Rostocker Kreative mit theatraler Stadtrundfahrt und Aktionskunst : Abgefahren: Die "Linie 7"

<strong>Rostocks düstere Seite:</strong> Stefan Kolosko bringt die Besucher seiner Stadtrundfahrt dazu, ein Auto anzuzünden.<foto>Stefan Homann</foto>
Rostocks düstere Seite: Stefan Kolosko bringt die Besucher seiner Stadtrundfahrt dazu, ein Auto anzuzünden.Stefan Homann

Am Sonnabend ging die "Linie 7" mit etwa 40 Gästen an Bord auf Jungfernfahrt. Ihr Ziel: die düsteren Seiten von Rostock. Schließlich ist das Projekt Teil des "Europäischen Jahres gegen Armut und Ausgrenzung".

svz.de von
23. November 2010, 09:53 Uhr

Deutsches Motto der Kampagne: "Mit neuem Mut". Und mutig ist das, was die Rostocker Künstler aus diesem Titel gemacht haben, allemal.

Der Ausgangspunkt der theatralen Stadtrundfahrt ist die Kunsthalle. Dort zeigt eine Ausstellung dokumentarisches Material, das die Künstler um Christoph Schmidt binnen eines Jahres in Mecklenburg-Vorpommern gesammelt haben. Sie besuchten Tafeln oder Suppenküchen und sprachen mit Betroffenen. Die unkommentierten Bilder und Meinungsäußerungen der Akteure sind teils erhellend, andere wenig überraschend. Im Zentrum der Ausstellung: das Skelett eines Hauses. Darin: Fotografien von Häusern nach Naturkatastrophen, die wiederum einen trügerischen Eindruck von Idylle erzeugen.

Mit diesen Bildern im Kopf laden die Theatermacher ihr Publikum dann auf eine Stadtrundfahrt ein. Dass diese keine gewöhnliche sein wird, ist spätestens klar, als der Guide erklärt, er kenne Rostock gar nicht. Kein Wunder, denn Stefan Kolosko ist Schauspieler. Er beginnt, scheinbar völlig willkürlich und angeblich ohne Ahnung davon, wohin die Fahrt führen wird, zu philosophieren. Darüber, wie schlecht es manchen Menschen geht oder wie absurd das Streben nach Besitz ist.

Dann beginnt er, mit den Passagieren der "Linie 7" Sprechchöre einzustudieren. Und während die einen erst zögerlich, dann langsam kräftiger mit einstimmen, sich von der rebellischen Stimmung Koloskos mitreißen lassen, werden die anderen immer stiller, blicken verständnislos ihre Mitreisenden an. Schon an diesem Punkt der Fahrt ist klar: Die "Linie 7" polarisiert gewaltig.

Am Haltepunkt angekommen, wird es mystisch. Wo der Bus da hält, können die Fahrgäste eigentlich nur ahnen. Abrisshäuser mit Graffiti besprüht, hinter den eingeschlagenen Scheiben beleuchten Scheinwerfer die düstere Szenerie. Die Mitreisenden werden aufgefordert, Fackeln an einer Feuerschale zu entzünden. Eine Frau schwenkt brennende Kugeln durch die Luft, es erklingt esoterische Musik. Hier hätten einmal Obdachlose gehaust, verkündet Kolosko.

Und dann kommt, was kommen muss: Kolosko fordert die Umstehenden auf, ein Auto - ein Statussymbol, wie er es nennt - anzuzünden. Zwei Schrecksekunden vergehen, dann werfen die ersten ihre Fackeln in den Wagen. Das Fahrzeug geht in Flammen auf. Dazu der Sprechchor. Während die meisten aktiv werden, gehen andere auf Distanz, sehen dem Schauspiel nur zu.

Auf der Rückfahrt löst Musiker Lukas Rauchstein die Stimmung. Bald singen alle, klatschen in die Hände. Auf einem letzten Halt steigen dann noch Gäste hinzu. Frauen mit Kopftüchern, Farbige, junge Araber - sie alle werden willkommen geheißen. Im Bus feiern alle ein Fest, das schließlich bei einem gemeinsamen Essen in der Kunsthalle ausklingt. Eine Art Reinigung, ein Ritual, ist das, was die "Linie 7" da bietet.

Die Fahrt überrascht. Sie liefert viel Stoff für Diskussionen, aber keine Erklärungen. Die Passagiere sind aufgefordert, in sich selbst hineinzuhorchen.

Die "Linie 7" geht am Freitag um 19 Uhr von der Kunsthalle aus noch einmal auf Fahrt.

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