Letzte Getreidemühle in MV vor dem Aus : Bürgerinitiative: Lasst die Mühle in Jarmen!

Mario Loth, Gastwirt und Mitgründer der Bürgerinitiative zum Erhalt der Jarmener Mühle

Mario Loth, Gastwirt und Mitgründer der Bürgerinitiative zum Erhalt der Jarmener Mühle

Seit mehr als 100 Jahren wird in der Mühle in Jarmen Mehl gemahlen. Nun soll damit Schluss sein. Einige Bürger wollen das nicht hinnehmen

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03. Januar 2020, 08:46 Uhr

„Kunstmühle“ steht an dem historischen Mühlenbau in Jarmen an der Peene im Landkreis Vorpommern-Greifswald. Die Mühle stammt von 1907, als Wind und Wasser noch die häufigsten Antriebe waren, elektrischer Strom dagegen selten - eben künstlich. Nach 113 Jahren soll die Zeit des Mehlmahlens in Jarmen nun vorbei sein. Der europaweit tätige Konzern GoodMills (Hamburg) will den Standort Ende September schließen. Die Produktion der mit 60.000 Tonnen Kapazität kleinsten Getreidemühle des Konzerns soll künftig in Berlin und Hamburg miterledigt werden.

Bürger setzen sich für Erhalt der letzten Getreidemühle in MV ein

Etliche Bürger der 3.000 Einwohner zählenden Kleinstadt wehren sich gegen eine Schließung. Etwa 30 haben sich zu einer Bürgerinitiative zusammengetan, sammeln Unterschriften zur Rettung der Mühle und fordern die Landesregierung auf, sich für den Erhalt des Standorts einzusetzen. In Jarmen steht die letzte Getreidemühle in Mecklenburg-Vorpommern.

Die Jarmener Mühle stammt aus dem Jahr 1907, als Wind und Wasser noch die häufigsten Antriebe waren, elektrischer Strom dagegen selten - eben künstlich.
Stefan Sauer/dpa

Die Jarmener Mühle stammt aus dem Jahr 1907, als Wind und Wasser noch die häufigsten Antriebe waren, elektrischer Strom dagegen selten - eben künstlich.

 

Es geht der Bürgerinitiative nicht allein um die 28 Arbeitsplätze. Von der Schließung sind viel mehr Menschen betroffen, wie Biologin Judith Logall sagt. Sie ist neben der Informatikerin Franka Fröhlian und dem Gastwirt Mario Loth Mitgründerin der Bürgerinitiative. „Jeder in Jarmen hat jemanden in der Familie, der mal in der Mühle gearbeitet hat“, sagt Fröhlian. Die Mühle sei ein Stück Identität, man sei stolz auf das Jarmener Mehl.

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Mehl aus der Region für die Region

Doch vor allem geht es der Bürgerinitiative um den Widerspruch zwischen den politischen Debatten um Klimaschutz, CO2-Einsparung und Regionalität einerseits und der Realität vor ihrer Haustür. Derzeit stammten 70 Prozent des in Jarmen vermahlenen Weizens, Roggens und Dinkels aus einem Umkreis von etwa 30 Kilometern, sagt Mario Loth. Viele Bauern bringen das Korn direkt zur Mühle. Das seien kurze Wege.

Das Mehl geht nach Konzernangaben an den Großhandel, Bäcker, Konditoreien und die Industrie in Mecklenburg-Vorpommern, Berlin, im nördlichen Brandenburg und Stettin. Die Großabnehmer erhalten das Mehl direkt aus Jarmen.

Steigende Preise befürchtet

Zu den Getreidelieferanten gehört der Landwirt Matthias Hecker vom Gut Pätschow in Groß Polzin, 20 Kilometer von der Mühle entfernt. Er baut Dinkel an und hat extra in eine Anlage zum Schälen von Dinkel investiert, weil die Jarmener Mühle mit Spezialmehlen eine Nische füllen wollte, wie er sagt. Seine Anlage nutzen auch andere Bauern.

Matthias Hecker, Landwirt vom Gut Pätschow in Groß Polzin,
Stefan Sauer/dpa

Matthias Hecker, Landwirt vom Gut Pätschow in Groß Polzin,

Er rechnet damit, dass er weiter Weizen und geschälten Dinkel an GoodMills liefern wird, dann eben ins 300 Kilometer entfernte Hamburg. Dann müsse eine Spedition den Transport übernehmen. Die Kosten würden sicherlich in den Preis einkalkuliert, sagt er.

Der Vorteil, den er jetzt hat - mal schnell zur Mühle fahren, die Getreideanalyse anschauen, Informationen austauschen - falle dann weg. Hecker gibt den Kunden, die bei Aldi und Co. nur billigste Backwaren aus Rohlingen kaufen, eine Mitschuld an der Misere.

Jarmener Mehl punktet mit Qualität

Die Bäcker haben sich an das besondere Jarmener Mehl gewöhnt und können bestimmte Backwaren nur mit ihm in der bisherigen Qualität anbieten. „Können sie die Qualität nicht halten, spricht sich das rum und die Kunden bleiben aus“, meint Fröhlian. Gastwirt Loth backt das Weizenbrot für sein Restaurant selbst und holt sich das Mehl dazu aus der nur wenige hundert Meter entfernten Mühle. Er macht auch Wurst im Glas selbst, denn bei den Kunden bemerke er eine Rückbesinnung auf Regionales und Produkte ohne chemische Zusätze.

Etwa alle zehn Tage bezieht die Bäckerei Reichau in Grambin bei Ueckermünde sechs Tonnen Mehl aus Jarmen. Bäcker Jörg Reichau schätzt die Qualität und die Spezialmehle, etwa aus Champagner-Roggen. „Der enthält keinen Champagner, sondern wurde 1860 erstmals in der Champagne angebaut“, sagt Reichau, Mitglied im Vorstand des Landesinnungsverbands des Bäckerhandwerks. „Mit solchen Extras ist es dann aus“, bedauert er. Die Bäcker müssten künftig längerfristig planen und sich mehr Lagerkapazität schaffen. „Das wird teuer.“

Problem: Bäckereien sterben aus

Ein Unternehmenssprecher begründete die geplante Schließung mit einem schwierigen Marktumfeld und dem anhaltenden Bäckereisterben. So arbeitet etwa der aus der Insolvenz gerettete „Lila Bäcker“, einer der Hauptkunden, nun stark verkleinert weiter. In dem hart umkämpften Mehlmarkt sei der Konzern gezwungen, die Produktion auf Standorte mit deutlich größerer Kapazität zu verlagern, um wirtschaftlich nachhaltig zu produzieren.

Die Bürgerinitiative hofft eher auf andere Lösungen, etwa eine Mühle für Spezialmehle. Sie will, dass in dem Gebäude weiter produziert wird und junge Leute in der Stadt bleiben. Allein in den ersten zwei Wochen sammelten die Mitstreiter rund 1000 Unterschriften. Der Nordosten hat nach Ansicht der Initiative bereits zu viele Betriebe der Lebensmittelbranche verloren - etwa den Rügener Badejungen, der jetzt in Thüringen produziert wird. Mit ihren Aktionen will sie, dass die Politik aufmerksam wird und ihre Möglichkeiten ausschöpft, um regionale Kreisläufe zu erhalten.

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