Gefährliche Ignoranz : Ärger über leichtsinnige Schwimmer

 
1 von 13
Foto: Tilo Wallrodt

„Der Leichtsinn der Leute macht einen wirklich ratlos“, sagt Paul Leidig, zuständig für die Wasserwacht des Roten Kreuzes auf Usedom, am Tag nach dem spektakulären Rettungseinsatz am Strand von Bansin. Die Rettungskräfte hätten bis an ihre Grenzen gehen müssen.

von
18. August 2015, 12:57 Uhr

Natürlich hat Paul Leidig am Dienstag wieder Platz an seinem Schreibtisch in Anklam genommen, von wo aus er die Arbeit des Rettungsdiensts des Roten Kreuzes (DRK) in Ostvorpommern leitet. Aber mit den Gedanken ist er immer noch auf Usedom, wo er sich am Montagnachmittag eher zufällig aufgehalten hatte, als die DRK-Wasserwacht dort einen ihrer bislang größten Einsätze in der Ostsee hatte. „Wir müssen das alle erst mal verdauen“, sagt er: „Das hatte ein Ausmaß, wie ich es in den zurückliegenden Jahrzehnten noch nicht erlebt habe.“ Auch die Wasserschutzpolizei bestätigte, es habe sich um einen außergewöhnlich gefährlichen Unfall gehandelt.

Am Montagnachmittag hatte sich eine Gruppe von zunächst sechs jungen Erwachsenen am Strand von Bansin in die Ostsee gewagt - trotz Badeverbots und ausdrücklicher Ermahnungen der Rettungsschwimmer.

Weil sie bei anlandigem Wind mit Böen bis zu Stärke 7, bis zu 1,50 Meter hohen Wellen und starker seitlicher Unterströmung tatsächlich in Not gerieten, versuchten zunächst vier weitere Strandbesucher, ihnen zu helfen. Dabei gerieten auch die Helfer in Not. Über eine Notrufsäule am Strand riefen andere Strandbesucher dann die Wasserwacht.

Deren Wachleiter Sebastian Antczak informierte die Rettungsleitstelle des Landkreises und löste so einen Großeinsatz von Rettungsdiensten, Feuerwehr und Seerettern aus, weil klar war, dass es schwer werden würde, die zehn Menschen, die teils schon weit abgetrieben waren, zurück an Land zu holen: „Normalerweise haben wir ein Schlauchboot, Jetskis und weitere schwimmende Geräte“, sagt Paul Leidig: „Aber bei dieser Witterung konnten wir das nicht einsetzen.“ Zwar habe sich über Seefunk schnell auch ein Fahrgastschiff zur Unterstützung angeboten, doch das sei aufgrund seines Tiefgangs nicht zum Einsatz nahe der Küste geeignet - schon gar nicht bei diesen Windverhältnissen. Auch ein Rettungskreuzer der DGzRS machte sich auf den Weg, doch dessen Anfahrt dauerte.„Wir haben daher Schwimmkörper wie Luftmatratzen eingesetzt, um überhaupt etwas zu haben, mit dem wir die Leute stabilisieren können“, berichtet Leidig: „Letztlich haben wir unsere Rettungsschwimmer dann an einer Rettungsleine losgeschickt, um die Verunglückten zu retten.“ Mit dieser Methode rettete man schließlich allen zehn in Not Geratenen. Drei von ihnen kamen ins Krankenhaus, sieben wurden vor Ort versorgt.

Auch den eigenen Kräften, immerhin rund ein Dutzend Rettungsschwimmer, dazu Feuerwehrleute und Sanitäter - auch aus Polen -, sei nichts passiert. Insgesamt dauerte es fast zwei Stunden, bis alle Schwimmer in Sicherheit waren.

Auch die Retter selbst hätten sehr auf ihre Sicherheit achten müssen, sagt Leidig: „Streng genommen ist so eine Wetterlage auch für unsere Leute zu gefährlich.“ Die Eigengefährdung durch so einen Einsatz sei einer der Aspekte, der gerade den ehrenamtlichen Rettungsschwimmern im Nachhinein Kopfzerbrechen bereite: „Das kann man nicht einfach zu den Akten legen, darüber muss man reden. Unsere Leute verstehen nicht, warum sie erst den ganzen Tag am Strand entlanglaufen und die Gäste ermahnen, nicht ins Wasser zu gehen. Und dann gibt es so einen Notfall. Aber auch der hauptamtliche Wachleiter war nach dem Einsatz sehr aufgebracht. Und das kann ich gut verstehen.“ Nähere Angaben zur Herkunft der sechs Jugendlichen, die den Einsatz ursprünglich ausgelöst hatten, machten weder die Wasserwacht noch die Wasserschutzpolizei. Es habe sich um Urlauber gehandelt, hieß es lediglich. „Der Vorfall ist ein Beispiel für grenzenlosen Leichtsinn und zeigt, dass die Ostsee immer noch unterschätzt wird“, sagte Achim Froitzheim, Sprecher des Landkreises Vorpommern-Greifswald: „Wir danken den Rettern, die im Wasser, an Land und in der Luft ein hervorragendes Zusammenspiel an den Tag gelegt haben.“

Wieder Schwimmer trotz Badeverbots in der Ostsee

Erneut sind trotz roter Flaggen Badegäste am Strand von Bansin auf Usedom in die Ostsee gegangen und mussten gerettet werden. Rettungsschwimmer holten am Dienstag vier Menschen aus dem Wasser, wie ein Sprecher des Landkreises Vorpommern-Greifswald sagte.

Diese hätten sich zuvor den Anweisungen der Rettungsschwimmer widersetzt und seien trotz der gehissten roten Flagge schwimmen gegangen. Es handle sich um den Strand, an dem am Montagnachmittag zehn unvernünftige Jugendliche gebadet hatten und in Not geraten waren.

Am Dienstag seien die Rettungsschwimmer schneller bei den Schwimmern gewesen und hätten sie an Land geholt, bevor Rettungskräfte der Leitstelle des Landkreises angefordert werden mussten. Auf der Insel herrschen derzeit Wetterverhältnisse, die zu starken, gefährlichen Unterströmungen führen.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen