Doku „Deportation Class“ : Abschiebung: Die Polizei kommt in der Nacht

Elton, Elidor und Angjela werden in einer Szene des Dokumentarfilms in Stralsund abgeschoben.
Elton, Elidor und Angjela werden in einer Szene des Dokumentarfilms in Stralsund abgeschoben.

Der Dokumentarfilm „Deportation Class“ zeigt anhand von Beispielen aus MV, was eine Abschiebung für die Betroffenen bedeutet.

svz.de von
26. Mai 2017, 08:00 Uhr

Um 3.30 Uhr in der Frühe gehen mehrere Uniformierte in ein Wohnhaus in Friedland bei Neubrandenburg, klopfen energisch an eine Tür und rufen laut: „Bitte mal aufmachen! Die Polizei ist hier!“ Mit dieser Szene beginnt der Dokumentarfilm „Deportation Class“ von Carsten Rau und Hauke Wendler , der am 1. Juni in die Kinos kommt. Es geht um eine Sammelabschiebung abgelehnter Flüchtlinge nach Albanien.

Ein Team der Pier 53 Filmproduktion und des Norddeutschen Rundfunks begleitet zwei Familien auf ihrem Weg zum Flughafen Rostock-Laage, wo die Albaner in ein Flugzeug nach Tirana gesetzt werden. Die Dokumentation zeigt ein Geschehen, von dem im vergangenen Jahr mehr als 26 000 Menschen betroffen waren, das in der Regel aber nicht unter medialer Beobachtung stattfindet.

Nach mehrmaligem Klopfen und Klingeln öffnet den Beamten der 42-jährige Gezim J., deutlich überrascht und noch in Unterwäsche. Innenminister Lorenz Caffier (CDU), der das Kamerateam eingeladen hat, beobachtet die Situation. Die Polizisten sind um Korrektheit bemüht. „Dürfen wir reinkommen?“, fragen sie höflich und erklären Gezim, dass die Familie nach Albanien abgeschoben werden soll. In der Wohnung halten sich auch Gezims Frau (38), seine Söhne im Alter von 17 und 18 Jahren sowie seine alte Mutter auf. Eigentlich sollte auch die zwölfjährige Tochter da sein. Doch die ist mit ihrer Schule auf Klassenfahrt, was die Beamten kurz ratlos macht. Dann entscheiden sie, die Mutter noch ein paar Tage in Deutschland zu lassen, bis sie gemeinsam mit der Tochter ausgeflogen werden kann.

Caffier betont: „Wir machen nichts anderes, als die geltende Rechtslage umzusetzen.“ Über die Dolmetscherin des Filmteams fragt er Gezim, warum die Familie nicht freiwillig ausgereist sei, er wisse doch, dass sein Asylantrag abgelehnt worden sei. Seine Antwort: „Ich habe nichts verbrochen hier, ich weiß nicht, warum das jetzt so passiert.“ Und weiter: „Die Art und Weise, wie wir geholt werden, die finde ich unmenschlich.“

Mit dem Filmtitel, übernommen von der Kampagne „Kein Mensch ist illegal“, der gleich zweimal gezeigten Szene am frühen Morgen und dem Wort „unmenschlich“ haben die Filmemacher einen düsteren Rahmen gesetzt. „Es braucht (...) die harten, teils brutalen Bilder dieser oft nächtlichen Einsätze, um zu vermitteln, worum es bei diesem Thema tatsächlich geht“, meinen Rau und Wendler. Doch auf eine Szene staatlicher Gewalt wartet der Zuschauer vergeblich. Stattdessen gibt es fast poetische Bilder von blühenden Rapsfeldern auf der Fahrt zum Flughafen. Für die Abgeschobenen scheint es aus einem hellen und eigentlich freundlichen Land in die Finsternis des Balkans zu gehen.

Dann schwenkt die Kamera über das nordalbanische Shkodra. Die hügelige Stadt mit viel Grün wirkt idyllisch. Gezim und seine Familie wohnen zwei Wochen nach ihrer Rückkehr wieder in ihrem alten Haus, das weit freundlicher aussieht als ihre Flüchtlingsunterkunft in Friedland. Der Fehlschlag in Deutschland wirkt nach, aber: „Das Schlimmste ist jetzt vorbei“, sagt Gezim. Er wünscht sich weiterhin eine sichere Zukunft für seine Familie. Von Verfolgung ist keine Rede.

Mit demselben Flug wie Gezims Familie wird eine 47 Jahre alte Frau mit ihren beiden erwachsenen Söhnen (18 und 20) und einer Tochter (16) aus Stralsund abgeschoben. Der Vater hat in Albanien einen Wachmann getötet und ist dort zu 25 Jahren Gefängnis verurteilt worden. Die Familie fürchtet trotz der Verurteilung, dass die Angehörigen des Opfers Blutrache nehmen. Die Anwältin der Familie, Sonja Steffen aus Stralsund, zeigt sich von der Abschiebung völlig überrascht. Sie kritisiert, dass Albanien seit einem Jahr als sicheres Herkunftsland gilt. Dass sie das als Mitglied der SPD-Bundestagsfraktion mit beschlossen hat, erfährt der Zuschauer nicht.

Vor dem Flughafenzaun in Rostock-Laage protestiert eine Handvoll Demonstranten. Einer von ihnen sagt, die Liste sicherer Herkunftsstaaten sei „definitiv verfassungswidrig und inhuman“. Jeder Mensch habe ein Recht auf Einzelfallprüfung. Die Frage, was nach der Ablehnung eines Asylantrags passieren soll, bleibt unbeantwortet.

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