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Dietmar Woidke : "Ach, der neue Herr Platzeck..."

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Der Forster Rosengarten ist ein wichtiger Meilenstein im Leben des Politikers Dietmar Woidke: Eine seiner ersten politischen Aktivitäten nach der Wende galt der Rettung des Geländes, auf dem 1913 die erste Rosenschau stattfand.

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erstellt am 27.Aug.2013 | 09:48 Uhr

Potsdam | "Ach, der neue Herr Platzeck ist ja auch da!" Wenn Dietmar Woidke über das Gelände der Deutschen Rosenschau in Forst an der Neiße geht, erkennen ihn die Menschen. Hände werden geschüttelt, Worte gewechselt, immer wieder muss der Innenminister stehenbleiben. Denn der SPD-Politiker ist ein Forster Urgestein: Seit Generationen schon lebt seine Familie in Naundorf bei Forst. Die Woidkes sind Lausitzer, durch und durch.

Und der Forster Rosengarten ist ein wichtiger Meilenstein im Leben des Politikers: Eine seiner ersten politischen Aktivitäten nach der Wende galt der Rettung des Geländes, auf dem 1913 die erste Rosenschau stattfand. Woidke engagierte sich in einer Initiative, die den Verkauf des Gartens an einen Investor stoppte, der dort ein Hotel errichten wollte. Denn auch persönlich verbindet der Politiker Erinnerungen mit dem Park: Zum Beispiel mit der "Nacht der Tausend Lichter". Zu DDR-Zeiten verabredeten sich hier die jungen Forster, und auch seine zweite Ehefrau, eine alte Bekannte aus Forst, traf der Politiker bei Kerzenlicht im Rosengarten wieder…

Romantiker und Rocker mit langen Haaren

Doch der künftige Ministerpräsident war nicht nur Romantiker, er war auch Rocker. In der Gesellschaft für Sport und Technik engagierte er sich in der Sektion Motorsport - "um mit Motorrädern durch die Kiesgrube zu fahren". Lange Haare trug der junge Dietmar Woidke, und für eine lokale Band, die "Rock-and-Roll-Rudis", schrieb er englische Texte ab. An der Schule belegte er freiwillig Englischkurse, hörte Led Zeppelin und Rolling Stones und kaufte auf der anderen Seite der Neiße, im besser versorgten polnischen Plattenladen, die neuesten Scheiben. Heute kann der designierte Ministerpräsident auch Verhandlungen auf Englisch führen. Längst nicht jeder deutsche Politiker ist dazu in der Lage.

Aber war Dietmar Woidke ein Rebell? Offen spricht der Politiker von FDJ und Jugendweihe, schildert eine eher typische DDR-Biographie. Bis zur 11. Klasse, wo ihn sein Schulleiter überreden wollte, als Offizier zur NVA zu gehen. Als er das ablehnte, gab es ein Schulzeugnis, mit dem man nur noch "Landwirtschaft oder Maschinenbau" studieren konnte: Dietmar Woidke sollte seine "Einstellung zum sozialistischen Vaterland überprüfen" stand darin.

Der "letzte Schafhalter in Berlin-Mitte"

Woidke entschied sich für Landwirtschaft, ging nach Berlin, wurde zum "letzten Schafhalter in Berlin-Mitte": Für seine Doktorarbeit fütterte Woid-ke Schafe und untersuchte das, was anschließend hinten herauskam. Den Assistenten am Institut für Ernährungsphysiologie interessierten Zusatzstoffe, mit deren Hilfe der Futtermittelwert von Stroh erhöht werden konnte. Oder, wissenschaftlich gesagt: "Laboruntersuchungen zur Strohkonservierung mittels Harnstoff-Saccharose-Zusatz und zum Trockensubstanzabbau der Konservate nach der Nylonbeutel-Methodik". So jedenfalls lautet der Titel von Woidkes Dissertation.

Neben dem Studium pflegte Woidke den Kontakt zur Kirche: Die junge Gemeinde in der Lausitz, die Studentengemeinde in Berlin, die Zionskirche mit ihrer Umweltbibliothek - auch Dietmar Woidke gehörte zu denen, die unter dem Dach der evangelischen Kirche auf Veränderung hofften. Wenn auch nicht zu jenen, die an vorderster Front in Umweltbewegungen und Friedensgruppen engagiert waren und später als Bürgerrechtler in die Geschichte eingingen. Er war dabei, nicht mehr, aber auch nicht weniger, wird man darüber sagen können.

