zur Navigation springen

"Aktion Rose"- Enteignungswelle an der Ostsee

vom

svz.de von
erstellt am 08.Feb.2013 | 07:47 Uhr

Kühlungsborn | "Morgens um acht Uhr kamen drei Männer, ohne Durchsuchungsbeschluss", erzählt Ilse Fridrich aus Kühlungsborn, die in diesen Tagen 93 Jahre alt wird. Ihrer Mutter, die ein Kinderheim betrieb, wurde vorgeworfen, Kohlen und Zucker abgezweigt zu haben. "Das war eine einzige Lüge", regt sich die rüstige Seniorin noch heute auf. Auch 60 Jahre nach der "Aktion Rose", die am 10. Februar 1953 begann, ist die Erinnerung bei Ilse Fridrich nicht verblasst.

Die "Aktion Rose" war eine brutale Enteignungswelle vor allem im Hotel- und Gastgewerbe entlang der DDR-Ostseeküste. Es war aber keineswegs eine spontane Nacht-und-Nebel-Aktion. Im Verborgenen liefen die Vorbereitungen bereits seit dem Jahreswechsel auf Hochtouren. Interessante Objekte wurden bis zum Vortag ausgespäht und beobachtet, ehe 400 Polizeischüler aus dem sächsischen Arnsdorf am 9. Februar an die Küste gekarrt und in der Nacht auf fünf Einsatzabschnitte eingeteilt wurden. Die meisten von ihnen waren auf den Inseln Rügen und Usedom im Einsatz.

In Bansin, auf Usedom, klopften fünf Polizisten an die Tür des Hotels "Zur Post". Gerhard Gühler war damals 10 Jahre alt, das Hotel war sein Elternhaus. "Schwarzhandel wurde meinem Vater vorgeworfen", erzählt der heute 70-Jährige. Sein Vater habe sich für Kartoffeln und eingelegte Salzheringe im Keller rechtfertigen müssen. Dabei waren die Lebensmittel für die kommende Saison bestimmt. Auch die Schreibmaschine von Olympia, die neben einer kaputten VEB-Schreibmaschine stand, blieb den Kräften nicht verborgen. "Er wurde verhaftet und mehrere Tage verhört", erinnert sich Gühler.

Mit meist frei erfundenen Anklagen und Beschuldigungen wurden 400 Besitzer von Hotels und Pensionen im Frühjahr 1953 angeklagt, ihr Besitz wurde beschlagnahmt. Historikern zufolge wurden mehr als 621 Immobilien enteignet. Zusammen hatten sie einen Wert von rund 30 Millionen D-Mark. Die meisten Häuser wurden in Ferienheime des früheren DDR-Gewerkschaftsdienstes FDGB umgewandelt. Zudem wurden 1,65 Millionen D-Mark Bargeld sowie Schmuck und andere Wertsachen von 300 000 D-Mark sichergestellt. Hunderte Personen wurden von dem Sondergericht Bützow-Dreibergen zu teils absurden Strafen verurteilt, sie reichten von einigen Monaten Gefängnis bis zu 10 Jahren Zuchthaus.

Die Enteignungen gelten als eine der größten staatlich gelenkten Unrechtsaktionen in der europäischen Nachkriegsgeschichte. Viele Menschen flohen aus der DDR und hinterließen ihr gesamtes Hab und Gut, das der Staat dann an sich riss. Die meisten der Verhafteten wurden nach kurzer Gefängniszeit auf Bewährung entlassen - ihr Eigentum erhielten sie nie zurück.

Das Trauma der 33-jährigen Ilse Fridrich war nicht zu Ende. Sie war Besitzerin einer kleinen Tischlerei im Ostseebad Kühlungsborn. Wenige Tage, nachdem ihre Mutter verhaftet worden war, kamen erneut drei Vertreter der Staatsmacht - dieses Mal war sie dran. Nun wollte die DDR auch das Gelände der Tischlerei. Nach langer Suche fanden die Männer eine Rechnung über einen in West-Berlin gekauften Mantel. "Ein Schrei der Freude war die Reaktion." Ihr Schicksal war besiegelt.

Neun Monate Haft in Bützow-Dreibergen lautete Wochen später das Urteil, das nur dazu diente, an ihr Vermögen heranzukommen. "Danach standen meine Mutter und ich vor dem Nichts".

Die Haftbedingungen in Bützow-Dreibergen waren katastrophal. Das Bützower Zuchthaus war vollkommen überbelegt, sagt Andreas Wagner. Er ist wissenschaftlicher Mitarbeiter bei dem Verein politische Memoriale , der das alljährliche Bützower Häftlingstreffen politisch Inhaftierter mitorganisiert. "Die Zeitzeugen erzählen von Einzelzellen, in denen fünf, sechs bis zu zehn Personen untergebracht waren. Sie mussten auf dem Fußboden schlafen und wurden nur mangelhaft versorgt."

