Zu Besuch auf der Elbfähre „Tanja“ : „Wie ein schlagendes Herz“

Die Elbfähre „Tanja“ nimmt am Anleger in Neu Darchau Autos auf.
Die Elbfähre „Tanja“ nimmt am Anleger in Neu Darchau Autos auf.

Ohne „Tanja“ geht es nicht: Die Elbfähre verbindet die Gemeinde Amt Neuhaus mit dem Rest Niedersachsens

svz.de von
11. Juli 2019, 12:00 Uhr

„Tanja“ ist seit dem Morgengrauen unterwegs, der Berufsverkehr ist lange vorbei. Die Elbe ist hier bei Neu Darchau nur gut zweihundert Meter breit, doch ohne die Fähre drohen gewaltige Umwege. „Tanja“ verbindet bei Neu Darchau die am nordöstlichen Ufer gelegene Gemeinde Amt Neuhaus mit dem Rest Niedersachsens.

Verbindung zwischen hüben und drüben

„Ich bin mit Herzblut Fährmann“, sagt Marian Klärner, sonst ein eher nüchterner Typ. Er war heute erst am Steuer, jetzt kassiert der 56-Jährige. „Ich mache das seit 29 Jahren“, sagt er. „Ich habe am 10. Mai 1990 angefangen.“ Einst hat die Elbe die Menschen hier viel stärker getrennt als heute, sie war die Grenze zur DDR. „Der Fluss ist erstmal eine natürliche Grenze zwischen hüben und drüben – das wird auch noch eine Weile so bleiben“, meint Klärner. An Bord sind immer zwei Fährleute, einer steuert oben, einer kassiert unten.

Fährmann Marian Klärner
Philipp Schulze/dpa
Fährmann Marian Klärner

Fähre schon in den Morgenstunden im Einsatz

Ein gewaltiger Mähdrescher rollt an Bord, auch er findet Platz. Sonst können so etwa 18 Autos mitgenommen werden. Meist hält Klärner beim Kassieren ein kurzes Schwätzchen durchs Seitenfenster. „Meist ist die Mannschaft schon um 4.30 Uhr da und bereitet alles vor“, sagt Betriebsleiter Andreas Dau. „Oft fährt die erste Fähre schon um 4.45 Uhr.“ An Sonn- und Feiertagen geht es erst um 9 Uhr los. „Wir fahren ständig, außer wenn keiner da ist – ein Fußgänger reicht“, erklärt Dau. „Im Sommer oder Pfingsten und Ostern gibt es mal einen Stau, sonst muss man sehr selten länger warten.“

Betriebsleiter Andreas Dau
Philipp Schulze/dpa
Betriebsleiter Andreas Dau

„Tanja“ fährt mit dieselelektrischen Antrieb

Wie oft er hin- und hergefahren ist, hat Klärner nicht gezählt. „Das waren schon etliche Male.“ Mehr als eine halbe Million Fahrten dürften es gewesen sein in den 29 Jahren, bei 220 Arbeitstagen und 80 Fahrten pro Schicht. Viel habe sich nicht geändert, meint Klärner. Gleich nach der Wende hat die Gemeinde Neu Darchau ein Passagierschiff gechartert. Seit 1993 fährt „Tanja“, gebaut wurde sie 1959/60 in den Niederlanden, später modernisiert. So hat sie nun einen dieselelektrischen Antrieb.

Klärner kommt aus Boizenburg, Mecklenburg, andere Seite. „Zu DDR-Zeiten bin ich zur See gefahren“, sagt er. Fischkombinat Rostock, das betrieb die Hochseefischerei der DDR. „Plötzlich wurde man in den Kapitalismus geschubst.“ Immerhin: „Ich bin vom Schiff aufs Schiff gekommen.“ Am Himmel satte Schäfchenwolken, ein Graureiher fliegt vorbei. „Wir sehen Biber und Eisvögel, Nutrias und Seeadler.“ Die Region liegt mitten im Biosphärenreservat Niedersächsische Elbtalaue.

Wenn die Fähre mal nicht fährt, dann fehlt etwas

Was bedeutet für Klärner die Fähre? „Das ist für die Menschen die Verbindung zur Arbeit“, antwortet er trocken. „Aus der Region wollen viele die Brücke, aber für Touristen ist die Fähre etwas Besonderes.“ Tatsächlich – viele Radler kommen an Bord, fröhliche Gesichter.

Fährmann Gerd Westedt
Philipp Schulze/dpa
Fährmann Gerd Westedt

„Das ist wie ein schlagendes Herz, das die Menschen an die andere Seite bringt“, sagt Andreas Dau. „Wenn die Fähre mal nicht fährt, dann fehlt etwas – mehr als nur eine Verbindung.“ Dau ist 58 und stammt aus Hamburg, er wurde an der Elbe geboren. Viele kämen, um mit der Fähre zu fahren. „Ohne Fähre würde sich der Charakter der Region total ändern“, sagt er. „Das hat etwas Meditatives.“ Bei Eis, Trockenheit und Hochwasser kann es nicht nur für „Tanja“ eng werden. Im vergangenen Sommer hat sie wegen der niedrigen Wasserstände wie die flussabwärts zwischen Bleckede und Neu Bleckede pendelnde „Amt Neuhaus“ länger aussetzen müssen. Teils große Umwege über die Brücken bei Dömitz und Lauenburg sind dann die Folge für die Anwohner. Darum wird seit Jahren über eine Brücke bei Neu Darchau diskutiert, sie ist das große Thema in der Region, Ausgang ungewiss. „Ich glaube schon, dass die Brücke kommt“, meint Grit Richter, Bürgermeisterin der Gemeinde Amt Neuhaus. „Es liegt nach wie vor am Geld, aber es gibt neue Entwicklungen hin zur Brücke.“ Nicht nur Wirtschaftsminister Bernd Althusmann (CDU) sei dafür. „Bis dahin ist die Fähre unverzichtbar, nicht nur für die Region“, sagt Richter.

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