Therapeuten am Limit : Fahrrad-Sternfahrt für höhere Vergütung und Abschaffung des Schulgeldes

81620078.jpg

„Therapeuten am Limit“ rufen zu Rad-Protestfahrt und Demo auf.

Karin.jpg von
02. Juni 2019, 05:00 Uhr

Therapeuten am Limit: Auf Sarah Strahl trifft das genau zu. Bei der Logopädin, die Praxen in Kühlungsborn und Satow betreibt, stehen mittlerweile 80 Patienten auf der Warteliste – trotz ungezählter Überstunden. „Wir leben nun mal in einem Flächenland mit vielen älteren Menschen, da geht für Hausbesuche viel Zeit drauf“ , sagt sie. Eine weitere Mitarbeiterin einzustellen – gegenwärtig hat die Logopädin acht Angestellte, von denen zwei in Elternzeit sind – würde die Lage etwas entspannen. „Aber ich suche schon seit einem Jahr und hatte in der ganzen Zeit nicht eine einzige Bewerbung.“

Mehr Geld in anderen Ländern

Die Erklärung dafür kennt Sarah Strahl durchaus: „In anderen Bundesländern lässt sich in unserem Beruf einfach mehr verdienen.“ Zwar gebe sie es an ihre Mitarbeiter weiter, wenn die Krankenkassen ihre Leistungen besser vergüten würden, „aber auch dann kommen demnächst nur 2400 Euro brutto im Monat raus“, erläutert die Logopädin. Dem müsse man außer den Lebenshaltungskosten auch die der Ausbildung gegenüberstellen. Sie selbst hätte 2008 dafür 24 000 Euro aufbringen müssen. Das ging trotz Unterstützung durch die Eltern und eines Minijobs nur mit Hilfe eines Studienkredits – „und den muss man dann später vom Einkommen abzahlen“. Inzwischen, so Sarah Strahl, ist die Logopädie-Ausbildung sogar noch teurer geworden.

Höhere Vergütungen für Gesundheitsleistungen und Abschaffung des Schulgeldes – mit diesen Forderungen startet heute die Initiative „Therapeuten am Limit“ zu einer Fahrrad-Sternfahrt nach Berlin. Sarah Strahl wird mitfahren, wenn auch wegen des großen Arbeitsaufkommens in der Praxis nur auf einzelnen Abschnitten: Sonntag radelt sie mit weiteren Kollegen von Rostock nach Schwerin und am Donnerstag ist sie auf der letzten Etappe bis zum Bundesgesundheitsministerium dabei. Die erste „offizielle“ norddeutsche Etappe führt heute von Hamburg nach Lübeck. Von dort aus geht es morgen weiter nach Schwerin, wo am Montag um 9 Uhr auf dem Markt und etwas später an der Siegessäule eine große Protestdemonstration geplant ist.

Mitfahrerinnen aus der Region

Chantal Lübbers und Ann-Kathrin Paap werden sowohl heute bei der ersten Etappe als auch am Montag auf dem Abschnitt Schwerin – Perleberg mit in die Pedale treten. Die jungen Frauen stehen in Schwerin im zweiten bzw. dritten Lehrjahr zur Ergotherapeutin. Für beide ist es der Traumberuf, aber beide sind sich auch einig, dass die Ausbildung alles andere als attraktiv ist, wenn sie selbst bezahlt werden muss – in ihrem Beruf mit rund 9000 Euro. Bis zu 60 Stunden pro Woche wende sie für die Ausbildung auf, so Chantal. Dennoch müsse sie abends und an den Wochenenden arbeiten gehen, um ihre Wohnung bezahlen und sich selbst durchbringen zu können.

Carolin Tunat aus Parchim, künftige Ergotherapeutin im ersten Ausbildungsjahr, muss das dank der Unterstützung durch ihre Eltern zwar nicht. Auch sie wird aber am Montag ab Schwerin mitradeln – weil sie sich für einheitliche Ausbildungsbedingungen in ganz Deutschland stark machen will. Einige Schüler in Therapeutenberufen bekämen nämlich bereits eine Ausbildungsvergütung. Und es gebe auch schon Bundesländer, in denen die Ausbildung zu Ergo- und Physiotherapeuten, Logopäden, Diätassistenten usw. bereits heute komplett kostenfrei ist.

Schulgeldfreiheit in Schleswig-Holstein

Tatsächlich gilt im Nachbarland Schleswig-Holstein die Schulgeldfreiheit seit Anfang diesen Jahres. Bayern und Niedersachsen planen, sie mit Beginn des neuen Ausbildungsjahres Anfang August einzuführen. In Nordrhein-Westfalen gilt bereits seit 2018 zumindest eine 70-prozentige Schulgeldbefreiung. Ein Wechsel des Ausbildungsortes kommt für Carolin Tunat dennoch nicht in Frage: „Mecklenburg-Vorpommern ist meine Heimat“ sagt sie – und der will sie die Treue halten.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen