Nachruf Hans-Dieter Hentschel : Ein Geschichtenerzähler

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Zum Tod des Fotografen Hans-Dieter Hentschel

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12. Juni 2020, 16:00 Uhr

Es gibt Menschen in einem Raum, die man kaum wahrnimmt, weil sie sich nie in den Vordergrund drängen. Aber wenn so ein Mensch den Raum verlassen hat, für immer verlassen hat, fehlt er so sehr. Fehlen seine Freundschaft, seine Wärme, sein Können, seine Freundlichkeit. Vor allem aber fehlt sein leiser, verschmitzter, auch widerständiger Humor. So ein Mensch war Dieter.

Ich habe ihn meist nur Hans genannt. 30 Jahre haben wir zusammengearbeitet, ich mit dem Notizblock, er mit der Kamera. Seine Fotos waren das Beste an unseren Artikeln. Wir haben in Thüringer Bächen für eine Reportage nach Gold geschürft. Er war Hans im Glück und fand ein winziges Nugget. Wir reisten zu nordamerikanischen Indianern, besuchten Künstler in ihren Ateliers und interviewten Schauspieler.

Für sein längst vergriffenes Buch „Es war einmal in einem anderen Land“ mit Schwarz-Weiß-Fotografien aus den 80er- und 90er-Jahren, die allesamt für diese Zeitung entstanden, durfte ich das Vorwort schreiben. Darin heißt es über Hans-Dieter Hentschels Fotos, sie hätten „eine Qualität, die über tagesaktuelle Pressefotografie hinausgeht und genau von jenen kleinen, stillen Dramen, Absurditäten und Banalitäten des Alltags erzählen, die ein Foto zur Geschichte selbst werden lassen. Geschichte im doppelten Sinne.“ Hans-Dieter hätte niemals zugestimmt, wenn man ihn als Künstler bezeichnet hätte. Er war einer, auch wenn er sich immer als Handwerker sah.

Kinder- und Jugendspartakiade, Berlin 1989
Hans-Dieter Hentschel
Kinder- und Jugendspartakiade, Berlin 1989
 

Ganz im Sinne des großen Magnum-Fotografen Robert Capa war Hans nicht nur mit der Kamera nah genug dran, sondern mit Leib und Seele und mit dem Herzen. Der traurige junge Boxer, der nach seiner Niederlage Trost in den Armen seiner Schwester findet, ist nur ein Beispiel für Hans-Dieter Hentschels fotokünstlerische Handschrift.

Auch als Hans-Dieter durch seine Krankheit schon lange im Ruhestand war, fuhren wir noch hin und wieder gemeinsam durchs Land. Das waren vertraute, immer heitere, uns beiden wichtige Touren. Nochunlängst suchten, fanden und fotografierten wir auf den Spuren des Mecklenburger Künstlers Carl Malchin Motive und Landschaften, die er vor 100 Jahren gemalt hat.

Nun muss ich mich allein ins Auto setzen und vergebens darauf warten, dass Hans mit seiner schweren Fotoausrüstung zu mir einsteigt. Am 8. Juni ist Hans-Dieter Hentschel in seiner Heimatstadt Schwerin im Alter von 63 Jahren gestorben. Neben seinen Fotos bleiben uns die Erinnerungen an einen stillen, warmherzigen, humorvollen Freund und Kollegen.

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