In Schwerin festgenommen : Mutmaßlicher Terrorist vor Gericht: Bombenbau war nur Experiment

Einsatzkräfte griffen im Plattenbauviertel Neu Zippendorf in Schwerin zu.

Einsatzkräfte griffen im Plattenbauviertel Neu Zippendorf in Schwerin zu.

Schwarz gekleidete und maskierte Männer filmen sich in einer Schweriner Küche beim Herstellen von Sprengstoff. Alles nur ein Experiment, sagt der Syrer Yamen A. vor Gericht in Hamburg zu den Videoaufnahmen. Er habe nie einen Anschlag verüben wollen.

von
25. Oktober 2018, 12:33 Uhr

 Kurz vor Abschluss der Beweisaufnahme im Prozess gegen Yamen A. hat der in Schwerin festgenommene Syrer sein Schweigen vor Gericht gebrochen und die gegen ihn erhobenen Terrorvorwürfe bestritten. Er habe nie vorgehabt, einen Anschlag in Deutschland oder anderswo zu begehen, sagte der 20-Jährige am Donnerstag vor dem Staatsschutzsenat am Oberlandesgericht in Hamburg.„Ich habe nie davon geträumt, ein Märtyrer zu sein.“ Er habe an der Seite der Rebellen gegen Machthaber Baschar al-Assad in Syrien kämpfen wollen.

Die Bundesanwaltschaft wirft dem 20-Jährigen die Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Gewalttat vor. Yamen A. habe einen islamistisch motivierten Sprengstoffanschlag geplant und bereits mit dessen Vorbereitung begonnen, heißt es in der Anklage. Er habe einen Sprengsatz in einer Menschenmenge in Deutschland zünden wollen, um möglichst viele Menschen zu töten und zu verletzen. Nach Angaben eines Gutachters hatte sich Yamen A. bereits genug Chemikalien und Bauteile für einen tödlichen Sprengsatz besorgt.

Der Angeklagte räumte in seiner auf Deutsch gehaltenen Erklärung aber ein, dass er auf einem selbst aufgenommenen Video zu sehen sei, das ihn und andere maskierte Männer beim Sprengstoffmischen in seiner Küche zeige. „Ich habe nur ein einziges Mal experimentiert“, betonte er. Nach den Worten der Vorsitzenden Richterin ging es um die Herstellung des Sprengstoffs TATP, der nach früheren Angaben eines Gutachters auch bei den Anschlägen von Paris im November 2015, von Brüssel 2016 und Manchester 2017 eingesetzt wurde.

Richterin Ulrike Taeubner hielt dem Angeklagten auch Äußerungen vor, die er über den Messengerdienst Telegram als „Murad IS“ geschrieben haben soll: „Mein Ziel: eine Autobombe, um die Feinde Gottes hart zu treffen.“ Und weiter: „Nicht ein oder zwei Menschen, sondern eine vollständige Operation.“ Zu diesen Vorhaltungen äußerte sich der Angeklagte zunächst nicht. Nach einer mehrstündigen Pause erklärte er, er habe Sätze dieser Art benutzt, um sich wichtig zu machen.

Taeubner zeigte ihm auch Fotos, auf denen ein schwarz gekleideter und maskierter Mann den Arm mit einem Messer recke. Auf die Frage „Sind Sie das?“ antwortete Yamen A.: „Ja wahrscheinlich.“ Das Messer habe er „nur so“ in der Hand gehabt, die Geste sei das islamische Zeichen für den einen Gott. Das Video zeige auch eine festgebundene Person, sagte die Richterin. Es werde erklärt, wie man einen Mensch mit dem Messer am besten töte. Auch darauf gab der Angeklagte keine klare Antwort.

Eine Whatsapp-Chatgruppe, zu der Yamen A. gehörte, nannte sich nach Angaben von Taeubner „Partei des Staates“. Damit sei „vielleicht“ der Islamische Staat (IS) gemeint gewesen, sagte der Angeklagte. Das Profilbild der Chatgruppe zeigte laut Taeubner eine Explosion, Titel: „Moment der Durchführung“. Das Foto sei von einem Angriff auf einen Stützpunkt der Regierungstruppen, erklärte der 20-Jährige nach der Verhandlungspause.

Yamen A. bestellte nach dem angeblichen einmaligen Sprengstoffexperiment über Amazon eine ganze Reihe von Komponenten, die nach Angaben des Gutachters zum Bau einer wesentlich größeren Bombe gereicht hätten. Allerdings machte er die Bestellung noch am selben Tag wieder rückgängig. „Spontan bestellt, spontan wieder abbestellt“, gab Verteidiger Wolfgang Ferner die Worte seines Mandanten wieder.

Ein Walkie-Talkie, das mit heraushängenden Drähten gefunden wurde, habe er versucht, zum Zünder umzubauen, aber „nur, um zu sehen, ob das leicht ist“. Im Internet habe der Angeklagte eine Anleitung zum Bau eines Fernzünders gesucht, sagte Taeubner. Gegoogelt habe er die Frage „Wie kann ich enorm starke Sprengsätze herstellen?“ Dazu erklärte Yamen A., Google schlage Suchen automatisch vor, und der Bau des Zünders sei „nicht ernst gemeint“ gewesen.

Ein Mitarbeiter der Jugendgerichtshilfe erklärte, dass der Angeklagte mit seinem Reifegrad deutlich aus der Gruppe Gleichaltriger Deutscher und Syrer heraussteche. Er habe auch keine Anzeichen für irgendeine Traumatisierung feststellen können. Damit ist es unwahrscheinlich, dass das Gericht im Fall Yamen A. das mildere Jugendstrafrecht anwendet. Beim nächsten Verhandlungstermin am 13. November soll die Bundesanwaltschaft ihr Plädoyer halten. Der Verteidiger hat am 20.

November das Wort, das Urteil soll am 23. November verkündet werden.

Darum geht's im MEDIENPROJEKT von SVZ und NNN

Etwa 75.000 Schüler und Lehrer in Mecklenburg-Vorpommern erhalten in einem gemeinsamen Projekt der Zeitungsverlage und des MV-Bildungsministeriums bis zum Jahresende kostenlosen Zugang zu den Newsportalen. Fragen Sie an den Einrichtungen ihrer Kinder nach den Bedingungen und Login-Daten, die Sie auch in der Familie nutzen können.
Was bewegt die Schüler ab Klasse 5 bis hinauf in die Gymnasien und Berufsschulen unseres Landes? Was passiert in ihrem Umfeld, in Deutschland und der Welt? Wie können seriöse Nachrichten von Fake News unterschieden werden?
Die Schweriner Volkszeitung und die Norddeutschen Neuesten Nachrichten bieten den Schülern die aktuellsten Berichte, liefern in einem speziellen Dossierbereich "Diskussionsstoff" für den Unterricht und möchten mit ihnen in Austausch kommen.
 
zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Die Kommentare wurden für diesen Artikel deaktiviert