Auswirkungen der Krise : Wie Corona unsere Redaktion verändert

Das SVZ-Verlagsgebäude.

Das SVZ-Verlagsgebäude.

Auch für uns Journalisten ist in der aktuellen Situation vieles anders als sonst.

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24. April 2020, 05:00 Uhr

Wir Zeitungsmacher kommen morgens in die Redaktion. Vor uns am Bildschirm 24 oder 28 leere Seiten – und am Abend ist die Zeitung fertig. Und doch ist auch für Journalisten in diesen Tagen nichts mehr normal. Wir laden Sie ein, uns bei der Arbeit über die Schulter zu schauen und werfen einen Blick in die einzelnen Abteilungen.

Lokalredaktion

Lange Abende auf Sitzungen von Gemeindevertretern, ein Dorffest nach dem anderen am Wochenende – seit Corona ist das Geschichte. Und somit das Arbeiten der Lokalredakteure ein anderes. Denn die Zeitung muss trotzdem gefüllt werden. Doch wie soll das gehen, wenn Kontakte auf ein Minimum reduziert werden sollen?

Viele Geschichten entstehen nun am Telefon. Das steht momentan selten still. Und auch das Chatten mit Kollegen im Home-Office auf unserem digitalen Kommunikationsportal hat deutlich zugenommen. Dauernd bimmelt und klingelt es.

Dennoch: Manchmal sind persönliche Treffen  nicht zu vermeiden. Also Mundschutz auf und ab zur Gemeindevertretersitzung. Kein Händeschütteln mit dem Bürgermeister, dafür ausreichend Abstand zu den Einwohnern und Kommunalpolitikern. Ganz hinten in der Ecke des Raumes kann ich meinen Platz einnehmen. Ich trage mich in eine Liste ein für eine eventuelle Nachverfolgung. Beim Gespräch mit dem neuen Wehrführer desinfiziere ich mir am Eingang zum Feuerwehrgerätehaus die Hände, wir sitzen weit weg voneinander am Tisch, auch das Foto wird aus der Entfernung gemacht. Und mit der Familie unterhalte ich mich im Garten mit Abstand über ihr Osterfest. Auch hier gilt: Lächeln statt Händeschütteln. Christina Köhn

Onlineredaktion

Coronazeit ist Krisenzeit. In einer solchen wollen Menschen schnellstmöglich informiert werden. Auf allen Kanälen – den bestehenden, gerade aber auch auf immer neuen. Wer hätte noch im Januar gedacht, dass die Digitalisierung – hier sind wir als medienhaus:nord nun wirklich alles andere als ein Schlusslicht – solch eine Entwicklung nimmt. Ein Kliniktagebuch mit unserer Helios-Ärztin Kristina Lenz, das mit weit mehr als 600 000 Aufrufen alle Rekorde bricht,  spezielle Newsletter mit Corona-Meldungen, eine extrem gestiegene Frequenz auf unseren Facebook- und Twitterseiten, die große Hilfsaktion #MVhältzusammen, beinahe tägliche Livestreams mit Ministern, Medizinern, Rechtsexperten... und wöchentlich auch regionalen Musikern. Schließlich lassen wir uns die Laune doch nicht von einem Virus verderben!  Nicht nur aus der Redaktion, auch aus anderen Verlagsbereichen werden zig Ideen und Anforderungen an uns Onliner herangetragen. Alles kaum schaffbar – und doch umgesetzt! Dass das  Homeoffice, gepaart mit Google-Meets und Slack-Chats, in Teilen eine echte Alternative, für schnelle Koordination aber oft nicht optimal ist, kann man sich vorstellen. Deshalb arbeiten wir – mit gebotenem Abstand – weiterhin auch im Büro. Zwei Teams wechseln sich im Zwei-Wochen-Rhythmus ab. Da bekommt „Auf Wiedersehen“ eine ganz neue Bedeutung... Dirk Buchardt

Sportredaktion

Sport ist vielschichtiger, als so mancher denkt. Nur, weil in den großen und kleinen Ligen aktuell der Betrieb eingestellt ist, bedeutet das nicht, dass  nichts mehr passiert. Natürlich sind die Wochenenden ruhiger, weil wir Hansa nicht mehr hinterherreisen und auch nicht mehr unter Zeitdruck das Spiel der Eishockey-Piranhas am Sonntagabend verfolgen, um pünktlich zum Andruck den Spielbericht zu liefern. Dafür ist der Recherche-Aufwand  höher. Während sich sonst die Montags- und Dienstagsseiten „von allein“ durch unsere Spielberichte füllen und der Freitag für Vorschauen reserviert ist, besteht jetzt mehr Spielraum für Kreativität. Wir sehen im Ausfall des Alltäglichen die Chance, auch anderen die Möglichkeit zu geben, ins Blatt zu kommen. Zum Beispiel die eSport-Branche, die derzeit richtig boomt.

