Wahl in Wolgast : Mecklenburg-Vorpommerns „rechte Ecke“ - Wie stark wird die AfD?

 
 

Dicht am Urlaubsparadies Usedom liegt das historische Städtchen Wolgast. Es kämpft mit Arbeitsplatz- und Einnahmeverlusten und einem Image als Hochburg der Rechtswähler

von
23. Mai 2019, 07:59 Uhr

Auf der Landkarte Mecklenburg-Vorpommern liegt Wolgast als Tor zur Insel Usedom ganz rechts. Auch politisch hat sich die Region Vorpommern als „rechte Ecke“ in vielen Köpfen festgesetzt.

Wolgast leidet unter wirtschaftlichen Problemen

Touristen durchqueren die kleine Stadt mit dem historischen Zentrum, das letztmals 1713 zerstört wurde, in der Regel ohne auszusteigen.

Mit den langen Staus im Sommer ist Wolgast nur ein ärgerliches Hindernis auf dem Weg zur Ostsee. Die Wirtschaftskraft der 13.000-Einwohner-Stadt speist sich nur zu einem Prozent aus Gastronomie und Hotellerie, wie Bürgermeister Stefan Weigler (parteilos) sagt.„Hinter der Brücke ist das Verhältnis umgekehrt.“ Hinter der Brücke - da liegt die Ferieninsel Usedom mit mehr als einer Million Urlauber jährlich.

Der Bürgermeister der Stadt Wolgast, Stefan Weigler (parteilos), steht auf dem Rathausplatz im Zentrum der Stadt.
Stefan Sauer/dpa-Zentralbild/dpa

Der Bürgermeister der Stadt Wolgast, Stefan Weigler (parteilos), steht auf dem Rathausplatz im Zentrum der Stadt.

 

Auf dem Markt mit dem weißen Rathaus stehen Tische und Stühle vor drei Cafés, alles Bäckereiketten. Um die Ecke liegt das Traditionscafé Biedenweg. „Das Geschäft läuft schlecht“, sagt Konditormeister Torsten Riel. Er übernahm die mehr als 100 Jahre alte Konditorei 2016. Es gebe zu viel Leerstand in der Stadt, meint der 43-Jährige und zählt die Läden auf, die in den vergangenen Jahren zugemacht haben. „Von dem Standort können wir nicht leben“, sagt er.

Konditormeister Torsten Riel steht mit seinen Angestellten Petra Brandt (l) und Doreen Eickner im Cafe Biedenweg in der Altstadt von Wolgast.
Stefan Sauer/dpa-Zentralbild/dpa

Konditormeister Torsten Riel steht mit seinen Angestellten Petra Brandt (l) und Doreen Eickner im Cafe Biedenweg in der Altstadt von Wolgast.

 

Exportstopp trifft Werft und Stadt hart

Riel beschäftigt neun Mitarbeiter, hat Eis, Pralinen, Schokolade, Desserts, Torten, Kuchen, Brötchen im Angebot. Seine Frau fährt den Großteil der Ware an Kunden aus. Von 40 Torten täglich werden nur vier im Café verkauft. Weihnachten 2018 sei der Umsatz um 20 Prozent eingebrochen, sagt Riel. Er führt das auf die Kurzarbeit auf der Peene-Werft zurück. Wegen des Rüstungsexportverbots nach Saudi-Arabien wurden die Arbeiten an einer Serie Patrouillenboote gestoppt. Die Leute halten ihr Geld zusammen, spürt der Konditor.

Patrouillenboote für Saudi-Arabien liegen auf dem Werftgelände der zur Lürssen-Werftengruppe gehörenden Peene-Werft.
Stefan Sauer/dpa-Zentralbild/dpa

Patrouillenboote für Saudi-Arabien liegen auf dem Werftgelände der zur Lürssen-Werftengruppe gehörenden Peene-Werft.

 

Warum er bleibt? „Das ist mein Traum - selbstständig, mit eigener Konditorei, an der See“, sagt der Hallenser.

