Tägliche Hetze im Netz : „Absaufen soll dat Schiff“

„Absaufen soll dat Schiff...“ Flüchtinge im Mittelmeer
„Absaufen soll dat Schiff...“ Flüchtinge im Mittelmeer

Retter sollen mit Flüchtlingen zusammen ertrinken, ein Hundehalter, der sein Tier misshandelt, soll sterben: Über den täglichen Hass im Netz.

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27. November 2018, 06:20 Uhr

Mitten auf der Ostsee kämpft der Junge um sein Leben. Er schreit, ruft um Hilfe, immer wieder verschwindet sein Kopf unter dem Wasser. Die Eltern und Badenden am Strand sind zu weit weg, um ihm helfen zu können. „Helft ihm doch!“, kreischen verzweifelte Mütter. Doch es ist zu spät für das Kind... Der Junge stammt übrigens aus Syrien.

Können Sie sich vorstellen, dass einer der Zeugen dieses Dramas den Satz ruft: „Lasst ihn doch absaufen!“?

Die Szene ist fiktiv. Der Satz dagegen gehört zur Realität der menschenverachtenden Empörungswelle, die Tag für Tag durch die sozialen Netzwerke schwappt – auch in unsere Redaktion. Und oft ist es ein kleiner Funke, eine Meldung, die einen Hasssturm auslöst. Am Wochenende startete die private Hilfsorganisation Sea-Eye mit ihrem Schiff „Prof. Penck“ zu einer Rettungsmission Richtung Mittelmeer. Kaum stand der Beitrag auf der Online-Seite unserer Zeitung, brach der Sturm los. Mehr als 200 Kommentare innerhalb kürzester Zeit. „Absaufen soll dat Schiff...“ schrieb Peter Kaap. Oder es war zu lesen:  „Hoffe diese Schlepperbande (gemeint sind die Retter, d.R.) wird von der Küstenwache aufgebracht abgeteilt und eventuell sogar hingerichtet.“

Hass und Wut statt Mitgefühl und Argumente

Hass und Wut statt Mitgefühl und Argumente: mehr als die Hälfte der Kommentare – auch die beiden oben – mussten wir verbergen, da sie rassistisch, strafrechtlich relevant oder schlichtweg unfassbar menschenverachtend waren. Wir drucken sie hier ab, um die Hemmungslosigkeit zu zeigen, mit der Wutbürger in der vermeintlichen Anonymität des Internets um sich schlagen.

Kurz zur Erinnerung: Anlass der Empörung sind Menschen, die Menschen in Not helfen wollen. Jenen Menschen, die aus Todesangst über die Zustände in ihrer Heimat keinen anderen Ausweg sehen, als sich mit Hunderten anderen in einer Nussschale aufs Meer zu wagen und den Tod in Kauf zu nehmen. Mehr als 2000 Flüchtlinge sind in diesem Jahr bereits im Mittelmeer ertrunken. Viele kamen aus Syrien, wo der Krieg bisher 350 000 Leben kostete. Mehr als 1,5 Millionen Syrer erlitten bleibende seelische oder körperliche Schäden. Der drohende Tod auf dem Meer wird zur Alternative.

„Wozu retten, damit sie dann zu uns kommen können und hier Steuergelder abkassieren und dann auch noch anderen Unfug zu treiben. Ihr solltet euch was schämen dieses Gesindel auch noch zu unterstützen“, schreit Rositha Spindler via Facebook der Sea-Eye-Besatzung zu. Die Würde des Menschen? Pure Verachtung.

Es kann nicht sein, dass man darüber debattiert, ob man Menschen, die in Lebensgefahr schweben, rettet.

Herbert Grönemeyer

 

Der Sänger Herbert Grönemeyer findet: „Es kann nicht sein, dass man darüber debattiert, ob man Menschen, die in Lebensgefahr schweben, rettet.“ Er hat recht. 75 Prozent der Deutschen finden es richtig, dass private Hilfsorganisationen Flüchtlinge retten, nur 21 Prozent sind dagegen. Doch die Minderheit schreit lauter.