Heute jedenfalls erinnert sich Woidke an eine Aktion im Park vor der Berliner Elisabeth-Kirche, direkt gegenüber einer großen Markthalle, wo für die Opfer auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking getrommelt wurde. Und als studentischer Mitarbeiter engagierte er sich beim Lutherjahr 1983. Was zur Folge hatte, dass die Bürger des kleinen Städtchens Eisleben eines Abends unsanft aufschreckten: Woidke war auf den Turm der Kirche geklettert, um Fotos zu machen. Doch als Sohn eines Schlossers konnte er der stehengebliebenen Turmuhr nicht widerstehen. Er setzte sie in Gang, freilich ohne auf die eingestelte Zeit zu achten. Beim abendlichen Bier in der Kneipe wurde ihm dann heiß und kalt: Denn plötzlich schlug es 12 - und das ganz große Geläut begann.

Heute beschreibt sich der Politiker als "fröhlicher Evangele", der freilich nicht immer mit allem einverstanden ist, was seine Kirche heute so treibt. Doch obwohl Woidke schon damals, für den Fall einer plötzlichen Verhaftung, die Telefonnummer des Kirchenjuristen Manfred Stolpe in der Tasche trug: Sein politisches Engagement begann erst später. Da war er längst wieder nach Forst zurückgekehrt, arbeitete im jungen Brandenburg in der Kreisverwaltung. Und die Brandenburger SPD hatte eine Partnerschaft mit den Sozialdemokraten des Saarlands. So kam es, dass Woidke in Cottbus auf Alwin Brück aus Saarbrücken traf. Der frühere Parlamentarische Staatssekretär im Bundesmininisterium für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung warb ihn für die SPD. 1993 trat Woidke ein, 1994 saß er im Landtag, 2004 wurde er Minister für Landwirtschaft, Umwelt und Verbraucherschutz.

Eine steile Karriere, die zu einem gewissen Bekanntheitsgrad im Land Brandenburg und einem Jagdschein führte. Doch beides half nicht, als er 2009, bei den letzten Landtagswahlen, sein Ministerium verlor. Woidke wurde Fraktionsvorsitzender im Landtag. Kursieren deswegen die Berichte, er habe Rot-Rot zu Anfang nicht gemocht?

Heute jedenfalls betont der Minister, wie erfolgreich die Koalition mit der Linkspartei doch sei. Zweifel an der CDU und der derzeitigen Führung unter Michael Schierack dagegen blitzen immer wieder durch: Wie haltbar wird diese Konstellation wohl sein? Wäre die SPD in der Lage, mit der gebeutelten Brandenburger CDU ähnlich schwierige Situationen durchzustehen, wie zu Beginn der Legislaturperiode, als die Abgeordneten der Linken reihenweise über Stasivorwürfe stolperten? Woidke lässt die Koalitionsfrage für die Zeit nach 2014 in allen Interviews erkennbar offen. Doch er macht auch keinen Hehl da-raus, dass die Sympathie für den dunkelroten Partner derzeit wohl ein Stückchen größer ist als für die Konkurrenz.

Bei anderen Themen dagegen hat er sich schon längst entschieden: Auch unter einem Dietmar Woidke wird die märkische SPD für eine Fortsetzung des Braunkohleabbaus in der Lausitz sein - es geht auch gar nicht anders, wenn die Gattin des designierten Fraktionsvorsitzenden als Arbeitnehmervertreterin im Aufsichtsrat von Vattenfall Mining Europe sitzt und der IGBCE-Vorsitzende bei der Bundestagswahl als SPD-Kandidat in der Lausitz antritt.

Gegen ein Mandat im BER-Aufsichtsrat

Dann ist da natürlich das Brandenburger Dauerthema BER. Woidke hat sich gegen ein Mandat im Aufsichtsrat entschieden. Ein "politischer Fachmann" soll es richten, etwa der in der Staatskanzlei und damit in unmittelbarer Nähe des Ministerpräsidenten angesiedelte Staatssekretär Rainer Bretschneider. Eine weise Entscheidung, denn wenn beim Flughafen kurz vor der Landtagswahl 2014 noch etwas schiefgeht, ist der Ministerpräsident aus der Schusslinie.

Zumal Dietmar Woidke im kommenden Jahr wohl jede Menge Arbeit vor sich haben wird. Denn auch wenn die Spaziergänger im Café auf der Forster Rosenschau den neuen Ministerpräsidenten schon heute grüßen - noch muss wohl einiges Wasser durch Spree und Havel fließen, bis man überall in Brandenburg sagen wird: "Da kommt doch der neue Herr Platzeck!"

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