Außerdem will doch jeder wissen, wann es auf den Plätzen und in den Hallen wieder richtig losgeht. Und wie bereitet sich eigentlich meine Lieblingsmannschaft darauf vor?

Zudem ist unsere Berichterstattung auch etwas politischer geworden – und wir mit ihr. Diskussionen über ein Für und Wider bei der Fortsetzung des Spielbetriebes stehen bei uns auf der Tagesordnung. Die Themen haben sich also ein wenig gewandelt. Weniger interessant und vielfältig ist es deswegen nicht. Sebastian Lindner

Kultur

Hilfe, ich bin am Verhungern! Kulturell. Die Theater dicht. Museen und Ausstellungen geschlossen. Das 30. Jubiläums-Filmkunstfest MV fällt aus. Konzerte und Festivals, egal ob Klassik, Pop oder Rock – abgesagt.

Still ruht der See? Von wegen! Ich kenne doch meine Pappenheimer. Kreativ selbst in der Krise. Oder jetzt erst recht. Das ist es doch schließlich, was einen Künstler ausmacht.

Eine Wismarer Galeristin zeigt ihre Ausstellung im Schaufenster. Das Staatliche Museum Schwerin lädt zu virtuellen 360 Grad-Spaziergängen durch die Galerie Alte Meister ein.

Die Ausstellung mit 55 Gemälden dänischer Meister, vor drei Wochen ohne Publikum eröffnet, wartet auf der Homepage des Museums und die Direktorin stellt persönlich die schönsten Gemälde vor.

Schauspieler,  Sänger und Musiker treten online auf. Das Filmkunstfest ist ins Netz ausgewandert  und zeigt ab 5. Mai aktuelle Produktionen für 4,99 Euro – billiger als jede Kinokarte. Und dann gibt es ja auch noch die Berge an guter Literatur, die gelesen werden wollen. So viel Kultur war nie – nur anders ist sie in diesen Tagen, verrückt virtuell eben. Und im Mai erscheint im Steffen Verlag sogar schon der erste  Roman zur Pandemie – „Das Corona  Ende“. Holger Kankel

Landesredaktion

Wenn eine gefühlte Titelstory (vor Corona) nur als Randnotiz auf Seite 6 landet, hat sich etwas verändert – und zwar  alles: Themen, Sitzungen, Abläufe, Absprachen, Arbeitsorte, Anzeigen – selbst die Tischordnung in der Kantine. Der oft viel zu laute Newsroom ist nur halb gefüllt. Homeoffice. Dafür klingeln die Telefone noch häufiger. E-Mail-Fächer laufen über. Selten wurden Beiträge so oft gewechselt oder aktualisiert. Bis in die Nacht. Ingo Gräber

Homeoffice

Eben noch am Puls der Zeit im Büro und per Festnetztelefon und vor allem mit dem berühmten Flurfunk vernetzt und plötzlich mit dem Sohnemann zu Hause. Homeoffice wird es neuerdings ja genannt, wenn man aus den heimischen Gefilden seine Geschichten schreibt. Doch so leicht ist das nicht. Als Reporter setzt man sich nicht einfach an den Schreibtisch und haut in die Tasten. Informationen wollen recherchiert, gewichtet und geordnet sein, bevor es ans eigentliche Werk geht. Und wenn dann daheim aber auch gekocht, gespielt, getröstet und unterrichtet werden muss, dann kann diese Mehrfachbelastung schon mal in Stress ausarten. Aber der Mensch ist anpassungsfähig – Reporter auch. So gibt es zwischen Vater und Sohn gute Absprachen. Jeder bekommt seine Freiräume.

