Corona-Krise in MV : Notwendige Durchseuchung der Bevölkerung wird sehr lange dauern

Emil Reisinger, Leiter der Abteilung für Tropenmedizin und Infektiologie der Unimedizin Rostock

Emil Reisinger, Leiter der Abteilung für Tropenmedizin und Infektiologie der Unimedizin Rostock

Die Kontaktbeschränkungen wegen der Corona-Pandemie greifen. Doch eine etwas höhere Infektionsrate führe zur schnelleren und notwendigen Durchseuchung der Bevölkerung.

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13. April 2020, 09:27 Uhr

Der Rostocker Tropenmediziner Emil Reisinger rechnet in Mecklenburg-Vorpommern in den nächsten Tagen nicht mit einer drastischen Erhöhung der Zahl der Menschen mit einer Corona-Infektion. In den vergangenen Tagen hatte die Zahl der Neu-Infizierten im Nordosten jeweils meist unter 20 gelegen. „Dies zeigt, dass sich die erlassenen Kontaktbeschränkungen als wirksam erweisen“, sagte Reisinger der Deutschen Presse-Agentur.

In Mecklenburg-Vorpommern waren bis Sonntag insgesamt 604 Infizierte registriert, elf Menschen sind bislang gestorben. Mit 37 Infizierten pro 100.000 Einwohnern weist der Nordosten bundesweit weiterhin die geringste Infektionsquote auf. In Bayern oder Baden-Württemberg liegt die Quote deutlich höher.

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Lockerung der Maßnahmen hilfreich

Allerdings habe diese niedrige Ansteckungsrate den Nachteil, dass es sehr lange bis zur notwendigen Durchseuchung der Bevölkerung mit dem Virus dauern wird - solange es keine Impfung gibt. Die Ansteckungsrate ist eine wichtige Maßzahl, die von Wissenschaftlern als R0 bezeichnet wird. Diese lag im Nordosten in den vergangenen Tagen bei unter 1, was bedeutet, dass ein Infizierter weniger als einen weiteren Menschen mit dem Virus ansteckt.

„Die Ansteckungsrate ist mit den derzeitigen Instrumenten gut steuerbar“, sagte Reisinger. Eine maßvolle und schrittweise Lockerung der Beschränkungen werde zur leichten Steigerung der Infektionszahlen führen. Sollte es sich bei der Rücknahme der Maßnahmen erweisen, dass die Zahl der Infizierten zu stark steige, könnten einzelne Instrumente wieder eingeführt werden. Dies würde seiner Meinung nach von der Bevölkerung auch akzeptiert werden.

Ohne Durchseuchung kein Schutz

Deshalb wäre ein R0 von größer als 1 aus epidemiologischer Sicht sinnvoll. Ein R0-Wert von 1,1 führe zu einer Verdopplungszeit der Zahl der Infizierten von 25 Tagen, ein Wert, bei dem das deutsche Gesundheitssystem nach jüngsten Erfahrungen in seiner Gesamtheit nicht überfordert sei, betonte der Experte.

Solange keine Durchseuchung stattfindet, sind die Menschen den Angaben zufolge nicht geschützt. Wenn das Virus dann eine Eintrittspforte in einen Teil der Bevölkerung findet, ist ein neuer Ausbruch, eine neue „Welle“ möglich. Laut Reisinger sind bei allen Lockerungsmaßnahmen die über 60-jährigen und die Menschen mit Grunderkrankungen besonders zu schützen.

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