdebildern kann Alexis ihren neuen Ranzen schmücken. „Am schönsten finde ich das Pony mit der langen Mähne. Sogar auf den Reflektoren halten die Kletties“, erklärt die Sechsjährige und strahlt Manuela Schwesig an. Die ist in dem Moment nicht Bundesfamilienministerin, sondern in erster Linie Mutter. „Weißt du, ich habe auch zwei Kinder. Und Julian, unser Sohn , hat zusammen mit seinem Papa den Zeitungsbeitrag über dich und deine Mama gelesen“, erzählt sie dem Mädchen. Als Familie hätten sie beschlossen zu helfen und den leuchtend roten Schulranzen mit den weißen Punkten für Alexis besorgt.

Der Beitrag in unserer Zeitung über Alexis und ihre Mutter hatte Ende April ein großes Echo gefunden. Astrid Höger hatte mit dem Mut der Verzweiflung im Internet einen Spendenaufruf gestartet, um Geld für Alexis Einschulung, vor allem aber für ihren Schulranzen zusammenzubekommen. Denn Alexis ist, verglichen mit Gleichaltrigen, sehr klein. Sie misst nur wenig mehr als einen Meter – und bräuchte deshalb einen Ranzen mit Brust- und Beckengurt, der ihr ermöglicht, ihre Schulsachen auf dem Rücken zu tragen, ohne Haltungsschäden zu bekommen. So sehr sie ihre Tochter liebt, selbst bezahlen kann Astrid Höger solch einen über 200 Euro teuren Ranzen nicht, denn die alleinerziehende Mutter findet seit Jahren in ihrem Beruf als Verkäuferin keine Arbeit. Zwar stehen ihr, wie allen Eltern schulpflichtiger Kinder im Hartz-IV-Bezug, im August 70 Euro für Schulmaterialien zu – doch 60 Euro davon gehen schon für Bücher und Lernmaterialien drauf, für einen Ranzen reicht das Geld lange nicht.

Alexis mit ihrem neuen Ranzen
Foto: Werner Mett

Alexis mit ihrem neuen Ranzen

Manuela Schwesig hört aufmerksam zu, als Astrid Höger davon erzählt, wie sehr sie sich seit Jahren bemüht, wieder Arbeit zu finden – und wie schwer es für sie als Alleinerziehende ist. „Das größte Problem ist das mit den Arbeitszeiten. Im Handel wird Schichtarbeit erwartet – aber Alexis’ Kita zum Beispiel macht schon um 17 Uhr zu.“ Es gebe, so die Bundesfamilienministerin, die in Schwerin wohnt, doch hier mehrere Kitas, die eine Randzeitenbetreuung anbieten. Das wisse sie, entgegnet Astrid Höger – aber dort gebe es eben auch sehr lange Wartelisten. „Wenn ich kurzfristig eine Arbeit angeboten bekomme, hilft mir das nicht weiter.“

Manuela Schwesig versichert ihr, dass sie mit diesem Problem nicht allein gelassen wird und fragt ganz direkt: „Was sollte die Politik für Frauen in Ihrer Situation tun?“ Astrid Höger muss nachdenken. Am liebsten, so sagt sie schließlich, würde sie sich beruflich noch einmal ganz neu orientieren. Aber da sie eine abgeschlossene Berufsausbildung in einer Branche hat, in der es freie Stellen gibt, käme eine Umschulung für sie nicht in Frage – das hätte man ihr im Jobcenter so gesagt. Manuela Schwesig weiß um diesen, wie sie sagt, Fehler im System. Damit Frauen in einer vergleichbaren Situation wie Astrid Höger unabhängig von Sozialleistungen werden könnten, müsse ihnen aber der Neuanfang in einem neuen Beruf ermöglicht werden, findet sie. Es müsste dann auch möglich sein, noch einmal eine neuen Beruf zu lernen, obwohl man bereits einen Abschluss hat.

Vielerorts würden sich in den Jobcentern schon speziell geschulte Mitarbeiter um alleinerziehende Mütter kümmern, erzählt die Ministerin. Auch Astrid Höger hofft jetzt auf eine Förderung, die ihren Lebensumständen gerecht wird: In der kommenden Woche hat sie im Jobcenter zum ersten Mal einen Termin bei einem Fallmanager.

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