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Aus dem Schweriner Landgericht : Abzocke mit Scheinfirma

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Warnemünde statt Panama: Quartett steht wegen bandenmäßigen Betrugs in Schwerin vor Gericht

svz.de von
erstellt am 14.Apr.2016 | 20:45 Uhr

Aktiengesellschaften (AG) residieren nicht nur in London und Briefkästen für geheimzuhaltende Transaktionen gibt es nicht nur in Panama. Es geht auch eine Nummer kleiner. In einem Dorf bei Wittenburg siedelte Jens H. vor rund 16 Jahren seine Computer-, Programmier- und Werbefirma an, die als Aktiengesellschaft nach seinen Angaben erfolgreich agierte. Als es in Wirklichkeit wirtschaftlich bergab ging, gründete er hinter den Kulissen eine Scheinfirma mit einem Briefkasten in Warnemünde, um Geldgeber übers Ohr zu hauen. Seit gestern steht der 42-jährige Unternehmer mit drei Geschäftspartnern im Alter zwischen 42 und 45 Jahren vor dem Landgericht Schwerin. Die Staatsanwaltschaft wirft dem Quartett bandenmäßigen, schwerwiegenden Betrug vor. Rund 1,5 Millionen Euro sollen sie sich ergaunert haben.

Die Firma von Jens H. hatte viele Aufträge, aber sie bekam von den Banken angeblich kein Geld, um diese vorzufinanzieren. So verfielen die vier Angeklagten auf den Dreh, sich Geld bei sogenannten Leasingfirmen zu besorgen. H.’s Firma behauptete gegenüber verschiedenen Leasingsfirmen, Computer, Bildschirme, Server oder ganze IT-Netzwerke gekauft zu haben. Die Leasingfirmen erstatteten den Kaufpreis und berechneten H.s Firma fortan monatliche Leasingsraten. Als Beleg für die Großeinkäufe präsentierte H. den Geldgebern aber fingierte Rechnungen für nie gekaufte Ware. Die Rechnungen bekam er anfangs offenbar von Bekannten ausgestellt, die in derselben Branche tätig waren. Bald schon gründeten die vier jedoch eine Scheinfirma, bei der ihre Hauptfirma angeblich einkaufte. Als Postadresse gaben sie die Wohnung eines Mitarbeiters in Warnemünde an. Da keine der Leasingfirmen jemals die angeblich angeschafften Computer zu Gesicht bekommen wollte, kamen die vier Angeklagten mit ihrer Masche fast drei Jahre lang durch. Denn die Leasingraten zahlten sie mehr oder weniger regelmäßig.

Er habe mit dem Geld nur die Löcher in der Firmenkasse stopfen wollen, beteuerte Jens H. vor Gericht. Anfang 2009 sei ihm klar geworden, dass das nicht möglich war, die Löcher trotz des ergaunerten Geldes immer größer wurden. Jens H. und einer der Mitangeklagten zeigten sich selbst an. Kurz meldeten sie Insolvenz für ihre AG an. Jens H. sagte, er sei wohl naiv gewesen, habe die Augen vor der Wirklichkeit verschlossen. Auch habe er Angst gehabt, Mitarbeiter entlassen zu müssen. Obwohl es seiner Firma schlecht ging, hatte sie noch genug Geld, um H. ein monatliches Gehalt von über 6000 Euro zu zahlen und einen Dienstwagen aus der gehobenen Klasse zu finanzieren. Es war auch Firmengeld für eine Kinder-Stiftung vorhanden. Selbst der Reitverein, der den Namen der Firma trug, und in dem die vier Angeklagten Mitglied waren, konnte sich über Sponsorengelder freuen.

Inzwischen arbeitet Jens H. bei einer Werbe- und Marketingfirma in Hamburg. Die gehört einer Firma in London. Verantwortlich in Hamburg wie in London: eine enge Verwandte des Angeklagten. Der Prozess wird in der kommenden Woche fortgesetzt.


 

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