Der Baustopp auf der zur Bremer Lürssen-Gruppe gehörenden Werft belastet auch die Stadtkasse. Lürssen habe die Steuervorauszahlungen auf null setzen lassen. Zusammen mit geringeren Schlüsselzuweisungen des Landes fehlen sechs Millionen Euro, ein Viertel des Jahresetats. „Wir müssten alle freiwilligen Leistungen streichen, auf Investitionen und Instandhaltung und Reparaturen verzichten. Das wären sechs Millionen Euro“, sagt Weigler. Da das unmöglich sei, werde die Stadt erstmals einen Kassenkredit aufnehmen müssen.

Das Logo der Firma Lürssen hängt an der Werfthalle der Peene-Werft. Die Bremer Lürssen-Gruppe klagt wegen des Exportstopps für Patrouillenboote ihrer Peene-Werft in Wolgast gegen den Bund.
Stefan Sauer/dpa-Zentralbild/dpa

Das Logo der Firma Lürssen hängt an der Werfthalle der Peene-Werft. Die Bremer Lürssen-Gruppe klagt wegen des Exportstopps für Patrouillenboote ihrer Peene-Werft in Wolgast gegen den Bund.

 

Weitere Artikel zum Thema:

Bürger fühlen sich „abgehängt“

Die Stimmung in Wolgast ähnelt der im vorpommerschen Hinterland.

Viele Einwohner fühlen sich seit Jahren „abgehängt“. Bei der Bundestagswahl 2017 bekam die AfD in Vorpommern-Greifswald 28,6 Prozent der Stimmen, so viel wie in keinem anderen Landkreis. „Wir haben daraus gelernt“, sagt Ministerpräsidentin Manuela Schwesig (SPD) im benachbarten Anklam, wo der 2016 eingesetzte Staatssekretär für Vorpommern, Patrick Dahlemann (SPD), eine Halbzeitbilanz der Legislaturperiode zog. Mit ihm sei die Landesregierung in Vorpommern präsenter. Mit fünf Millionen Euro Fördermitteln habe er bisher 468 Projekte unterstützt und Investitionen von 16 Millionen Euro auf den Weg gebracht, berichtet er.

Weiterlesen: Wolgast - Eine Stadt leidet mit ihrer Werft

In Wolgast stimmten bei der Bundestagswahl sogar 31,8 Prozent für die AfD. „Eine Denkzettelwahl“, sagt Bürgermeister Weigler. „Nicht alle AfD-Wähler sind Rechte.“ Viele hätten die Nase voll von der Politik der Landesregierung. Durch deren Strukturreformen verlor Wolgast Institutionen und Arbeitsplätze - die Kreisverwaltung, das Finanzamt, das Amtsgericht, die Kinder- und Geburtenstation des Krankenhauses.

Blick auf ein leerstehendes Geschäft mit dem Schriftzug «Fundgrube» im Zentrum der Stadt.
Stefan Sauer/dpa-Zentralbild/dpa

Blick auf ein leerstehendes Geschäft mit dem Schriftzug «Fundgrube» im Zentrum der Stadt.

 

Dazu die Werftenpleite 2012. Die meisten Stimmen für die AfD habe es nicht in den Plattenbauvierteln gegeben, sondern in einer Eigenheimsiedlung, sagt Weigler.

Ziel der AfD: 25 Prozent

Für die Kommunalwahlen am Sonntag kandidiert in Wolgast niemand von der NPD. „Das sieht in anderen Städten anders aus“, wirft Weigler ein. Der gebürtige Wolgaster wurde 2008, mit 29 Jahren, Bürgermeister. Gefestigte rechtsradikale Strukturen wie in den 1990-er Jahren gebe es heute nicht mehr, sagt er.

Für die AfD kandidiert Karsten Lange für den Kreistag in Greifswald und die Stadtvertretung Wolgast. Dort hat die AfD bislang einen Sitz.„Wir werden jetzt sicher in Fraktionsstärke einziehen“, sagt Lange.

Ziel der AfD seien 25 Prozent. Die Partei habe die Wolgaster Probleme auf dem Schirm: die Werft, wo alle Arbeitsplätze erhalten werden müssten, das Krankenhaus, das zur Stadt und nicht zur Universität Greifswald gehören sollte, die Wiederbelebung der Innenstadt. Die Flüchtlingspolitik sei kein vorrangiges Thema mehr, sagt Lange, eher Ordnung und Sicherheit. „Wir hoffen, dass die Sacharbeit im Vordergrund sehen wird.“

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen