Weihnachtsaktion Wünschewagen : Herrn Breuels letzter Glühwein

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Ein letzter Glühwein auf dem Weihnachtsmarkt: Gerd Breuel ist sterbenskrank und die Wünschewagen-Helfer Betty Schilling, Frank Pech und Heike Stuht erfüllen ihm seinen letzten Wunsch. Fotos: Volker Bohlmann

Gerd Breuel ist krebskrank und bettlägerig – der ASB-Wünschewagen bringt ihn auf den Rostocker Weihnachtsmarkt.

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23. Dezember 2019, 17:50 Uhr

Jedes Jahr schlürfen die Deutschen ihren Glühwein, beißen in ihre Bratwurst und naschen Süßigkeiten mit Kollegen, Freunden oder der Familie. Der Besuch auf dem Weihnachtsmarkt im Dezember ist Routine. Alltag in der Adventszeit.

Erkrankt an Prostata-Krebs

Für Gerd Breuel ist der Weihnachtsmarkt nichts Normales. Er ist 75 Jahre alt und hat Krebs im Endstadium. Für lange Sätze fehlt ihm die Kraft. Er spricht nur noch im Flüsterton. Ein Weihnachtsmarktbesuch, undenkbar.

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Schuld ist der Tumor in seiner Prostata, der zehn Jahre lang streute. Die Metastasen sind im ganzen Körper verteilt. Die Schmerzen erträgt er nur mit starken Medikamenten. Seine Knie sind krumm und versteift. Folge einer Arthrose. Seit Monaten ist er bettlägerig. Eine Ärztin, die ihn vor kurzem untersuchte, sagte: Es ist Zeit für einen letzten Wunsch.

Schwester Betty Schilling pflegt Gerd Breuel seit Jahren. Im Pflegeheim „Abendsonne“ in Zapkendorf bei Güstrow, auf dem Gelände eines ehemaligen Guts. Sie nennt ihn „Breulchen“: „Die meisten im Heim sagen dagegen Gerdchen.“

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Schwester Betty war es auch, die nach seinem letzten Wunsch fragte. Etwas, das er noch einmal erleben wolle. Die Antwort: „Er wollte ein letztes Mal den Weihnachtsmarkt besuchen. Die Gerüche und Atmosphäre erleben“, sagt sie.

Für gesunde Menschen klingt das vielleicht trivial. Für einen Sterbenden nicht. Für ihn duftet der Glühwein intensiver, die Leckereien schmecken süßer und die Lichter strahlen heller. Er möchte das alles noch einmal erleben.

Wünschewagen ist die Lösung

Doch einem Sterbenskranken diesen Weihnachtswunsch zu erfüllen, ist kompliziert. Das Pflegeheim habe zwar einen kleinen VW-Bus, doch nur mit Sitzplätzen, sagt Leiterin Ute Porath. „Lange Autofahrten im Sitzen sind in seinem Gesundheitszustand unmöglich.“ Gerd Breuel braucht einen Liegendtransport.

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Der Wünschewagen des Arbeiter-Samariter-Bunds ist die Lösung. „Bei dem Fahrzeug handelt es sich um einen umgestalteten Rettungswagen“, erklärt Fahrer Frank Pech. „Inklusive moderner Trage für Liegendtransporte.“

Drei professionelle Begleiter, ein moderner Rettungswagen und Spendengelder sind nötig, um Gerd Breuels letzten Wunsch zu erfüllen. Fahrer Frank Pech, Schwester Betty Schilling aus dem Pflegeheim und Schwester Heike Stuth aus Greifswald holen den 75-Jährigen in Zapkendorf mit dem Wünschewagen ab. Sie alle werden dringend gebraucht, wie die Ankunft auf dem Rostocker Weihnachtsmarkt zeigt.

Auf zu den Kartoffelpuffern

Gerd Breuel liegt auf einer Trage und blickt in den schwarzen Himmel. Über ihm tauchen die drei Gesichter seiner Helfer auf. Sie sprechen hektisch miteinander. Fahrer Frank Pech packt Breuels graue Jacke mit beiden Händen. Schwester Betty greift sich den Hosenbund, Schwester Heike umschlingt die steifen Knie. „Bloß nicht an den Beinen ziehen, sonst schreit er vor Schmerzen“, ruft Betty Schilling. Gerd Breuel hat die Augen weit aufgerissen, seine Pupillen zucken von links nach rechts. Frank Pech ruft: „Drei, zwei, eins. Hopp!“ Mit einem Satz hebt ihn das ungewöhnliche Trio von der Trage.

