Literarische Führung auf Hiddensee : Auf den Spuren von Kruso & Co

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Eine von Lutz Seilers Roman inspirierte literarische Führung auf Hiddensee

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23. September 2019, 12:00 Uhr

Etwa dreißig Leute stehen an der Inselkirche in Kloster, um an der literarischen Führung der Berliner Verlegerin Ute Fritsch teilzunehmen. Die meisten aus den alten Bundesländern, die den Roman „Kruso“ von Lutz Seiler gelesen haben oder noch lesen wollen, wie Erich Mendroch aus Berlin: „Ich habe das Buch erstmal weggelegt. Ich bin in Westdeutschland aufgewachsen und hatte vor der Vereinigung keinen Bezug zur DDR, zu Hiddensee. Vieles ist mir fremd. Jetzt erhoffe ich mir einige Anregungen.“

„Auf den Spuren von Kruso & Co“

Ute Fritsch breitet die literarische Inselkarte aus, die in ihrem Verlag „Jena 1800“ erschienen ist, und erklärt den Gästen die Tour. Den Plattenweg hinauf Richtung Leuchtturm, über den Großen Inselblick zur Pension „Zum Klausner“, dem Hauptschauplatz des Romans und anderer Geschichten. Deshalb nennt Ute Fritsch die Führung auch „Auf den Spuren von Kruso & Co“.

Gaststätte und Pension „Zum Klausner“
imago images (3)/Hendrik Rauch
Gaststätte und Pension „Zum Klausner“
 

Seit Jahrzehnten kommen sie. Urlauber, Künstler, Intellektuelle, Tagestouristen und Suchende. Wie der Hauptheld Edgar Bendler aus dem Roman „Kruso“, der im letzten Sommer der DDR spielt. Alle sehen sie das gleiche Bild. Im Norden taucht irgendwann der hügelige, bewaldete Dornbusch mit dem weißen Leuchtturm auf, nach Süden hingestreckt die Insel mit den ersten Häusern von Neuendorf.

Man bewegt sich zu Fuß oder mit dem Rad

Seit über fünfzehn Jahren fährt auch ein Inselbus. Sonst hat nur der Arzt ein Auto, ab zu trifft man einen Handwerker und Versorgungsfahrzeuge. Auf dem Weg zum Klausner sind es hauptsächlich Pferdekutschen. Der Blick weitet sich über die sanften Hügel der Insel und grasende Pferde und Kühe auf den Wiesen. Geht über den Bodden, wo am Horizont die Türme von Stralsund zu erkennen sind.

„Hiddensee wird im Roman als exterritoriales Gebiet vorgestellt, wo man noch wirkliche Freiheit atmen und leben konnte. Man hatte das Land verlassen, ohne die Grenze überschritten zu haben. Dieser Roman entwirft neben der Darstellung einer intensiven Männerfreundschaft und einer Findung als Poeten eine Utopie einer anderen menschlicheren Gesellschaft im Kleinen. Inspiriert vom wirklichen Erleben des Lutz Seiler im nördlichen Teil der Insel“, erklärt Ute Fritsch am Großen Inselblick. Die Germanistin trägt einen schweren Rucksack voller Bücher, kennt sich aus in dem, was sie sagt, und schlägt Brücken zum eigenen Erleben im letzten Sommer der DDR.

Ute Fritsch liest aus „Kruso“

Die Gäste lauschen und kommen beim Weitergehen mit den anderen ins Gespräch. Sie erfahren, dass es einen gewissen Alexander Ettenburg schon um 1900 auf den Dornbusch spülte. Dieser hatte dort ein Grundstück gepachtet und Holzhütten sowie die Bergwaldschänke für Tagestouristen errichtet. Als Theaterkünstler und Dichter führte er eigene Stücke auf, besonders gern in seinem Naturtheater am Strand in der Bucht an der Klausnertreppe, der sogenannten Hucke.

Ute Fritsch (in orange) verwebt die Geschichten aus „Kruso“ mit denen der Insel – und mit eigenem Erleben.
Ulrike Sebert
Ute Fritsch (in orange) verwebt die Geschichten aus „Kruso“ mit denen der Insel – und mit eigenem Erleben.
 

Ute Fritsch liest aus „Kruso“, nachdem Edgar Bendler die Nacht am Strand verbrachte: „Ein Stück weiter Richtung Norden gab das Küstengebüsch plötzlich eine Treppe frei. Die Betonklötze, mit denen man versucht hatte, ihre stählerne Konstruktion im Sand zu verankern, hingen in der Luft, etwa einen Meter über dem Boden.“ In den 1980-er Jahren fanden an jener Stelle die legendären Sommerpartys und Lesungen statt, von denen in „Kruso“ und anderen Büchern erzählt wird. Als Edgar Bendler die letzte Stufe erreichte, liest sie weiter: „Durch die Kiefern schimmerte ein helles, an den Giebeln mit Holz verkleidetes Gebäude. Auf den ersten Blick erinnerte es an einen Mississippidampfer, einen gestrandeten Schaufelraddampfer, der versucht hatte, durch den Wald das offene Meer zu erreichen. Ringsrum ankerten einige kleinere Blockhütten, die das Mutterschiff wie Rettungsboote umgaben.“

