Laut Wissenschaftlern aus MV : Verbote wegen Corona müssen einsehbar sein

Ein Polizeibeamter kontrolliert hinter der Landesgrenze von Niedersachsen die Zufahrt nach Mecklenburg-Vorpommern.

Ein Polizeibeamter kontrolliert hinter der Landesgrenze von Niedersachsen die Zufahrt nach Mecklenburg-Vorpommern.

Ohne Verbote geht es in der Corona-Krise nicht. Doch wenn die Politik überzieht, kann sie das Gegenteil ihrer Absicht bewirken. Es kommt auf das richtige Maß an, sagen Wissenschaftler. Und auch auf die Begründung.

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26. April 2020, 10:12 Uhr

Das kurzzeitige Verbot von Autokinos in Mecklenburg-Vorpommern wegen der Corona-Krise hat Menschen aufgeregt, die niemals im Leben aus dem Auto Filme angeschaut haben. Das Verbot hätte einer jener Tropfen werden können, der das Fass zum Überlaufen bringt - wenn die Landesregierung es nicht nach einem Tag wieder zurückgenommen hätte.

Gefühl der Einschränkung

Der Greifswalder Psychologie-Professor Alfons Hamm spricht von Reaktanz: Es werde etwas verboten, wodurch der subjektiv wahrgenommene Freiheitsspielraum der Menschen eingeschränkt wird. „Dadurch entsteht das Bedürfnis, meine alte Freiheit wiederherzustellen. Ich erlebe Ärger und möchte meinen Freiheitsspielraum wiederhaben“, erläuterte der Wissenschaftler an der Universität Greifswald im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur. Je jünger die Menschen sind, desto größer sei die Neigung zu jener Reaktanz.

Am Montag treten auch in Mecklenburg-Vorpommern neue Vorschriften in Kraft: In Bussen und Bahnen und beim Einkauf in Geschäften ist Atemschutz Pflicht, ebenso beim Betreten von Behörden. Aber während fast alle Geschäfte seit einer Woche wieder öffnen dürfen, müssen Cafés, Kneipen und Restaurants weiter geschlossen bleiben, was viele Betreiber und Gäste nicht verstehen.

Das „richtige“ Maß der Beeinflussung

Hamm betont, er könne als Wissenschaftler den Politikern keinesfalls die schweren Entscheidungen abnehmen. Aus wissenschaftlicher Sicht allerdings sollte darauf hingewiesen werden, dass Einschränkungen immer Reaktanz auslösen und deshalb das „richtige“ Maß der Beeinflussung und auch die Form der Kommunikation genau abgewogen sein sollten.

Weiter sagte er, die Menschen hätten viele Sorgen, nicht nur wegen ihrer Gesundheit: „Wenn es mehr Einschränkungen gibt, werden die Sorgen mehr und nicht weniger.“ Die Stimmung werde schlechter, die Leute ängstlicher. Er würde der Politik empfehlen, den Menschen wieder mehr Eigenverantwortung zu geben. „Die Alten nehmen sich sowieso in Acht“, meint Hamm.

„Sicher war es gut, über Ostern die Grenzen zuzuhalten. Wir haben es gemeinsam geschafft, die Kurve abzuflachen“, stellt Hamm fest. Das sei eine gute Nachricht. Angesichts der Zahl der aktuell Infizierten sei in Mecklenburg-Vorpommern das Ansteckungsrisiko nun überschaubar.

Begründung müsse überzeugend sein

Die Doktorandin im Fachbereich Philosophie, Linda Stiehm, forscht an der Universität Rostock zu ethischen Fragen im Umfeld des Paternalismus - der Bevormundung, auch durch den Staat. Im Falle der Corona-Pandemie werde in die Freiheitsrechte massiv eingegriffen. „Die Folgen der Corona-Krise sind für den Einzelnen so immens, dass auch die Begründung für jede Entscheidung mehr als überzeugend sein muss“, betont die junge Wissenschaftlerin.

„Die große Frage ist: Soll der Einzelne geschützt werden, oder sollen Dritte geschützt werden?“ Da es keine Ausgangssperre gebe, sei es in Mecklenburg-Vorpommern möglich, sich zu treffen. Primär solle nicht der Einzelne vor der Krankheit geschützt werden. Das Verbot von Großveranstaltungen solle die schwächeren Personen schützen. Das würde aber nicht jeder einsehen.

Die Befolgung von Verboten zu verweigern, ist Stiehm zufolge als „ziviler Widerstand“ rechtlich und vor allem philosophisch stark umstritten. Er könne aber ein Anzeiger für die Dringlichkeit und Ernsthaftigkeit sein, ein sichtbares „Warnlämpchen“, mit der auf ungerechtfertigte Eingriffe aufmerksam gemacht wird. Der Staat erhalte seine Durchsetzungskraft nicht durch Gewalt und Repressionen, sondern vor allem durch die Einsehbarkeit seiner Entscheidungen, erklärte Stiehm.

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