DDR-Geschichte erleben : Auf Radtour entlang des einstigen Grenzstreifens

 Aufdem Streckenabschnitt zwischen Unbesandten und Wittenberge besichtigten die Schueler den ehemaligen Grenzturm in Lenzen.
Aufdem Streckenabschnitt zwischen Unbesandten und Wittenberge besichtigten die Schueler den ehemaligen Grenzturm in Lenzen.

Jugendliche radeln 200 Kilometer entlang der ehemaligen innerdeutschen Grenze und treffen Zeitzeugen.

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03. Oktober 2018, 05:00 Uhr

Als die Grenze zwischen Ost- und Westdeutschland 1989 fiel, waren Julia, Johanna und Jette noch nicht auf der Welt. Sie sind 16 und 17 Jahre alt - die deutsche Teilung kennen sie nur aus dem Geschichtsunterricht und aus Erzählungen der Eltern und Großeltern. Sie wollten genauer wissen, wie das war mit der DDR und dem Mauerfall. Darum sind sie mit 16 anderen Schülerinnen und Schülern aus Mecklenburg-Vorpommern mehr als 200 Kilometer entlang der ehemaligen Grenze geradelt, zwischen Schlagsdorf in Mecklenburg und Wittenberge in Brandenburg.

„Geschichte ist eines meiner Lieblingsfächer“, sagt Johanna. Ihre Großeltern sprächen viel über das Leben in der DDR. Sie sei also irgendwie involviert, findet die Schülerin aus Malchin.

Bei Julia ist das anders: „Der Bruder meines Opas wurde an der Grenze erschossen. Meine Familie spricht nicht viel über die Zeit.“ Sie möchte wissen, „was da passiert ist“. Am Vorabend der Reise führte sie ein langes Gespräch mit ihrer Großmutter, von dem sie den anderen im Laufe der Tour ausführlich berichten wird. „Meine Oma hat mir zum ersten Mal Details erzählt, die wussten nicht mal meine Eltern.“

Erster Halt: das „Grenzhus Schlagsdorf“

Der erste Stopp ist eine Station zum Anfassen: Um das Außengelände des „Grenzhus Schlagsdorf“ verläuft ein Original-Grenzzaun. Der Leiter des Informationszentrums, Andreas Wagner, ermuntert die Schüler: „Fasst den Zaun mal an - fühlt ihn und stellt euch vor, ihr müsstet da drüberklettern.“ Hände streichen über das scharfkantige Metall, die Schüler versuchen vergeblich, ihre Finger in Schlitze zu stecken.

Das Grenzhus in Schlagsdorf.
Das Grenzhus in Schlagsdorf.
 

Die Jugendlichen sollen auf der Tour unterschiedliche Seiten der DDR-Geschichte kennenlernen - darum treffen sie ehemalige Häftlinge ebenso wie Grenzsoldaten. Organisiert wurde die „Grenzradtour 2018“, es ist bereits die fünfte, vom Büro der Landesbeauftragten für Mecklenburg-Vorpommern für die Stasi-Unterlagen gemeinsam mit der Landeszentrale für politische Bildung und dem Verein Politische Memoriale.

Im Laufe der fünftägigen Reise queren die Schüler mehrmals den einstigen Grenzverlauf. Ihr Auftrag wird sein, anschließend in ihren Schulen und Regionen von den Geschichten und Erfahrungen zu berichten, sagt Justizministerin Katy Hoffmeister (CDU), die die Gruppe auf den ersten Kilometern mit dem E-Bike begleitet.

Zur Gedenkstätte für Michael Gartenschläger

Die Schüler kommen von drei verschiedenen Gymnasien. Neben den Organisatoren und einigen Lehrern nehmen auch ein paar interessierte Bürger teil. Darunter ist der ehemalige Polizist Horst Wellmann aus Dannenberg (Elbe). Der 80-Jährige sagt: „Ich hab das ja damals alles nur aus westlicher Sicht erlebt.“ Und er finde es spannend, wie die jungen Leute die Geschichten auffassen. Organisiert wurde die Grenzradtour vom Büro der Landesbeauftragten für MV für die Stasi-Unterlagen gemeinsam mit der Landeszentrale für politische Bildung und dem Verein Politische Memoriale.

