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Mecklenburg-Vorpommern : Abrissprämie für perspektivlose Dörfer empfohlen

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Viele Dörfer in Mecklenburg-Vorpommern sind auf lange Sicht nicht zu halten, ist der Wissenschaftler Reiner Klingholz überzeugt. Er empfiehlt Abrissprämien, um den Umzug der Bewohner ins nächste Städtchen zu befördern. Denn auch die Zentren seien in Gefahr.

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erstellt am 24.Jan.2014 | 16:57 Uhr

Eine Abrissprämie für Häuser in Dörfern ohne Entwicklungsperspektive hat der Wissenschaftler Reiner Klingholz für Mecklenburg-Vorpommern empfohlen. „Mittelfristig muss es etwas wie einen Rückkauf- oder Rückbaufonds geben, um den Menschen die Entscheidung zu erleichtern, ins nächste Zentrum umzuziehen“, sagte der Bevölkerungsexperte vom Berlin-Institut am Freitag in der Enquetekommission des Landtags „Älter werden in Mecklenburg-Vorpommern“. Einigen Abgeordneten wurde bei diesen Worten etwas unwohl. „Ich möchte als Politikerin nicht entscheiden, welches Dorf abgerissen werden soll“, bekannte etwa die Linke-Abgeordnete Karen Stramm. „Das werden die Leute selbst entscheiden“, entgegnete Klingholz.

Die Abwanderung sei ja bereits in vollem Gange. Nicht nur Junge und gut Gebildete verließen die Dörfer an der Peripherie, sondern inzwischen auch die Älteren. Klingholz verwies auf eine Studie im Auftrag der Enquetekommission, wonach jeder Dritte über 60 Jahre bereit ist, für eine altengerechte Wohnung umzuziehen. Für die Verbleibenden werde das Aufrechterhalten der Infrastruktur, wie Müllabfuhr, Wasserversorgung und Nahverkehr, unbezahlbar. Deshalb sei es in manchen Orten besser, den Wegzug zu unterstützen.

Im Übrigen seien auch die ländlichen Zentren durch den Einwohnerschwund gefährdet. Werden sie nicht gestärkt, könnten sie eines Tages die ihnen zugewiesenen Aufgaben - Ärzte, Geschäfte, Ämter - auch nicht mehr erfüllen. Deshalb sollten dort Fördermittel für den barrierefreien Wohnungsbau hingelenkt werden.

Eine Chance haben Klingholz zufolge eigentlich nur Dörfer im Umkreis von einer halben Stunde um die großen Zentren, wo es genügend Arbeit gibt. Hin und wieder gebe es auch aus historischen Gründen einen Arbeitgeber auf dem Land. Auch touristische Gegenden funktionierten. „Doch hochwertige neue Arbeitsplätze entstehen in Regionen mit mindestens 500 000 Einwohnern.“ Rostock und Greifswald seien da schon nur kleine Innovationszentren. Das müsse man den Menschen sagen. „Eine ernüchternde Analyse hat den Vorteil, dass sie weniger Enttäuschung bei der Bevölkerung produziert“, sagte Klingholz.

Soll dennoch eine gewisse Infrastruktur auf dem Land erhalten werden, müssten bundesweit geltende Standards aufgeweicht werden können, etwa zur Breite von Straßen oder zum Schulbetrieb. So sei Fernunterricht in Skandinaviens entlegenen Gebieten durchaus üblich.

Dem Wismarer Hochschulprofessor Udo Onnen-Weber zufolge haben aber auch solche Orte Chancen, in denen Einzelne mit großer Kraft Neues organisieren. Er schlug vor, solche Initiativen zu fördern. So habe das Dorf Bollewick an der Seenplatte eine positive Entwicklung genommen, nachdem der Bürgermeister die dort stehende, deutschlandweit größte Feldsteinscheune zu einem touristischen Anziehungspunkt gemacht habe. Inzwischen sei der Ort auch vorbildlich als Bioenergiedorf und ziehe neue Einwohner an. Ein anderes Beispiel sei der Münchner Mediziner Helmut Pratzel, der 2001 nach Törpin in Vorpommern zog und dort ein lebendiges Kulturleben etablierte.

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