1911 errichtete der Berliner Emil Hirsekorn auf dem Dornbusch eine moderne Hotelanlage, die zu DDR-Zeiten als Betriebsferienheim der Berliner Metallhütten- und Halbzeugwerke betrieben wurde. Der Leiter des Ferienheimes, im Roman mit Namen Krombach, strafversetzt aus dem Berliner Palasthotel, spielt im Buch eine entscheidende Rolle für das geistig freie Klima im Klausner. „Wir haben hier oben eine besondere Lage, besondere Bedingungen, in jeder Hinsicht, aber das ist Ihnen sicher bewusst, Herr Bendler, sonst wären Sie nicht hier. Jeder seiner Mitarbeiter zählte für ihn zur Besatzung.“ Die meisten Kellner und Abwäscher waren Studenten, Intellektuelle, die mit den politischen Verhältnissen der DDR im Konflikt standen. Der charismatische Alexander Krusowitsch, genannt „Kruso“, war der Kopf der Gemeinschaft und schien Hiddensee auf geheimnisvolle Weise zu beherrschen.

Ca. 280 000 Übernachtungsgäste im Jahr

Die Führung hat den Wald am Klausner erreicht, die Geschichten verdichten sich, die Gäste fragen neugierig nach den eingeweihten Schlafplätzen aus dem Roman. Ute Fritsch zitiert Erinnerungen der Musiker der Punkband Feeling B, deren Sänger Aljoscha Rompe hauptsächlich in die Figur des Kruso eingegangen ist: „Aljoscha hat uns die Stelle gezeigt, wo wir bleiben können, er hat einfach gesagt, das ist euer Schlafplatz, das ist ein eingeweihter Platz.“

Zu DDR-Zeiten war es schwer, auf Hiddensee ein Quartier zu finden. Heute kommen ca. 280 000 Übernachtungsgäste im Jahr, besonders in den Sommermonaten ist die Insel ausgebucht, Tendenz steigend. Auf Hiddensee gibt es insgesamt 3500 Betten, die sich über Hotels, Ferienwohnungen-und Häuser verteilen. Zelten ist nach wie vor nicht erlaubt.

Schlafplätze für die „Schiffbrüchigen“ hatte Kruso über die gesamte Insel gestreut, z.B. auch im Eselstall des Opernregisseurs Walter Felsenstein in Kloster, in der großen Bretterscheune in Grieben oder im Bett von Gerhart Hauptmann im Hauptmannhaus. Lutz Seiler hat diese Schlafplätze authentisch übernommen. Das Ehepaar Zörner aus Graal Müritz hat sich gleich im Klausner eingemietet, um die besondere Atmosphäre nachzuerleben. „Am Abend, wenn die Tagestouristen weg sind, bekommt man eine Ahnung davon“, sagt Franka Zörner. „Aber mir wäre es hier auf Dauer zu einsam.“

Im Gasthaus gibt es eine literarische Pause

Die Kellnerinnen bringen Kaffee und Kuchen. Man sucht nach Spuren aus dem „Kruso“. Die meisten sind enttäuscht, zu wenig Authentisches von damals zu entdecken. Doch die Textpassagen, die Ute Fritsch ausgewählt hat, nehmen die Gäste mit in die Vergangenheit, so als säßen die Figuren mit am Tisch. Sie vermittelt durch die Zitate, ihre persönlichen Bezüge und politischen Hintergründe zur DDR ein lebendiges Bild des exterritorialen Gebietes Hiddensee. Gleich neben dem Leuchtturm wachten Grenzsoldaten.

„Um 22 Uhr die Fahrradstreife. Das nicht enden wollende Scheppern, mit dem die zwei Soldaten auf ihren Rädern den Panzerplattenweg hinunterrollten in den Ort. Das Geräusch ihres Gesprächs im Wind, das sanfte Blinken der Maschinengewehre im letzten Licht des Tages. Auf diesem Weg würde das Postenpaar die ganze Insel durchqueren, bis zum Hassenort, einer ins Meer ragenden Strandspitze, auf der ein Wachturm errichtet worden war, ausgerüstet mit allerbester Technik.“ Ute Fritsch erzählt: “

Im zweiten Teil des Buches geht es um Fluchtgeschichten, die es real von Hiddensee gab. Am Ende bricht dieser Ed auf, um die Schwester von Kruso zu finden in Kopenhagen. Das ist dann eine journalistische Recherche, die Lutz Seiler unternommen hat, und ist in einer ganz anderen Sprache geschrieben.“ Der Dichter soll im Jahr 2000 der Erste gewesen sein, der im gerichtsmedizinischen Institut Kopenhagen nach den Toten gesucht hat.

Doch sie hinterfragt auch kritisch die schnelle Vereinigung beider deutscher Staaten und erzählt von den Visionen, damals in Leipzig und anderswo, was eine tiefgründige Diskussion der Teilnehmer mit eigenen Erfahrungen aus der Vergangenheit in Gang bringt.

Ralf Saubert aus Rostock erinnert sich

„Ich war 1989 bis zum Oktober als Soldat im Grundwehrdienst bei der NVA und habe diese ganze Wende und Aufbruchsstimmung von einer ganz anderen Seite erlebt, das waren teilweise auch beklemmende Momente, was ist mit Waffen, was ist mit gegen das Volk. Man hat auch mitbekommen, wie Offiziere diskutiert haben, ob die Konterrevolution niedergeschlagen werden muss.“

Erich Mendroch aus Berlin ist begeistert: „Ich werde jetzt das Buch unbedingt weiterlesen. Eine tolle Tour, sehr anregend“



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