Literatur in der Barlachstadt : Krimis und Klischees - Mörderische Schwestern treffen sich in Güstrow

Recherchen im Ernst Barlach Museum: Die Hölzer „Lachende Alte“ und „Frierende Alte“ hat Autorin Anja Feldhorst im Atelierhaus gefunden.
Recherchen im Ernst Barlach Museum: Die Hölzer „Lachende Alte“ und „Frierende Alte“ hat Autorin Anja Feldhorst im Atelierhaus gefunden.

Das Netzwerk krimibegeisterter Frauen tauscht sich über Facetten des Mordens auf dem Papier ebenso aus wie über aktuelle Entwicklungen in der Literaturbranche.

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31. Oktober 2019, 11:52 Uhr

Wenn sich die Mörderischen Schwestern zu ihrer Vollversammlung treffen, wird es schnell gefährlich - zumindest im Kopfkino. Eine Kräuterexpertin gibt einen Workshop zum Morden mit Giftpflanzen, eine Forensik-Expertin widmet sich Erdspuren, die auf ein Verbrechen hindeuten und bei der „Ladies Crime Night“ wird sieben Minuten lang Kriminelles gelesen bis zum Schuss, danach ist die nächste Autorin am (Ab)Zug. Ein Netzwerk krimibegeisterter Frauen - von Autorinnen und Lektorinnen über Verlagsmitarbeiterinnen und Buchhändlerinnen bis hin zu Bloggerinnen und Leserinnen - sind die Mörderischen Schwestern. Am Freitag beginnt in Güstrow das nächste Jahrestreffen der Autorinnen und Krimiliebhaberinnen, die sich der Förderung deutschsprachiger Krimiliteratur von Frauen verschrieben haben.

Weiterlesen: Mörderische Tage in Güstrow

Netzwerk in den USA entstanden

Seit mehr als 20 Jahren gibt es den Verein, der 1996 als deutschsprachige Abteilung des internationalen Verbands Sisters in Crime Inc (gegründet 1987 in den USA) entstanden war. Seit 2012 nennt sich die inzwischen vom US-Verband losgelöste Vereinigung ganz offiziell nur noch Mörderische Schwestern und hat nach Angaben von Präsidentin Carola Christiansen inzwischen mehr als 600 Mitglieder. Als das Netzwerk in den 1980er Jahren in den USA entstand, war es noch schwieriger für Frauen, im Krimibereich Fuß zu fassen, wie die Hamburger Autorin erklärt. „Vieles hat sich seitdem zum Positiven verändert, aber es gibt immer noch ein Ungleichgewicht“, sagt Christiansen, „vor allem bei der Sichtbarkeit von Krimi-Autorinnen in den Medien“.

Großes Ungleichgewicht bei Rezensionen

Die Sichtbarkeit bei Rezensionen etwa. Eine vor einem Jahr veröffentlichte Pilotstudie im Rahmen des Buchbranchenprojekts #frauenzählen in Zusammenarbeit der Universität Rostock registrierte zwei Drittel der rezensierten Bücher als von Männern verfasste Werke. Drei Viertel aller von Männern besprochenen Bücher stammten von Autoren, Kritikerinnen besprachen ausgewogener, doch auch überwiegend Männer. Die größten Ungleichgewichte stellte die Studie beim Sachbuch und im Krimigenre fest. In der Kriminalliteratur rezensierten demnach mit 82 Prozent Männer am liebsten Männer. Der Generalsekretär des PEN-Zentrums Deutschland, Carlos Collado Seidel, kritisierte damals, Autorinnen seien nicht nur im Rezensionsbetrieb unterrepräsentiert. „Das betrifft auch Literaturpreise, Stipendien usw.“

Mehr als schmückendes Beiwerk

„Bei Frauen wird eher angenommen, dass sie Cosy Crime, also nette, gemütliche Spannungsliteratur schreiben“, sagt Christiansen. Aber zum Beispiel die skandinavische Krimibranche beweise, dass Frauen ebenso brutal schreiben könnten. Auch das Klischee der Kommissarin in High Heels, die nur als schmückendes Beiwerk ihres männlichen Kollegen diene, gebe es immer noch. „Dabei wurde das schon aufgebrochen, alleine durch Stieg Larsson, der mit seiner Lisbeth Salander in der Millennium-Reihe ein völlig anderes Frauenbild geschaffen hat.“

Heftige Diskussionen erwartet

Um Frauenbilder in zeitgenössischen Kriminalromanen soll es auch in einer Diskussion auf der Vollversammlung gehen. Ist ein kritischer Blick darauf überholt und das Ding „verbissener Altfeministinnen“?, heißt es im Programm. „Darüber dürfte heftig diskutiert werden“, erwartet Christiansen. „Da gehen die Meinungen weit auseinander“, sagt die Autorin, die nach ihren ersten beiden Büchern („Die rätselhafte Frau“, „Der andere Zwilling“) gerade am nächsten Fall für ihren Hamburger Hauptkommissar Adam schreibt.

Spannung auch für andere Krimifans

Neben dem Austausch beim Jahrestreffen bietet der Verein seinen Mitgliedern Kontakte über regionale Gruppen, ein Mentoringprogramm für Nachwuchsautorinnen, Online-Fortbildungsmaßnahmen und eine Expertinnen-Liste, mit deren Hilfe sich die Frauen gegenseitig bei der Recherche unterstützen können. Und wenn die Mörderischen Schwestern in Güstrow zu Gast sind, soll es auch für andere Krimifans dort spannend werden: Im Foyer des Versammlungshotels wird ein Regal mit einer Auswahl ihrer Bücher aufgestellt, es gibt eine Krimimatinee mit Sekt und Selters, der Forensik-Vortrag über die „Sprechende Erde“ ist ebenso öffentlich wie die „Ladies Crime Night“.

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