Die Breitags mit ihrer Wunschenkelin

Die Breitags mit ihrer Wunschenkelin

Wunschgroßeltern: Ein Projekt mit vielen Emotionen : Familie gesucht: Wenn die eigenen Enkel fehlen

Das Rentnerpaar Breitag engagiert sich ehrenamtlich bei einem Projekt der besonderen Art in Schwerin.

svz.de von
14. April 2019, 05:00 Uhr

Stattlich steht der ehemalige Bankangestellte da. Wie jeden Mittwoch. Nur sein weißes Haar verrät sein Alter. Ungeduldig geht er ein paar Schritte vor dem Schulgebäude auf und ab. Während die anderen Wartenden genervt auf die Uhr schauen, richtet  sich Helmut Breitags Blick konzentriert und suchend auf die Kinder, die eilig aus der Schule stürmen.

Lautstarkes Gelächter und Geplauder schallt über den Hof. „Opa ich bin schon groß. Du brauchst mich nicht mehr von der Schultür abholen.“ Dieser Satz geht dem Rentner durch den Kopf. Trotzdem steht er vor dem großen Eisentor, um seine achtjährige Enkelin Charlotte abzuholen.

Herr Breitag wartet vor der Schule.
Sarah Albrecht

Herr Breitag wartet vor der Schule.

 

Was die anderen nicht wissen und was das Besondere an Helmut Breitag ist: Er ist gar kein „richtiger“ Opa.

In einem Gewusel von Zweitklässlern entdeckt er die Kleine. Ein Lächeln breitet sich auf seinem Gesicht aus. Kaum etwas sehend, kommt sie auf ihn zugerannt. Die Mütze über die schulterlangen, braunen Haare gezogen, verdeckt fast vollständig die Augen. Beim Anziehen musste es schnell gehen. „Oh Opa“, sagt sie peinlich berührt. Sie ist doch schon groß.

Helmut Breitag und seine Frau Hannelore sind die Wunschgroßeltern der kleinen Lotti. So nennen die beiden ihre „Enkelin“. „Der Name Charlotte ist auch viel zu lang“, murmelt Helmut.

Eine Woche Wartezeit kann verdammt lang sein

Dass Charlotte nicht seine „richtige“ Enkelin ist, merkt man den beiden überhaupt nicht an. Zu vertraut sind die Gesten und der Umgang miteinander. Er rückt ihr die Mütze zurecht und nimmt ihr den Ranzen auf dem Weg zum Auto ab. Zu Hause wartet schon Oma Hannelore mit dem Essen auf die Beiden.

Nachdem Essen geht es gewohnt weiter mit einem Unterhaltungsprogramm im lichtdurchfluteten Wohnzimmer mit angrenzendem Wintergarten. Die beiden Großeltern machen sich vor jedem Besuch gewissenhaft einen Plan mit Aktivitäten, damit auch ja keine Langeweile aufkommt. „Lotti darf sich die Reihenfolge der Dinge selbst aussuchen. Wir schummeln aber auch immer etwas unter, was sie nicht so gerne macht“, sagt Hannelore Breitag schmunzelnd. Man merkt sofort, dass sie Lehrerin war. In Französisch. Da ist sie stolz drauf.

Auch wenn es keine klare Verteilung der Rollen gibt, hat jeder von den Beiden seinen speziellen Platz in Lottis Leben eingenommen. „Meine Frau ist vorrangig für die Hausaufgaben zuständig und ich darf immer mit ihr toben und spielen“, sagt Helmut Breitag mit einem breiten Lächeln im Gesicht. Aber auch zu Dritt machen sie viel.

Doch es war nicht Liebe auf den ersten Blick

„Als wir das erste Mal in die Kita kamen, nur um zu gucken, da hat sie sich versteckt und geschrien. Und das auch bei den nächsten Besuchen“, erinnert sich Helmut Breitag zurück. „Wir hatten schon den Gedanken, das Ganze abzubrechen. Wir wussten nicht, ob es jemals etwas wird.“

Die Ablehnung war für die Beiden nicht leicht in der Zeit. Sehr deprimierend und ein niederschmetterndes Gefühl. Und das für ein halbes Jahr. Denn so lange hat es gedauert, bis die damals dreijährige Lotti Vertrauen zu ihren Wunschgroßeltern aufgebaut hat. Aller Anfang ist schwer. Aber wenn man die drei jetzt zusammen sieht, ist es kaum vorstellbar, dass das Kennenlernen so holprig verlief. 

Ihr Durchhaltevermögen am Anfang hat den beiden Wunschgroßeltern eine Menge schöne Erinnerungen geschaffen, die sie mit eigenen Enkeln leider nicht haben. Bei jeder Anekdote über Lotti schwingt ein Hauch von Traurigkeit mit. Nicht nur für Kinder sind Oma und Opa eine Bereicherung, auch für die Großeltern können die Enkel ein wichtiger Bezugspunkt sein. Doch was tun, wenn diese fehlen?

 

Es war und ist immer noch eine Win-Win Situation

Nicht nur für die Breitags, auch für Lottis Mutter, die schon lange keinen Kontakt mehr zu Lottis leiblichen Großeltern hat.

Sie sind Gold wert. Claudia Hein, Mutter von Lotti
 

Claudia Hein hat die bei der Familie Breitag nicht nur einen Halt für Lotti, sondern auch für sich gefunden. Selbst als sie mitten in der Nacht krank wurde, standen die Breitags eine halbe Stunde später vor der Tür, um sich um Lotti zu kümmern. „Einer von Beiden versucht im Notfall immer, die eigenen Termine zu verlegen, um sich um die Kleine zu kümmern.“

Seniorenbüro Schwerin

Es wurde am 01.07.1994 gegründet.

Insgesamt engagieren sich 250 Ehrenamtliche und betreuen die unterschiedlichsten Projekte.

Adresse: Wismarsche Strasse 144, 19053 Schwerin

 

Als sie in der Krabbelgruppe von diesem Projekt gehört hat und sich informieren wollte, war Claudia Hein von Anfang an klar, dass sie nicht nur eine Betreuung für Lotti sucht, sondern eine Familie, mit der man Erlebnisse teilen kann. Und das hat sie auch gefunden. „Wir haben uns von Anfang an sympathisch gefunden“, so Claudia Hein. Es hat also gefunkt.

Ein Leben ohne ihre Wunschenkelin?

Für die Wunschgroßeltern unvorstellbar. Es sind die Kleinigkeiten, mit denen Lotti das Leben der Breitags bereichert. Sie hat ihnen neue Freude und eine neue Art von Lebendigkeit gebracht. Wer sagt, dass man sich Familie nicht aussuchen kann, der liegt in diesem Fall falsch. Auch wenn sie nicht verwandt sind, so sind sie doch in den letzten fünf Jahren zu einer Familie geworden.

Wunschgroßeltern ist ein Projekt mit vielen Emotionen und an folgenden Standorten finden Sie die passenden Ansprechpartner.

 
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