Gespräch mit Rolf Christiansen : Ackern für „eine ganz spannende Region“

Rolf Christiansen beim Elbhochwasser 2013 im Hafen von Dömitz Fotos: Archiv
Rolf Christiansen beim Elbhochwasser 2013 im Hafen von Dömitz Fotos: Archiv

20 Jahre an der Kreisspitze und kein bisschen amtsmüde: Gespräch mit Rolf Christiansen, dem dienstältesten Landrat Mecklenburg-Vorpommerns

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20. Juli 2014, 08:50 Uhr

Am Sonntag vor 20 Jahren stieg der Kreisvater zum ersten Mal in die Bütt. Als frisch gebackener Landrat von Ludwigslust musste Rolf Christiansen die Gebietsreform von 1994 meistern. Seit 2011 steht der 57-Jährige an der Spitze der Verwaltung des Großkreises Ludwigslust-Parchim. Redaktionsleiter Udo Mitzlaff sprach mit dem so gar nicht amtsmüden dienstältesten Landrat von MV über Spaß an der Arbeit und persönliche Eindrücke.

Frage: Die Berliner Zeitung schrieb im Juli 1994 über den wärmsten Sommer seit 150 Jahren. 20 Jahre später schwitzen wir wieder. Können Sie sich noch an den 20. Juli 1994 erinnern, den Tag ihres Amtsantritts als Landrat von Ludwigslust?

Rolf Christiansen: Ich erinnere mich gut, wenn auch nicht ans Wetter. Die Wahl zum Landrat hatte ein relativ klares Ergebnis. Aber die Zeit davor war spannend. Es war ein merkwürdiger Wahlkampf, ich erinnere mich noch, dass mein CDU-Gegenüber bei der gemeinsamen Wahlveranstaltung nicht dabei war.

Sie sind gebürtiger Insulaner, kommen von der Insel Föhr, weiter westlich geht kaum. Hat das eine Rolle gespielt?

Christiansen: Es gab in der Öffentlichkeit verbale Attacken auf den Wessi. Meine Frau hat sehr darunter gelitten.

Bei der Wahl im Kreistag spielte das dann keine Rolle mehr?

Christiansen: Die CDU hatte einen hauchdünnen Vorsprung. Wir haben vor der Wahl Gespräche mit den Fraktionen geführt. SPD, PDS, Bündnis 90 und Bauern haben mich unterstützt. Aber es war schon spannend. Wie sicher war es, dass die Verabredungen halten? Wie stand man zur PDS? Das Ergebnis fiel dann aber klar aus.

Damals schlugen die Wogen hoch, weil nach der Kreisgebietsreform Ludwigslust Kreisstadt wurde und nicht Hagenow...

Christiansen: Das war noch jahrelang spürbar. Mein Vorteil war, vollkommen neu reinzukommen. Ich habe zwar im Altkreis Hagenow gewohnt, aber genau in der Delle zum Landkreis Ludwigslust.

Packt Sie manchmal das Heimweh nach der Insel Föhr?

Christiansen: Nee, überhaupt nicht. Ich bin ja 1977 von der Insel runter und nach Hamburg gezogen. Vor einigen Jahren – das war so Ende der 90er – wollten wir auf Föhr Urlaub machen. Nach einer Woche haben meine Frau und ich uns angesehen und gesagt: Lass uns mal nach Hause fahren.

Das Zuhause ist also Picher...

Christiansen: Mit dem Hauskauf in Picher sind wir angekommen. Wir sind als Familie im Dorf wunderbar aufgenommen worden, haben nie Ablehnung gespürt. Nur einmal bei meiner Vorstellung bei der SPD. Backhaus war dabei, Ringstorff auch. Da stand einer auf und fragte: Müsst ihr unbedingt einen Wessi aufstellen? Das war Heinrich Busse-Souchon, später mein langjähriger Stellvertreter.

Die anderen beiden SPD-Größen sprechen anders über Rolf Christiansen. Harald Ringstorff schätzt Ihre Beharrlichkeit und Verlässlichkeit. Wenn Sie Ihre Arbeit auf einen Grundsatz verdichten müssten, wie würde der lauten?

Christiansen: In Tangstedt – ich war dort stellvertretender Bürgermeister – habe ich Wahlkampf gemacht mit dem Satz: Mit dem Bürger für den Bürger. Das ist für mich immer ein Anliegen gewesen, Kommunalpolitik und Verwaltung aus der Sicht des Bürgers zu sehen. Deshalb auch die Bürgerbüros oder die einheitliche Behördenrufnummer 115.

