zur Navigation springen

Helios-Klinik Schwerin : Abschied auf dem Klinikflur

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Schwerinerin Ingrid Rosenthal ist empört: Ihr in den Helios-Kliniken gestorbener Mann lag im Krankenhausbett auf dem Gang

von
erstellt am 23.Jan.2015 | 21:15 Uhr

„Grauenvoll! Abgeschoben in die letzte, gerade noch verfügbare Ecke dieser Station. Und damit nicht jeder gerade Vorbeigehende ihm vielleicht noch am Fuß krabbeln könnte, war ein Paravent davorgestellt, der mühelos zur Seite geschoben werden konnte. Diese Bilder werden mich den Rest meines Lebens verfolgen“, berichtet Ingrid Rosenthal. Das habe sie am 2. Januar in den Schweriner Helios-Kliniken erlebt, als sie ihren in der Nacht gestorbenen Mann noch ein letztes Mal sehen wollte.

Noch im Sommer war das Paar auf Einladung der Deutschen Botschaft in Paris in Frankreich gewesen, um an den offiziellen Feierlichkeiten anlässlich des 70. Jahrestages der Landung der Alliierten in der Normandie, dem sogenannten D-Day, teilzunehmen. Heinz Rosenthal war als junger Soldat in Frankreich stationiert – in einer Fallschirmjägerdivision in der Normandie. Er überlebte die Landung der Alliierten schwer verletzt. Rosenthal arbeitete später als Sänger am Theater in Güstrow und Schwerin. Er arbeitete auch als Fotograf, war Maler und Autor.

1989 stand Heinz Rosenthal mit in der ersten Reihe, als „Stasi in die Produktion!“ tausendfach über den Alten Garten in Schwerin hallte. Seine Eindrücke von der Großdemonstration hielt er später auf einem Ölgemälde fest. In unserer Sonderbeilage zum Mauerfall-Jubiläum im November vergangenen Jahres hatten wir darüber berichtet.

„So aufgebahrt, nackt und nur mit seinem Krankenhausbett bedeckt zu werden, das hatte mein Mann nicht verdient“, sagt Ingrid Rosenthal.

Was zuvor geschehen war, schildert die Schwerinerin so: Gegen 6.45 Uhr hatte die Oberärztin sie vom Tod ihres Mannes Heinz Rosenthal informiert. „Wenn ich ihn noch einmal sehen möchte, wären auf der Station noch zwei Stunden Zeit dafür. Ich informierte die nicht in Schwerin wohnenden Kinder und bin dann sofort ins Krankenhaus gefahren“, erzählt Ingrid Rosenthal. Auf der Station waren an diesem Freitag wesentlich mehr Schwestern als an den Feiertagen, erinnert sich die Schwerinerin. „Ich stellte mich an die Seite und wartete. Eine ältere Schwester kam auf mich zu. Ich sagte sofort: Ich bin Frau Rosenthal. Ich war davon ausgegangen, dass bei Dienstübernahme darüber informiert wurde, dass jemand auf der Station gestorben sei, so dass dieser Schwester der Name etwas hätte sagen müssen. Doch sie fragte mich: ,Wollen Sie aufgenommen werden?‘ Ich entgegnete: Nein, mein Mann ist auf Ihrer Station gestorben! Die Antwort war: ,Wann?‘ Das war mir dann doch zu viel und ich habe mich weggedreht. Die Schwester sagte noch, sie hatte zwei Wochen Urlaub, dann kam die Stationsschwester und erklärte, dass sie mir nun meinen Mann zeigen werde.“ Die folgenden Eindrücke bestürzten sie sehr. „Ich bin sofort zum Bestattungsinstitut gefahren mit der Bitte, meinen Mann dort umgehend wegzuholen.“

Der Ärztliche Direktor der Schweriner Helios-Kliniken, Dr. Rüdiger Karwath, bedauert die Situation und versichert den Angehörigen und der Witwe sein Mitgefühl, betonte er im Gespräch mit unserer Zeitung. „Nicht jede Station hat Funktionsräume, in denen zur Abschiednahme der Tote aufgebahrt werden kann“, erklärt Dr. Karwath. Der offizielle Abschiedsraum im Klinikum sei belegt gewesen. Ein freies Zimmer habe es auf der Station ebenfalls nicht gegeben. Und die Behandlungszimmer auf der Station E5 seien klein und fensterlos. „Den Toten dort unterzubringen, hätte wirklich nach Abstellen ausgesehen“, erklärt Dr. Karwath, warum sich die Stationsleitung für den nur vom Personal benutzten Verbindungsgang entschieden hatte, der dann durch spanische Wände vor Blicken geschützt worden sei. Denn erst zwei Stunden nach der Feststellung des Todes könne die zweite sogenannte Leichenschau erfolgen. Erst danach könnte der Verstorbene von der Station in die Pathologie gebracht werden. „Auch für uns war diese Situation neu“, sagt der Mediziner, „das habe ich in meinen zehn Jahren als Ärztlicher Direktor so noch nicht erlebt.“ Dr. Karwath gesteht ein, dass „die Situation unglücklich war“. Und: „Es tut mir leid. Aber es gab keine andere Möglichkeit.“ Denn im auch von anderen Patienten belegten Zimmer konnte der Tote schließlich nicht bleiben.

Ingrid Rosenthal will sich selbst an den Ärztlichen Direktor wenden. „Hier muss etwas unternommen werden“, sagt sie. Hemmungen, Klartext zu sprechen, hat Ingrid Rosenthal dabei nicht: „Rüdiger Karwath war an der Willi-Bredel-Schule mal mein Schüler.“

 

 

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen