Jagdschloss Granitz : Abwärts durch den Schlauch

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Am Jagdschloss Granitz – Besuchermagnet auf Rügen – wurde jetzt ein solch ungewöhnliches Rettungssystem installiert

svz.de von
03. September 2015, 08:00 Uhr

Skeptisch schaut Andreas Kiesetz auf den im Winde schlackernden weißen Schlauch, der gerade vom Turm des Jagdschlosses Granitz heruntergelassen wird. „Ich glaube nicht, dass ich in den Rettungsschlauch einsteigen würde“, schüttelt der Bautzener, der gerade seinen Urlaub auf der Insel Rügen verbringt, vehement den Kopf. „Auch nicht im Notfall.“ An der Außenwand des 38 Meter hohen, mächtigen Aussichtsturmes wirkt der Schlauch wie ein graziler Strohhalm. Im Ernstfall soll er im Fall eines Feuers der rettende Strohhalm für Besucher des Jagdschlosses sein.

Das Mitte des 19. Jahrhunderts erbaute Jagdschloss auf der Anhöhe Granitz gehört mit 120 000 Besuchern zu den Top-Sehenswürdigkeiten in Mecklenburg-Vorpommern. Im Sommer erklimmen täglich mehr als 1000 Menschen den Turm, um die Rundumsicht über Rügen zu genießen. Schon der Aufstieg lässt viele Besucher hadern: eine offene gusseiserne Treppe wendelt sich an der Innenseite des Turmes nach oben.

Der gesetzlich vorgeschriebene zweite Rettungsweg wurde bislang durch organisatorische Maßnahmen kompensiert, wie der Prüfingenieur für Brandschutz, Gerd Geburtig, sagt. Mit dem Schlauch aus schwer entflammbarem Textilmaterial soll sich das ändern. „Ein Personenrettungsschlauch ist ein ungewöhnliches, aber durchaus probates Mittel – gerade bei der Nachrüstung von historischen Gebäuden“, sagt der Fachmann, der gestern die Brandschutzanlagen abnahm. „Bei einem Feuer im Schloss wirkt der Turm wie ein Kamin, in dem der Rauch nach oben steigt“, ergänzt Brandschutzplanerin Ines Yitnagashaw. Eine Außentreppe als zweiter Rettungsweg sei aus Denkmalschutzgründen nicht infrage gekommen, begründet die Architektin die Wahl. Die Alternative wäre die Sperrung des Turms gewesen.

Mit zittrigen Knien steht Schlossmitarbeiterin Angela Welzin auf der Plattform des Turmes. Sie sei aufgeregt, gesteht sie vor ihrem ersten Rutsch durch den Schlauch. Alle Mitarbeiter werden derzeit dafür geschult, die Besucher souverän über den Schlauch nach unten zu leiten. „Gesund runter kommt jeder“, macht Hersteller Sebastian Thoms von der Axel Thoms Lebensrettungseinrichtungen GmbH aus Bad Bramstedt, der Schlossmitarbeiterin Mut. „Rechte Hand auf die Brust, die linke nach oben, dann in leicht sitzender Haltung nach unten“, demonstriert er die optimale Haltung. „Schauen Sie beim Einstieg nicht über die Brüstung, sondern in die Ferne. Dann nimmt man die Höhe nicht wahr.“

Mit einem skeptischen Blick steigt Welzin in den Schlauch und gleitet mit zwei Meter je Sekunde auf einer spiralförmigen Rutsche im Innern des Schlauches auf das 19 Meter tiefere Dach des Schlosses. Unten angekommen sind die anfänglichen Bedenken verflogen: Wie einen schützenden Mantel habe sie den Schlauch empfunden.

Brandschutzplanerin Yitnagashaw ist überzeugt, dass jeder im Ernstfall den 19 Meter langen Schlauch benutzen würde, der in einer festinstallierten Alubox auf der Turm-Plattform verstaut ist. „Der Mensch hat in Extremsituationen den Willen sich zu retten.“

Wie Sebastian Thoms sagt, hat das Familienunternehmen in 34 Jahren weltweit rund 2500 Personenrettungsschläuche ausgeliefert. Sie sind in öffentlichen Gebäuden, in Kindergärten und in Unternehmen installiert – meist dort, wo der Einbau einer zweiten Treppe nicht möglich war. Derzeit seien 1600 Personenrettungsschläuche in Betrieb. Der längste Schlauch – so Thoms – ist an einem 112 Meter hohen Gebäude in der kolumbianischen Hauptstadt Bogota installiert.

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