Absolut blinder Gehorsam

Viereinhalb Jahre Gefängnis für den früheren AUB-Bundesvorsitzenden Wilhelm Schelsky, so das Urteil im Prozess um verdeckte Millionenzahlungen von Siemens an die Betriebsräteorganisation des Greifswalders. Der ehemalige Siemens-Zentralvorstand Johannes Feldmayer erhielt wegen Betrugs und Steuerhinterziehung vom Landgericht Nürnberg-Fürth eine Bewährungsstrafe von zwei Jahren.

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24. November 2008, 08:20 Uhr

Nürnberg | Der Vorsitzende Richter findet deutliche Worte: "Das selbstherrliche und jegliche Wertmaßstäbe vermissen lassende Gebaren Einzelner in den Führungsetagen führt zum vielbeklagten Werteverlust in unserer Gesellschaft." Mit diesem Satz zielt Richard Caspar auf die verdeckten Millionenzahlungen des Siemenskonzerns an die Arbeitnehmerorganisation AUB, die der Elektro-Riese als Gegengewicht zur einflussreichen IG Metall aufbauen wollte. Wegen der heimlichen Geldtransfers saßen der frühere Siemens-Zentralvorstand Johannes Feldmayer und der Ex-AUB-Chef Wilhelm Schelsky seit September auf der Anklagebank im Landgericht Nürnberg-Fürth. Gestern fiel das Urteil.

Der Prozess hatte erschreckende Einblicke in das Geschäftsgebaren des weltweit aktiven Konzern offenbart. "Die AUB-Finanzierung über die Unternehmensberatung Schelsky war ein bereits seit 1990 eingespieltes System", urteilte Caspar. Die Gelder flossen über ein undurchsichtiges Firmennetz; Rechnungen wurden an Privatadressen gestellt, Verträge mit Mädchennamen unterzeichnet. Schon früh kamen bei Siemens Gerüchte auf.

Doch nichts sehen, nichts hören, nichts sagen - das war offenbar das herrschende Credo unter den Siemensianern.

"Absolut blinden Gehorsam" attestierte die Anklage den Konzernangehörigen. Auch der Verurteilte Feldmayer rechtfertigte seine Unterschrift unter dem Vertrag mit Schelsky auf diese Weise: "Es war nie mein Naturell, wenn mir jemand was sagt, dass ich permanent nachfrage. Ich habe gehandelt. Punkt!" Zumal Feldmayer im Herbst 2000 von einem Mitglied des Zentralvorstands und damit der obersten Führungsebene dazu aufgefordert wurde, die Rahmenvereinbarung abzuschließen.

Trotz der "Erinnerungslücken" mancher Zeugen konnte das Gericht den Ablauf nachvollziehen: Schelsky hatte sich 1990 als Unternehmensberater selbstständig gemacht, um die AUB auszubauen. Seitdem floss Geld von Siemens an die Organisation. Massive Form indirekter Beeinflussung von Betriebsratswahlen, urteilte das Gericht.

Eines blieb über all die Jahre gleich: Niemand kontrollierte jemals, was Schelsky mit den Siemens-Millionen machte. Dabei überwies der Konzern allein zwischen Januar 2001 und November 2006 mehr als 30 Millionen Euro auf dessen Konten. Diese Gutgläubigkeit nutzte der 60-Jährige schamlos aus: Immer dann, wenn sein Bankkonto zur Neige ging, stellte er eine neue Rechnung. Und Siemens zahlte, ohne nachzufragen - für den Aufbau der Gegengewerkschaft war stets genug Geld da.

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