Mittlere Reife am Gymnasium : Der geschenkte Abschluss?

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Dass Gymnasiasten automatisch bei Versetzung in Klasse 11 die Mittlere Reife bekommen sollen, ist umstritten.

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05. März 2019, 20:00 Uhr

Allen Gymnasiasten, die in die elfte Klasse versetzt werden, soll künftig automatisch der Abschluss der Mittleren Reife zuerkannt werden. So sieht es der Entwurf des neuen Schulgesetzes vor. Doch gegen die Regelung regt sich Widerstand – sogar auf Seiten der Schüler selbst.

Kritik an fehlender Abschlussprüfung

Johanna Remer, Vorsitzende des Landesschülerrates, findet die Pläne der Landesregierung zum Beispiel nicht gut. „Grundsätzlich begrüßen wir es, dass jetzt auch für diejenigen ein Abschluss sichergestellt werden soll, die das Gymnasium abbrechen“, so die Schülersprecherin. Dass das aber ohne Prüfung passieren soll, sei nicht in Ordnung. „Wir sehen die Gefahr, dass der Bildungsgang an der Realschule dadurch abgewertet wird“ , so Johanna Remer. Wenn die Pläne der Landesregierung durchgehen, könnte man die Prüfung am Ende der Realschule umgehen, indem man – legitimiert durch den Elternwillen – einfach das Gymnasium besucht, ohne je den Vorsatz zu haben, dort das Abitur abzulegen. Schon zu Beginn der elften Klasse, genau genommen sogar unmittelbar nach der Versetzung dorthin, könne man dann abgehen – und habe ganz ohne Prüfungsstress dennoch die Mittlere Reife in der Tasche. „Ein gleich genannter Abschluss sollte aber auch gleich behandelt werden“, fordert die Schülerratsvorsitzende.

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Realschulen stärken, Sonderstellung der Gymnasien aufbrechen

Ihre Bedenken teilt auch der Vorsitzende des Landeselternrats, Kay Czerwinski. Aus seiner Sicht ist zu befürchten, dass sich noch mehr Mädchen und Jungen für den gymnasialen Bildungsgang entscheiden werden, wenn es dort die Mittlere Reife automatisch gibt. „Wir würden aber gerne die Realschulen und damit den dualen Ausbildungszweig stärken“, gibt Czerwinski die Position der Elternvertreter wieder.

Bei Annett Schulz von der Schulleitungsvereinigung Mecklenburg-Vorpommern läuft er damit offene Türen ein. Sie spricht sich dafür aus, Abschlüsse generell nur dann zu vergeben, wenn zuvor eine Prüfung abgelegt wurde. Und: Es dürfe nicht länger einen Schutzmantel für Gymnasien geben, monierte sie letzte Woche vor dem Landtagsbildungsausschuss.

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Vermittelter Stoff unterscheide sich deutlich

Vertreter der Gymnasien indess sind mit dem Vorschlag im Gesetzentwurf durchaus zufrieden. Sowohl die Vereinigung der Gymnasialschulleiter als auch der Philologenverband in MV begrüßen die Pläne. „Wir haben ein großes Interesse daran, dass die Bildungsgänge am Gymnasium und an der Regionalen Schule klar unterscheidbar sind“, betont der Vorsitzende der Vereinigung der Gymnasialschulleiter, Christoph Racky. Die zehnten Klassen an beiden Schularten zu vergleichen sei wie ein Vergleich von Äpfeln und Birnen. Denn das Anspruchsniveau in der Sekundarstufe I an Gymnasien sei bereits höher als das in den gleichen Jahrgangsstufen der Regionalen Schule. Auch der vermittelte Stoff unterscheide sich deutlich.

Deshalb werde Schülern an Gymnasien, denen man nicht zutraut, diesen Bildungsgang zu bewältigen, rechtzeitig, also nach Klasse 8, der Wechsel an die Realschule nahegelegt, so Jörg Seifert, der Landesvorsitzende des Philologenverbandes. Wer dieser Empfehlung folge, mache auch einen guten Mittlere-Reife-Abschluss. Wer dagegen am Gymnasium in die 11. Klasse versetzt werde, hätte es nicht leichter gehabt als ein Realschüler, der mit Prüfungen seinen Abschluss gemacht hätte.

Gute Erfahrungen aus DDR-Zeiten

Am Gymnasium eine Prüfung am Ende der 10. Klasse zu installieren, stresse die Schüler nur unnötig, so die Vertreter der Gymasiallehrer. Zudem bedeute es einen enormen Aufwand.

Für die bildungspolitische Sprecherin und Vorsitzende der Linksfraktion, Simone Oldenburg, sind das keine Argumente: Generationen von Schülern habe es nicht geschadet, auf dem Weg zum Abitur zwei Prüfungen abzulegen, meint sie unter Verweis auf das in der DDR übliche Verfahren.

Elternratsvorsitzender Kay Czerwinski könnte sich einen Kompromiss vorstellen: Wer am Gymnasium mit guten Ergebnissen in die 11. Klasse versetzt wird, bekommt automatisch die Mittlere Reife. Wer einen Durchschnitt von 3,0 oder schlechter vorweist, muss eine Prüfung ablegen.

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