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Kehrtwende : Abitur wieder nach 13 Schuljahren?

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Aus der Onlineredaktion

Gymnasiallehrer: Verkürzung der Schulzeit hat Zeitdruck auf Jugendliche zu stark erhöht. Bildungsministerin Birgit Hesse will keine Experimente

svz.de von
erstellt am 23.Mär.2017 | 20:55 Uhr

Jüngste Bestrebungen in Bayern für eine Rückkehr zum Abitur nach 13 Schuljahren haben auch die Befürworter im Nordosten auf den Plan gerufen. Der Philologenverband MV - die Gewerkschaft der Gymnasiallehrer - will seine Forderung nach Verlängerung der Schulzeit bei einem Treffen mit der neuen Bildungsministerin Birgit Hesse (SPD) in der kommenden Woche auf den Tisch legen. „Beim Abitur nach zwölf Schuljahren ist ein Jahr weniger Zeit, aber es ist nicht weniger Stoff“, sagte der Verbandsvorsitzende Jörg Seifert.

Die Folge sei ein stark erhöhter Zeitdruck für die Schüler mit bis zu 36 Unterrichtsstunden in der Woche. Soziale Aktivitäten außerhalb der Schule, die für die Entwicklung junger Menschen zu künftigen Führungskräften wichtig seien, hätten in den vergangenen Jahren abgenommen. Seifert: „Freiwillige Feuerwehren klagen, das DRK hat Schwierigkeiten bei der Suche nach Rettungsschwimmernachwuchs, Projekte zur Arbeit von Gymnasiasten mit Behinderten mussten eingestellt werden, bei Schülerzeitungen an Gymnasien gab es einen Rückgang.“ In MV verschärfe sich das Tempo im Gymnasium zudem, weil die Schüler erst ab Klasse sieben kommen. „Den Kindern fehlt die Möglichkeit, sich in Klasse fünf und sechs im Gymnasium auszuprobieren“, sagte Seifert.

Die Vorsitzende des Landeselternrates, Anja Betty Ritter, sieht eine Überlastung. „Wir haben Kinder, die nicht mehr können“, sagte sie und sprach sich für eine Verlängerung der Schulzeit bis zum Abitur auf 13 Jahre aus. Ihr Appell: „Wir sollten Kinder länger Kinder sein lassen.“ Sie müssten später vermutlich bis zum 70. Lebensjahr arbeiten.

Bildungsministerin Birgit Hesse (SPD) zeigt sich verwundert: „Ich bin mit dem Versprechen angetreten, nicht erneut durch Strukturveränderungen Unruhe an den Schulen zu schaffen. Jetzt geht es um Qualitätsverbesserungen, nicht um Experimente.“ Auch der Bildungssprecher der SPD-Fraktion, Andreas Butzki, sagte, G8 habe sich bewährt. In Sachsen werde das Abitur auch nach zwölf Schuljahren abgelegt, und das Land liege in Bildungstests vorn.

Als erstes Bundesland hatte Niedersachsen 2015 die Kehrtwende zu 13 Schuljahren bis zum Abitur als Regelfall vollzogen. Bayern will nachziehen: Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) setzte einen Kabinettsausschuss mit dem Auftrag ein, den Weg zurück zum neunjährigen Gymnasium klarzumachen. In Schleswig-Holstein sprachen sich CDU und Philologenverband für G9 aus. Die Kürzung der gymnasialen Schulzeit sei ein Fehler gewesen sei, so der Chef des Philologenverbandes, Helmut Siegmon.

Kommentar "Skurrile Kehrtwende" vom Max-Stefan Koslik

Es ist eines der skurrilsten Theaterstücke auf der Bühne der Schulreformen in Deutschland: 2001 stellten die letzten  Ost-Länder  das 12-Jahres-Abitur auf 13 Jahre um – auch Mecklenburg-Vorpommern. Sieben Jahre später   verkürzten  in einer  deutschlandweiten Reform die ersten Länder das  Abitur  nach der 13. Klasse (G9) aufs Abitur in der 12. Klasse (G8)  – auch MV. Und nun   wieder zurück?  Würde sich das ein Politiker ausdenken, müsste er sich wohl die Frage gefallen lassen, ob er sich in bester geistiger Verfassung befinde...

 Sind Schüler mit kürzerer Zeit zum Abi gestresster? Einige ja, einige nicht, fanden  Wissenschaftler der Leibniz Universität Hannover heraus. Haben G9-Abiturienten bessere Noten?  In Bayern, dem Saarland, Baden-Württemberg und Niedersachsen  lagen Absolventen der doppelten Jahrgänge beim Abiturschnitt nahezu gleichauf. Eine Auswertung des Doppeljahrgangs in Sachsen-Anhalt förderte auch keine Unterschiede in der Studierfähigkeit zutage. Eine Studie an einer nordrhein-westfälischen Universität mit einer Befragung von 1500 Studenten belegt, G8-Schüler sind ebenso motiviert und geeignet für die Uni wie ihre G9-Kollegen. Sie brechen ihr Studium auch nicht häufiger ab. Es ergibt keinen Sinn, den Schulen erneut einen Reform-Kraftakt anzutun und die G8-Reform rückgängig zu machen. 

Schon die vorherige Koalition hatte es sich zum Ziel gemacht, das Experimentieren auf den Rücken der Schüler zu beenden. Bildungsministerin Hesse ist gut beraten, nicht von diesem Kurs abzuweichen. Es gibt wichtigere Baustellen im Bildungssystem.

 

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