Gerhard Gühlers Vater kam vor das Schnellgericht in Anklam. Schwarzhandel und Angriff gegen die Staatsgewalt lautete die Anklage, so Gühler. Doch er hatte Glück - er kannte den Richter noch aus vergangenen Tagen, gemeinsam hatten sie den Untergang des Schlachtschiffes Tirpitz überlebt. "Er durfte noch einmal nach Hause zu seiner Familie, bevor er am nächsten Morgen um 5 Uhr abgeführt werden sollte. Das war ein großer Wink", erklärt Gühler.

Als sein Vater nachts um halb eins das Haus betrat, packte er schnell einige Sachen zusammen, nahm aus der Tageskasse 1500 Mark und dann fuhr ein Bekannter die Familie nach Westberlin. "Dort lebten wir zunächst ein halbes Jahr im Notaufnahmelager bis wir nach Stuttgart gingen."

Doch nicht überall verlief die "Aktion Rose" ohne Widerstand. In Zingst auf dem Darß schrieben die Bürger Geschichte. Sie waren empört über die Verhaftungen und Enteignungen, sagt Lilo Nagengast, die gemeinsam mit dem Heimatverein Zingst dort die "Aktion Rose" aufarbeitet. Sie begehrten auf, luden zur Einwohnerversammlung. 600 Zingster forderten in einer Petition an Wilhelm Pieck, dass die gefällten Urteile überprüft werden. Aber der SED-Staat griff durch. Verhaftete den Bürgermeister Gerhard Wallis, Otto Fassbaender sowie einen Arzt aus Zingst, erzählt Nagengast.

Eine Stigmatisierung, unter der viele auch heute noch leiden, blieb. Neben der Enteignung war für die Opfer nach Worten von Anne Drescher, stellvertretende Leiterin der Stasi-Unterlagenbe hörden in Mecklenburg-Vorpommern, die öffentliche Bloßstellung mit den meist haltlosen Anschuldigungen schlimm.

Alle Opfer der "Aktion Rose" warteten nach der Wiedervereinigung vergebens auf Rehabilitation. Der materielle Ausgleich sei in den zwei SED-Unrechtsbereinigungsgesetzen 1992 und 1994 zwar recht gut geregelt worden, sagt Drescher. Schon lange gibt es die Forderung nach einer moralischen Wiedergutmachung. "Es geht nicht mehr ums Geld", betont sie.

Für zerstörte Familientraditionen, die teils Jahrhunderte zurückreichten, könne es keine Entschädigung geben. Das Leid der Menschen hätte in die Mitte der Gesellschaft gerückt werden müssen - als kleiner Beitrag zum Frieden mit der Geschichte. Wenn sich die Landtage im Osten oder auch der Bundestag mit dem Problem beschäftigten und sich für die Wiedergutmachung aussprächen, wäre das hilfreich, sagt Drescher.

In Stuttgart Stammheim hatte Gerhard Gühlers Vater ein Jahr später mit den Gedanken gespielt zurückzukehren. Aber er entschied sich, in der Bundesrepublik zu bleiben. Er war auch dort selbstständig, baute einen Fuhrbetrieb auf und hatte eine Gaststätte. Aber als die Wende kam zog es dann den Sohn zurück in die Heimat, auf die Insel Usedom, ins Elternhaus. "1990 bin ich wieder Eigentümer des Hauses geworden", sagt Gühler. Im gleichen Jahr machte er sich an die Arbeit, den Familienbesitz wieder auf Vordermann zu bringen. "Das Haus war in einem sehr schlechten Zustand, aber sein Elternhaus reißt man nicht ab." Aufregend war die Zeit, schließlich sei er ja nur Kaufmann. 1995 baute er das Hotel weiter aus, gab seinen Job bei einer belgischen Fluggesellschaft auf und versuchte nun seine touristische Erfahrung dort einzubringen.

Für Ilse Fridrich war es ein gewisses Glück im Unglück, dass ihr Eigentum noch im Grundbuch eingetragen war. Ende der 1970er Jahre wurde das Grundstück an einen Berliner verkauft, und sie erhielt 28 000 Ost-Mark. Die Kühlungsbornerin ist eine der wenigen Überlebenden, die als junge Erwachsene die brutale Aktion miterlebt haben und diese bitteren Erfahrungen nun mit den folgenden Generationen teilen können. "Verzeihen kann ich alles, vergessen tu ich nichts."

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen