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Acht Jahre - und schon die Shoa im Unterricht?

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erstellt am 27.Jan.2011 | 06:20 Uhr

Neustrelitz | Das Landestheater Neustrelitz bietet Führungen durch die Ausstellung schon für Kinder ab der dritten Klasse an. "Die frühe Erstbegegnung mit diesem verstörenden Thema stellt sowohl pädagogisch als auch methodologisch eine Herausforderung für den Lehrer dar", schreiben dazu die Yad Vashem-Autoren und Wissenschaftler Shulamit Imber und Dr. Noa Mkayton, die ein Lehrerbe gleitheft und ein Stundenbild zum Buch der Autorin Naomi Morgenstern "Gern wäre ich geflogen - wie ein Schmetterling" erarbeitet haben. In dem Buch wird die persönliche Geschichte eines jüdischen Mädchens im Holocaust erzählt.

"Bedenken gegen die Holocaust-Erziehung im Grundschulalter sind nicht nur verständlich und völlig legitim, sondern geradezu notwendig, wenn über adäquate Prämissen nachgedacht wird, unter denen Erzieher erwägen, Acht- bis Neunjährige mit diesem Thema zu konfrontieren", heißt es einleitend bei Imber und Mkayton. Nicht nur in Israel, sondern auch in Deutschland begännen immer mehr Lehrer, sich mit dieser Herausforderung auseinanderzusetzen und beriefen sich dabei auf folgende Argumente:

1. Die Allgegenwärtigkeit des Holocaust in den Medien mache es unvermeidlich, dass Kinder und Jugendliche auf gänzlich unkontrollierbare Weise mit dem Thema konfrontiert werden. Fernsehbilder, Augenzeugenberichte, Hollywoodfilme oder Reportagen in den Printmedien würden im Zustand einer Halb-Informiertheit aufgeschnappt und ohne jegliche gesteuerte Betreuung den unfreiwilligen Konsumenten zur persönlichen Verarbeitung zugemutet. Auf diese nicht zu vermeidende Konfrontation sei das Kind besser vorbereitet, wenn es in einer behutsamen Erstbegegnung durch eine ihm bekannte Vertrauensperson an das Thema herangeführt wird.

2. Durch diese unkontrollierte und inadäquate Konfrontation entstehe der von vielen Pädagogen beklagte Effekt der "Überfütterung". Bereits in der Unterstufe äußerten Schüler, das Thema "nicht mehr hören zu können", ohne dass bereits eine ernsthafte Auseinandersetzung im Klassenraum stattgefunden hätte. Die Ursache für dieses Phänomen scheine darin zu liegen, dass bei der oberflächlichen Begegnung mit dem Thema Holocaust den Kindern und Jugendlichen jegliche Möglichkeit zu einer Identifizierung verweigert werde. Damit seien sie den traumatisierenden Elementen des Holocaust schutzlos ausgeliefert. Auf dem Wege einer sorgfältigen Sensibilisierung könnten hingegen die jungen Lernenden spezifisch auf ihre emotionale Kapazität abgestimmte Elemente des Holocaust verinnerlichen, während andere bewusst von ihnen ferngehalten werden. Dadurch werde ein Zugang ermöglicht, der zum einen die wirkliche Vertiefung von Kenntnissen erlaubt, und zum anderen die natürliche Neugier auf Erweiterung des erworbenen Wissens weckt.

3. Entscheidend sei, wie, auf welche Art und Weise, erzählt wird. Erziehung sei ein durchaus nicht immer schmerzfreier Prozess. Das "Aufsparen" des sowohl in Israel als auch in Deutschland - auf unterschiedliche Weise, aus unterschiedlichen Gründen - schmerzenden Gegenstands des Holocaust "für später" könne zu einem abrupten, weil zu lange zurückgehaltenen Ausbruch führen, der die Jugendlichen überfordere. Durch eine sorgfältige und früh genug einsetzende Begegnung mit dem Holocaust könnten Pädagogen und Erzieher dabei helfen, diese schmerzende, frustrierende, oft massiv mit inneren Abwehrmechanismen bekämpfte Konfrontation abzufedern, argumentieren die Wissenschaftler.


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