Seit 2011 sind Sie Landrat des nächsten, noch größeren Landkreises. Zum Start krachte es mächtig zwischen Parchim und Ludwigslust wegen der Kreisstadtfrage. Auch Sie bekamen Ihr Fett ab...

Christiansen: Da gab es persönliche Beleidigungen. Es standen aber aus meiner Sicht einige Akteure dahinter, die das geschürt und ganz bewusst politisch genutzt haben.

Man sieht Sie seit 2011 oft im Altkreis Parchim, auch an den Wochenenden...

Christiansen: Es ist schon mein Anspruch, vor Ort präsent zu sein. Mit der neuen Kreisgröße ist das eine besondere Herausforderung. Aber das gehört dazu, das muss sein.

Gehört dieser Teil des Jobs zur Pflicht oder ist es schon Spaß?

Christiansen: Es macht eindeutig Spaß, mit den Bürgern ins Gespräch zu kommen. Ich empfinde die Begegnungen als schöne Momente. Auch wenn ich nach Veranstaltungen einfach mal Abends noch auf eine Stunde bleibe. Es ist ja auch so, dass die Leute mal Klartext reden, das ist vollkommen in Ordnung.

Ihre Amtszeit läuft bis 2018. Gibt es noch eine Runde?

Christiansen: (lacht) Das weiß ich heute noch nicht. Von der Rechtslage könnte ich nochmal antreten, ja. Der Job macht mir Spaß. Und was einem Spaß macht, das tut man gern.

Denken Sie manchmal daran, Ihrer Ex-Landratskollegin Birgit Hesse aus Nordwestmecklenburg als Minister in der Landesregierung Gesellschaft zu leisten?

Christiansen: Nee! Klares Nein! Diese Frage stellt sich nicht. Hier als Landrat weiß ich, was ich habe.

Auch auf Kreisebene werden die Herausforderungen nicht kleiner. Wie geht es mit der Windkraft weiter?

Christiansen: Wir werden im Regionalen Planungsverband im Dezember Beschlussfassungen zu Kriterien und möglichen Gebieten haben, die dann in die öffentliche Beteiligung gehen. Dann kann jeder noch einmal dazu Stellung nehmen. Dann wird mindestens eine weitere Beteiligungsrunde folgen.

Gut ausgebildete junge Menschen aus dem Osten kommen wieder in ihre Heimat zurück. Warum sollen die ausgerechnet in unserem Landkreis ihre Zukunft sehen?

Christiansen: Das A und O ist, dass wir attraktive Arbeitsplätze haben, auch in der Verwaltung. Wir haben interessante Firmen, eine sehr gute Infrastruktur und Kinderbetreuung. Wir wollen eine intakte Bildungslandschaft behalten. Hier müssen wir mit dem Land streiten, wie groß Schulen sein sollen.

Demographie plus knappe Kassen gleich Sparen: Ist der Weg nicht vorgezeichnet?

Christiansen: Ich bin nicht der Auffassung, dass man alles unter das Diktat eines schrumpfenden Landes stellen darf. Man muss für die jungen Menschen attraktiv bleiben. Da kann man nicht einfach überall alles abbauen.

Mehr Bewohner bedeutet mehr Baugrundstücke...

Christiansen: Wir müssen über das Raumentwicklungsprogramm diskutieren und flexibler werden. Derzeit richtet sich alles auf Ober- und Mittelzentren aus. Die Familien wollen aber dort bauen, wo Omas Grundstück liegt. Hier müssen wir weniger bevormunden.

Also bekennt sich der Landkreis zum Zuzug?

Christiansen: Wir wollen ganz klar Zuzug. Und wir wollen Potenziale auch für Menschen mit nicht gerade üppigen Gehältern entwickeln.

Blicken wir noch weiter nach vorn: Wo sehen Sie sich in 20 Jahren?

Christiansen: (lacht) Auf einer Terrasse an der Elde mit einer Pfeife in der Hand.

Sie bleiben also im Landkreis?

Christiansen: Na klar, warum nicht?

Was einem Spaß macht, das tut man gern, sagten Sie. Gilt das auch für den Tanker mit 1000 Mitarbeitern, Ihre Verwaltungsmitarbeiter?