Auch wenn das Arbeiten mit „frei“ wenig zu tun hat. Wir arrangieren uns. Und wenn die Geschichten für die Zeitung fertig sind, gibt es dem Reporter ein gutes Gefühl, seinen Job erledigt zu haben. Natürlich ist das technisch alles möglich. Per Mail und interne Kommunikationssysteme, aber eben auch mit dem mobilen Diensttelefon. Okay – der Flurfunk fehlt.  Doch der Reporter im Homeoffice lässt es sich nicht nehmen, seine Quellen anzuzapfen und die Menschen hin und wieder doch noch genau zu beobachten. Mario Kuska

Im Chat

Ich gestehe: Trotz geltender Kontaktsperre habe ich eine ganze  Stunde lang mit vier Menschen gesprochen, von denen kein einziger mit mir verwandt war. Moderne Technik macht’s möglich – Technik, mit der ich mich bis zum Ausbruch der  Corona-Krise höchstens mal im Urlaub beschäftigt habe, wenn ich Oma via Skype zum Geburtstag gratulieren musste.

Vor meinem ersten Video-Livechat war ich deshalb auch entsprechend aufgeregt: Ich sollte mit vier Gesundheitsexperten über das Coronavirus debattieren, die alle in ihren Büros und in einem Fall sogar im Homeoffice saßen. Ob das technisch klappen würde, war noch meine geringste Sorge – da hatte ich vollstes Vertrauen in Onlinechef und Videoreporter. Doch was, wenn über die sozialen Netzwerke oder vorab per Mail nicht genug Fragen eingehen würden? Schließlich konnte ich nicht wie im Radio Gesprächspausen einfach mit Musik überbrücken.  

Die halbe Nacht brachte ich also damit zu, mir einen Katalog mit Not-Fragen auszudenken. Gebraucht habe ich keine einzige. Stattdessen hatte ich größte Mühe, die vielen Fragen, die mir von Kollegen reingereicht wurden, halbwegs sinnvoll zu sortieren und die geschilderten Einzelfälle auf das Wesentliche zu reduzieren. Als auf einem Zettel stand, dass ich bitte in spätestens drei Minuten zum Ende kommen sollte, war ich ehrlich verblüfft, wie schnell die Zeit vergangen war. Geradezu entsetzt war ich aber, als ich erfuhr, dass rund 11 000 Menschen den Livechat verfolgt hatten –  auch meine Schwiegertochter in spe, die mir später erklärte, dass die Kameraeinstellung von schräg unten mich echt alt aussehen lassen hätte… Seitdem versuche ich, darauf zu  achten –  und rate das auch den anderen  Kollegen, die sich an diesem Format versuchen. Ob auch sie inzwischen ausblenden können, wie  viele Augen gerade auf sie gerichtet sind, weiß ich nicht. Bei meinem letzten Chat mit der Bildungsministerin waren es jedenfalls mehr als 30 000… Karin Koslik

Foto und Video

Ganz nah dran sein, immer  am Puls der Zeit.  So entstehen nicht selten die besten Bilder und Filmsequenzen. Das ein unsichtbares Virus plötzlich Fotograf, Videoreporter und Protagonisten auf Abstand bringt, wirkt nach wie vor  fremd. Corona  und die Vorgaben verändern unserer Miteinander. Statt quirliges Leben auf unseren Straßen, finden sich über Wochen menschenleere Städte und  Strände  als Bildmotive. Aber hinter jeder Fassade steckt Leben, finden sich zahlreiche Schicksale von Menschen, die in Coronazeiten um ihr Leben oder  ihre  Existenz bangen – Bilder, die Debatten beflügeln können.  Veränderungen gibt es bei Vor-Ort-Terminen. Sie werden immer  häufiger  zu Livestreams via Internet. Volker Bohlmann und Alexander Hamacher

Audio

Die Zeitung zum Hören ist eine besondere Form, um  die journalistischen Inhalte der Redaktionen für Websites, Tablets und Mobilgeräte anbieten zu können.  Ein besonderes Angebot bieten wir seit Beginn der Corona-Krise mit dem täglichen „Coronavirus aktuell“. In 120 Sekunden  informieren wir  Sie zweimal täglich  – am Morgen und am Nachmittag – über die aktuellen Entwicklungen, die für Sie wichtig sind. Dazu haben wir unsere Reporter auch mit mobilen Mikrofonen ausgestattet, damit wir möglichst schnell reagieren können.  www.svz.de/podcast/ Michael Broscheit

 

Alle aktuellen Entwicklungen zum Coronavirus finden Sie in unserem Liveticker und auf unserer Dossierseite.

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