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Für den Bruchteil einer Sekunde fliegt er durch die Luft. Im Hintergrund dröhnt eine roboterartige Stimme durch Lautsprecher, die schreit: „Auf in die nächste Runde-e-e-e“. Bunte Glühbirnen eines Karussells blinken in den Abendhimmel. Holzbuden duften nach Glühwein und Süßigkeiten. Es ist kalt. Am Rande des Rostocker Weihnachtsmarktes landet Gerd Breuel sicher in einem Rollstuhl. Die beiden Frauen ordnen seine Kleidung und wärmen den schwachen Körper mit Decken. Breuels aufgerissene Augen fallen wieder zusammen.

Schwester Heike schiebt Breuel über die Lange Straße. Schwester Betty läuft neben ihm. „Was willst du heute eigentlich machen, Breulchen?“, fragt sie ihn. Er flüstert so leise, sie muss ihr Ohr fast an seinen Mund pressen. „Kartoffelpuffer?“, ruft sie. „Gut, dann suchen wir mal eine Bude.“

Ein letzter Glühwein auf dem Weihnachtsmarkt: Gerd Breuel ist sterbenskrank und die Wünschewagen-Helfer Betty Schilling (l.), Frank Pech (m.) und Heike Stuht (r.) erfüllen ihm seinen letzten Wunsch.  Fotos: Volker Bohlmann
Ein letzter Glühwein auf dem Weihnachtsmarkt: Gerd Breuel ist sterbenskrank und die Wünschewagen-Helfer Betty Schilling (l.), Frank Pech (m.) und Heike Stuht (r.) erfüllen ihm seinen letzten Wunsch. Fotos: Volker Bohlmann
 

Schwester Betty dreht sich um. „Er schafft kaum noch mehr als zwei Löffel pro Mahlzeit. Den Rest verweigert er“, sagt sie. Schwester Heike Stuth nickt. Sie kenne das aus ihrem Hospiz. Sie erlebte Sterbende, die über Wochen keine Nahrung zu sich nehmen konnten.

Breulchen genießt seinen Glühwein

An der Langen Straße steht sie, die „Pufferbude“. Aus der Holzhütte dampft sichtbarer Kartoffelgeruch. Schwester Heike parkt den Rollstuhl vor einem Blumengeschäft, Schwester Betty kauft die Kartoffelpuffer. Sie nimmt einen Löffel und macht daraus Brei. „Anders geht es nicht“, sagt sie. Gerd Breuel nimmt einen ersten Bissen. Den zweiten, den dritten. Er verputzt beide Kartoffelpuffer bis zum Schluss. Schwester Betty schaut hoch und macht große Augen: „Wahnsinn, so viel hat er seit Wochen nicht gegessen“. Fahrer Frank Pech hat eine rote Schnabeltasse in der Hand. Er hat Glühwein geholt. Er hält sich die Tasse an die Wange: „Ist schon lauwarm genug“, sagt er. Betty setzt den Schnabel an und Gerd Breuel genießt seinen Glühwein.

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Mit jedem Schluck aus der Schnabeltasse sieht er mehr vom Rostocker Weihnachtsmarkt. An den Buden der Kröpeliner Straße, ein Schluck. Im Park am Brunnen der Lebensfreude, ein Schluck. Zurück an der Langen Straße, ein Schluck. Nach anderthalb Stunden blickt er Schwester Betty an. Der Glühwein ist alle. Sie hält ihr Ohr vor sein Gesicht: „Wird Zeit, an Land zu gehen“, flüstert er. Betty Schilling schaut hoch: „Das ist genug für heute. Er kann nicht mehr.“

Der Wünschewagen bringt Gerd Breuel zurück ins Pflegeheim. Der Ausflug auf den Weihnachtsmarkt, für die meisten Menschen normal. Für Gerd Breuel war er außergewöhnlich. Am Abend wird er sagen: „Nun kann ich in Ruhe einschlafen“.

>> Hier finden Sie weitere Informationen zum Wünschewagen

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