„Bitte nicht zurückkommen, fahre mit ihnen wohin du willst, aber nicht zu uns, du scheiß krimineller Schlepper...“, empört sich Rene Jedde über die Helfer. „Versenken samt Ladung und Besatzung“, schreibt Thomas Hoppe.

Hassrede im Internet nimmt rasant zu. Das haben gerade zwei Studien bestätigt. 78 Prozent der Internetnutzer seien bereits mit Hasskommentaren konfrontiert worden – elf Prozent mehr als im Vorjahr. Die Masse schweigt, wenige poltern: „Die Ergebnisse zeigen, dass wir viel Hetze, aber wenige Hetzer im Netz haben – dies zeigt uns aber auch, dass es eine Chance gibt, den zunehmenden Hass im Internet in den Griff zu bekommen“, sagt der Direktor der Medienanstalt NRW, Tobias Schmid.

Aufruf zur Gewalt

In den Griff? Gewiss ließe sich darüber diskutieren, wie sich Fluchtursachen bekämpfen ließen und wahren Schleppern das Handwerk gelegt werden könnte. Aber was tun, wenn das Argument einen Aufruf zur Gewalt gegen die Crew in Rostock bedeutet: „Sofort versenken diesen kriminellen Schlepperkahn...“, wettert Bernd Edgar. Landesmedienanstalt-Direktor Schmid ruft dazu auf, „die Kommunikation im Netz zurückzuerobern“, um es wieder zum Ort „einer freien, offenen und konstruktiven Debattenkultur“ zu machen. Ein schöner Gedanke. Die Realität heißt Gegenrede: Um Gerüchten, Hasskommentaren und Beleidigungen zu begegnen, zeigen Polizeibehörden in den sozialen Netzwerken immer häufiger Präsenz. Bei Youtube melden Nutzer im ersten Halbjahr 76 000 Videos mit hasserfülltem oder extremistischem Inhalt. Fast 25 000 davon entfernte die Plattform. Von mehr als 1500 Online-Kommentaren zum Tod eines Mannes in Köthen sperrte der MDR rund 44 Prozent, weil sie ausländerfeindlich waren. Alltag bei deutschen Medien.

Die Grenzen sind oft überschritten – inhaltlich, argumentativ, orthografisch: „Den ihr ernst. Unsere Kliniken bekommen keine Geräte und so ne Schlepperbande bekommts umsonst um de Feiglingen zu helfen die lieber in ihrem Land bleiben sollten um es wieder aufzubauen. Kann man nur hoffen das der Kann gleich mit absäuft.“ Alltag bei Facebook.

Die schweigende Mehrheit muss lauter werden

Ketzerisch könnte man behaupten: Seien Sie froh, dass Sie kein Flüchtling sind. Oder noch schlimmer: ein Tierquäler. Die kleine französische Bulldogge Gismo, die vom Halter gequält und fast bis zum Tod malträtiert wurde, löst offenbar weit mehr Mitgefühl aus als tausende ertrinkende Flüchtlinge – aber ähnliche Reflexe auf unseren Online-Kanälen. „Solche Menschen sollte man auf der Stelle erschießen. Auf Tierquälerei sollte Todesstrafe stehen“, findet Celine Sophie Strelow. „Dem Schwein von Halter sollte man Gleiches antun – menschlicher Müll“, schreibt Tom Perignon. Und wieder folgt der Aufruf zur Lynchjustiz: „Wer ist der Halter gewesen, wir wollen den Namen (Totenkopf-Emoji)“, schreibt Jan Hedewig. Oder Torsten Festerling: „Ich bräuchte mal die Adresse von Halter. Auf den muss man erzieherisch einwirken.“

Hetze, Hass, Aufrufe zum Mord – sollte man einfach Augen und Ohren zuhalten? Nein. Die schweigende Mehrheit muss lauter werden.


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