Christiansen: Wenn man sagt, man hat an dem Job Spaß, dann geht das nur, weil es unheimlich viele Kolleginnen und Kollegen in der Verwaltung gibt, die einen guten Job machen, die mir die Arbeit leicht machen, die Ideen mitnehmen, die Ideen bringen.

Moderne Verwaltung hat wohl nicht allzuviel mit Baumann und Clausen zu tun?

Christiansen: Meine Verwaltungsphilosophie ist, dass die Kollegen durchaus Gestaltungsmöglichkeiten haben. Ich traue ihnen schon zu, dass sie ihren Job ordentlich machen und dass sie Entscheidungen selber treffen können. Es muss nicht alles vier oder fünf Stufen durch die Verwaltung laufen.

20 Jahre und tausende Begegnungen. An welche Weggefährten erinnern sie sich gern?

Christiansen: Da gibts viele. Harald Ringstorff ist für mich immer eine ganz besondere Persönlichkeit gewesen, auch wenn ich in den ersten beiden Jahren bei ihm nicht das hohe Ansehen hatte. Da war ich der junge Jurist, der alles unter dem rechtlichen Aspekt betrachtet. Wir haben uns dann gefunden. Ich habe Harald Ringstorff viel zu verdanken und er war und ist für mich in vielen Fragen Vorbild.

Ein Urgestein. Wer fällt Ihnen noch ein?

Christiansen: Mit wem ich von Anfang an eng verbunden war, ist Till Backhaus. Gottfried Timm ist zu nennen. Eine ganz treue Begleiterin ist Gisela Schwarz. Mir fallen aber noch unheimlich viele ein. Ein ganz wichtiger Pol ist immer die Familie gewesen.

Sollten Landräte Visionen für die Zukunft haben?

Christiansen: Die muss man haben, ansonsten verwaltet man nur. Mein Anspruch als Chef einer Verwaltung ist: Ich will gestalten – im Interesse der Menschen. Da muss man auch mal querdenken, weiterdenken und Visionen entwickeln. Ich habe bei meiner Amtseinführung 1994 Bezug auf zwei Daten genommen, die mich geprägt haben. Einmal war das 50 Jahre zuvor das Attentat auf Hitler. Dann 25 Jahre vor 1994 die erste Mondlandung. Auch das war eine Vision, die umgesetzt wurde.

Wollten Sie eigentlich immer Politiker werden?

Christiansen: Nein. Als ich mit einem meiner Lehrer über meine Ausbildung zum Rechtsanwaltsgehilfen sprach, sagte der: Was soll das denn? Du bist doch keiner fürs Büro. Eigentlich wollte ich Forstwirt werden.

Der Einzelkämpfer also. Und nun sind Sie als Landrat zur Diplomatie und zum Kompromiss gezwungen. Kann das gutgehen?

Christiansen: Ich habe meinen kritischen Blick auf Verwaltung nicht verloren. Oft frage ich: Kann man da nicht mehr Freiheiten geben, muss man alles verwalten?

Wenn Sie nicht Landrat wären, wäre der Blick auf den Kreis ein anderer?

Christiansen: Nein, Ich finde das ganz toll, wie viele Akteure wir vor Ort haben, die immer wieder bereit sind, etwas anzuschieben. Eigentlich haben wir eine ganz spannende Region, die unheimlich viel Spaß macht.

Gab es auch weniger spaßige Momente?

Christiansen: Auch schlaflose Nächte gab es, wenn auch selten. Beim Hochwasser 2002 hatte ich sie.

Ein schöner Moment...

Christiansen: Auszeichnungen für den Landkreis sind immer schöne Momente. Ein schöner Moment war, die Abschiebung einer Familie zu verhindern. Mit zwei kleinen Kindern, die hier zur Schule gingen. Wir haben damals gesagt: Die bleiben hier. Und wir haben es geschafft.

Nachdenkliche Begegnungen?

Christiansen: Ich bekomme eine Gänsehaut, wenn ich an eine ganz besondere Begegnung denke. Ich habe jedes Jahr eine Frau besucht, die mehr als hundert Jahre alt wurde. Im Scherz haben wir zum Abschied immer gesagt, jetzt machen wir für nächstes Jahr einen Termin. Zum 104. hat sie gesagt: Herr Christiansen, wir brauchen keinen Termin mehr, wir sehen uns nicht wieder. Bald darauf starb sie. Gespräche mit sehr alten Menschen sind ein Geschenk.

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