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Mecklenburg-Vorpommern

20. November 2017 | 10:55 Uhr

"Aber wir sind halt bescheiden"

vom

svz.de von
erstellt am 07.Mär.2012 | 09:51 Uhr

Berlin/Schwerin | Wenn heute die weltgrößte Reisemesse ITB in Berlin ihre Tore für das Fachpublikum öffnet, will auch das Reiseland Mecklenburg-Vorpommern in der ersten Reihe mitspielen: 53 Aussteller aus dem Nordosten präsentieren sich, darunter Tourismusregionen, Städte, Hotelgruppen und Kulturveranstalter. Auch für 2012 geplante Neueröffnungen wie die Naturerlebniswelt Darwineum in Rostock, das Phantechnikum in Wismar und das Sole-Kurzentrum in Waren sollen dem Fachpublikum in Berlin vorgestellt werden. Insgesamt werden zur ITB ungefähr 11 000 Aussteller aus fast 190 Ländern erwartet.

Der schwarze Peter wandert

Doch im Vorzeigeland Mecklenburg-Vorpommern ist nicht alles Gold, was glänzt: prekäre Arbeitsverhältnisse zuhauf, mangelnder bezahlbarer Wohnraum in den Tourismushochburgen, mittlerweile immenser Fachkräftemangel. Allein nach offiziellen Angaben der Arbeitsagentur fehlen derzeit 1600 Mitarbeiter in der Branche. Ein Jungkoch beispielsweise erhält laut Tarif im ersten Jahr 1164 Euro brutto, auch wenn viele Betriebe inzwischen mehr bezahlen. "Mit Stundenlöhnen von 6,50 oder 7 Euro kann keiner eine Familie ernähren", so Wirtschaftsminister Harry Glawe (CDU) im Vorfeld der ITB. Nur mit einem qualifizierten und motivierten Personal könne Mecklenburg-Vorpommern seine Position als eine der beliebtesten Ferienregionen halten, sekundiert auch der Präsident des Landestourismusverbandes Jürgen Seidel. Zum Vergleich: Der genannte Lohn für den Jungkoch in MV liegt nach Angaben der Gewerkschaft NGG 150 Euro niedriger als der zweitschlechteste Tarif in der Branche, der in Sachsen-Anhalt.

Beim Problem Wohnraum sieht es nicht viel anders aus - die Beteiligten schieben sich gegenseitig den schwarzen Peter zu. Während die Unternehmen die Kommunen beim Bau preisgünstiger Wohnungen in der Pflicht sehen, appellieren Gemeinden an die Betrieb, selbst zu bauen. Und das Land? "Da sind die Unternehmer und Kommunen gefordert. Den Druck sehe ich nicht unbedingt beim Land", antwortet Wirtschaftsminister Glawe abwehrend auf die Frage unserer Redaktion, ob Schwerin mit Fördermitteln für den Personalwohnungsbau hilfreich zur Seite springen kann.

Interessenten auf der Warteliste

All dies wird in den Hochglanzprospekten, die am MV-Stand in Halle 6.2a über den Tresen gehen werden, sicher nicht erwähnt. Aber auch der Auftritt des Landes und der angeschlossenen Unternehmen selbst stößt nicht nur auf uneingeschränkten Applaus, wenngleich die Kritik seit der Anschaffung des neuen Messestandes durch den Landestourismusverband vor zwei Jahren deutlich weniger geworden ist. Aber: "Andere Urlaubsgebiete, die kleiner sind als wir, zaubern auf der ITB mehr", findet beispielsweise der Chef des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes im ostvorpommerschen Landesteil, Peter Drechsler. Mehr Aktionen und auch mehr Fläche für die Messeteilnehmer aus dem Nordosten müssten her. "Aber wir sind halt bescheiden", so sein ironischer Kommentar. Am neuen Standkonzept und auch an den Aktionen hat indes Svea von Nolcken nichts auszusetzen: "Das hat sich positiv entwickelt und ist sehr schön geworden", sagt die Sprecherin der Travelcharme-Gruppe, die acht Häuser im oberen Preissegment im Nordosten betreibt und regelmäßig auf der Internationalen Tourismus Börse zu finden ist. Mehr Fläche aber könnte Mecklenburg-Vorpommern, das sich gemeinsam mit anderen norddeutschen Anbietern die Halle teilt, schon vertragen, findet sie. Schließlich gebe es ihres Wissens nach schon eine Warteliste.

Der Sprecher des Tourismusverbandes, Tobias Woitendorf, bestätigt das. Etwa zehn Anbieter mehr könne man mitnehmen. "Die Möglichkeiten reinzukommen, sind begrenzt. Die Fläche endet nun mal an den Hallenwänden, auch unser Stand hat begrenzte Flächen und schließlich müssen wir die Kosten gegenüber dem Nutzen abwägen." 600 Quadratmeter stehen MV laut Woitendorf zur Verfügung, insgesamt müssen dafür 350 000 Euro berappt werden. "Wir haben die Fläche eines Basketballfeldes. Lieber wäre es uns natürlich, wir hätten ein Fußballfeld." Ungeachtet dessen wird der Nordosten bei der ITB wohl auch wieder Punkte einfahren. Doch muss das Reiseland angesichts der drängenden Probleme hinter den Kulissen aufpassen, dass es nicht irgendwann ins Abseits gerät.


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