Spendenaktion Wünschewagen : Nicolé Steinicke kann den Tod spüren

Zwei Mal im Monat begleitet Nicolé Steinicke Wünschefahrten.
Zwei Mal im Monat begleitet Nicolé Steinicke Wünschefahrten.

Als Palliativpflegerin begleitet Nicolé Steinicke regelmäßig Menschen in ihren letzten Stunden. In ihrer Freizeit erfüllt sie letzte Wünsche

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05. Dezember 2018, 20:00 Uhr

Ein letztes Mal an die Ostsee fahren. Ein letztes Mal das Sahnestückchen vom Bäcker genießen. Ein letztes Mal das Grab des Ehepartners besuchen. Wenn das Leben zu Ende geht, sind die Wünsche oft sehr bescheiden, weiß Nicolé Steinicke. Seit mehr als eineinhalb Jahren begleitet die 35-Jährige regelmäßig Fahrten mit dem Wünschewagen. Sie war dabei, als der blinde und schwerkranke David seinen ebenfalls kranken Vater das letzte Mal besuchte. Als die letzte Umarmung auch für immer die letzte bleiben sollte. Sie war dabei, als Gertraud Gleffe noch einmal ans Meer fuhr. Noch einmal die Seeluft spürte. Für Steinicke ist der Tod nichts Befremdliches. Als selbstständige Palliativpflegerin begleitet sie regelmäßig Menschen in ihren letzten Stunden. Sie weiß, was ihnen wichtig ist, wenn nichts mehr bleibt.

„Ich kann den Tod spüren“, sagt Steinicke. „Das Gesicht verändert sich. Man erkennt das typische Dreieck. Die Menschen sprechen über den Tod...“, erklärt sie. Wenn die Atmung unregelmäßig wird, stellt die gelernte Kranken- und Gesundheitspflegerin eine Kerze auf und öffnet die Fenster. Dann versucht sie, den Sterbenden noch einmal bequem zu betten. So, als ob er schläft, damit auch die Gesichtszüge entspannt sind. Stundenlang bleibe sie an seiner Seite. Bis er los lässt.

Wünschewagen - „Als hätte ich einen Auftrag in meinem Leben

„Ich fühle mich da wohl.“ Steinicke sucht nach Worten, streicht ihre roten Haare hinter das Ohr. „Ich bin genau hier richtig. Es ist, als hätte ich einen Auftrag in meinem Leben.“ Sie lächelt. Diese Art von Lächeln, die jeden gleich einnimmt. Als der Wünschewagen vor knapp zwei Jahren nach MV kam, war ihr auch da klar, dass sie helfen will. Auf ihrer ersten Fahrt begleitete sie einen Jungen. Erst zehn Jahre alt. Viel älter sollte er nicht werden. Sein letzter Wunsch: noch einmal mit dem Vater Urlaub an der Ostsee machen. „Ich dachte damals: Den musst du kennen lernen.“

Vor der Fahrt weiß die dreifache Mutter aus der Nähe von Bad Doberan nicht viel über den Wünschenden. Das Krankheitsbild und die Symptomatik. Ob es eine Patientenverfügung und einen Reanimationswunsch gibt. Nur für den Fall. „Die meisten sind ganz aufgeschlossen“, sagt Steinicke. „Es ist einfach normal. Wir machen Späße. David zum Beispiel hat Witze über Blinde gemacht.“

Jede Fahrt ist etwas Besonderes

Fast jede zweite Woche engagiert sich Steinicke ehrenamtlich für den Wünschewagen. Nach Hessen, nach Leipzig und nach Köln haben sie ihre Fahrten schon gebracht. „Jede Fahrt ist etwas Besonderes, weil besondere Personen dahinter stecken“, sagt Steinicke. Einmal wollte ein älterer Mann noch einmal sein Zuhause sehen. Sich von den Nachbarn verabschieden. Zu dem Kieshaufen vor seinem Haus habe er gesagt: Der liegt da schon seit Wochen. Das ist jetzt nicht mehr mein Problem. Ein anderes Mal wollte eine Frau kurz vor ihrem Tod noch einmal ihren ebenfalls kranken Bruder besuchen.

Wenn die Wünschenden mit einem Lächeln von ihren Fahrten zurückkehren, ist Steinicke zufrieden. Nur einmal habe das bisher nicht geklappt. Eine ältere Dame wollte noch einmal die Ostsee sehen. Ihr Zustand war kritisch. Die Fahrt ging nach Warnemünde. „Dort kippte die Situation immer mehr“, beschreibt es Steinicke. Sie spürte, dass etwas nicht stimmt, und hielt Kontakt mit der Klinik. Die Ehrenamtler beeilten sich, die Dame wieder zurückzufahren. Doch noch während der Fahrt verstarb sie. Selbst für Steinicke ein schwerer Moment: „Sicherlich ist mir bewusst, dass das Menschen nahe dem Lebensende sind. Aber ein Tod auf dem Wünschewagen... Die Mission war eine andere. Ich brauchte eine Kerze. Alles wackelte. Man hätte es schöner machen können.“

Keine Angst vor dem Tod

Seit dem Vorfall gibt es ein Teelicht im Wünschewagen. Wenn auch nur mit einer LED-Flamme. Steinicke findet etwas Trost: „Die Frau wollte nicht im Krankenhaus sterben“, ist sie sich sicher. Sie selbst glaubt an ein Leben nach dem Tod. An Seelen und feinstoffliche Dinge, die man nicht anfassen, aber dennoch spüren kann. Daran, dass der Tod nichts ist, was einem Angst machen muss oder wo man nicht hinsehen darf. Das habe sie in ihrem Beruf gelernt.

„Das sind Erlebnisse, die mich erden“, beschreibt Steinicke. „Früher war ich sehr perfektionistisch. Die Erlebnisse haben so viel Druck rausgenommen. Jetzt lasse ich auch mal alles einfach laufen. Wir sollten das Leben genießen. Und schätzen, dass wir dahin gehen können, wo wir hingehen wollen.“

Unsere Weihnachtsspendenaktion für die Wünschewagen in MV und der Prignitz findet großen Zuspruch: Auf den beiden Spendenkonten sind insgesamt schon 62 203,50 Euro eingegangen. In MV haben unsere Leser bislang 40 918,50 Euro gespendet, hinzu kommen die Einnahmen vom Benefizkonzert bei der Thalia-Nacht in Schwerin, die auf 14.000 Euro aufgestockt wurden. In der Prignitz gingen bislang 7285 Euro ein. Vielen Dank.

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So können Sie helfen

Spendenkonto:

ASB-Landesverband MV e.V.
Bank für Sozialwirtschaft
IBAN: DE82 1002 0500 0001 4951 00
BIC: BFSWDE33BER
Stichwort „Weihnachtsaktion Wünschewagen“

ASB-Landesverband Brandenburg e.V.
Bank für Sozialwirtschaft
IBAN: DE49 100 20 50 0000 3545 401
BIC: BFSWDE33BER
Stichwort „Weihnachtsaktion Wünschewagen“

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