Wandtafel über Michael Gartenschläger in einer Ausstellung zur deutsch-deutschen Grenze
Britta Pedersen
Wandtafel über Michael Gartenschläger in einer Ausstellung zur deutsch-deutschen Grenze

Zur Gedenkstätte für Michael Gartenschläger müssen die Schüler tief in den Wald bei Leisterförde fahren. Dort wurde der einstige politische Häftling und Fluchthelfer 1976 von Grenzsoldaten erschossen. Er wollte geheime Selbstschussanlagen am Grenzzaun abschrauben, um sie im Westen bekanntzumachen. In drei Kurzreferaten hatten sich die Schüler am Vorabend mit der Biografie des Mannes befasst und darüber diskutiert, ob Gartenschläger ein Held war und ob sein Vorhaben leichtsinnig gewesen ist.

Jetzt stehen sie genau an der Stelle, an der vor mehr als 40 Jahren die tödlichen Schüssen fielen. Gemeinsam mit Zeitzeugen, die sich ehrenamtlich um die kleine Gedenkstätte kümmern, räumen die Schüler erst mal auf: Der Schaukasten muss geputzt, das zwei Meter große Edelstahl-Kreuz poliert, die Bank frisch lasiert werden.

Chronologie: Der Fall Michael Gartenschläger

Am 19. August 1961 wird der damals 17-jährige Michael Gartenschläger aus Strausberg bei Berlin verhaftet. Mit Freunden hatte er gegen den Mauerbau protestiert, Losungen an Mauerwände gepinselt und eine Scheune in Brand gesteckt. Nach dreitägigem Schauprozess in Frankfurt/Oder wird er wegen «Diversion im schweren Fall» zu lebenslanger Zuchthausstrafe verurteilt.

1971 wird Gartenschläger nach neun Jahren und zehn Monaten Haft von der Bundesrepublik freigekauft. Er betreibt bei Hamburg eine Tankstelle und bringt als Fluchthelfer DDR-Bürger in den Westen.

In der Nacht zum 30. März 1976 baut der 32-jährige Gartenschläger erstmals östlich von Hamburg eine sogenannte Selbstschussanlage SM 70 vom Westen aus vom DDR-Grenzzaun ab. Er verkauft den «Tötungsautomaten» an den «Spiegel», der im April darüber berichtet. Im gleichen Monat wiederholt Gartenschläger die Aktion. Der zweite Automat ist für die Arbeitsgemeinschaft 13. August bestimmt.

In der Nacht zum 1. Mai 1976 schleicht sich Gartenschläger ein drittes Mal an die Grenze. Er wird von einem Einsatzkommando der DDR-Staatssicherheit erwartet, die offenbar von einem Zuträger aus dem Westen informiert war. Gartenschläger stirbt in dieser Nacht, von neun Schüssen durchlöchert. Er findet anonym auf einem Schweriner Friedhof seine letzte Ruhestätte. Die Schützen erhalten den «Kampforden» in Silber.

Nach dem Fall der Mauer nimmt die Staatsanwaltschaft Ermittlungen auf. 1995 werden drei Angehörige des Stasi-Kommandos wegen Mordversuchs angeklagt. Am 9. November 1999 beginnt der Prozess vor dem Schweriner Landgericht gegen drei Männer aus Berlin und Brandenburg. Sie werden nach 22 Verhandlungstagen am 24. März 2000 freigesprochen. Eine Revision wird 2001 vom Bundesgerichtshof Karlsruhe verworfen.

Gegen die mutmaßlichen Befehlsgeber, hochrangige Stasi-Offiziere, wird 1997 vor dem Landgericht Berlin Anklage wegen Totschlags erhoben. 2003 spricht das Berliner Landgericht in einem der letzten großen Prozesse um die Todesschüsse an Mauer und Stacheldraht einen 70 Jahre alten Ex-Stasi-Offizier frei. Zugleich wird das Verfahren gegen dessen 61-jährigen Untergebenen wegen Verjährung eingestellt.

Grit Büttner/dpa

Am Ende gibt es eine Gedenkfeier: Die ehemaligen Mitstreiter sprechen ein paar Worte, anschließend einige Schüler. Kein Kichern oder verstohlenes Schielen aufs Handy. Eindrucksvoller kann man Geschichtsunterricht wohl nicht gestalten.

Schüler sollen eigenes Urteil bilden

Die Jugendlichen sollen über die DDR nicht nur Argumente „in Schwarz oder Weiß“ hören, sagt Burkhard Bley. Er ist stellvertretender Landesbeauftragter für die Stasi-Akten, organisiert und begleitet die Tour jedes Jahr. Sie sollten sich ihr eigenes Urteil über die DDR bilden. „Und im besten Fall denken sie auch darüber nach, was der Wert von Demokratie für sie bedeutet.“

Die Teilnehmer hören im Laufe der Woche mehrere Geschichten von geglückten und gescheiterten Fluchtversuchen. Erhart Schelter schwamm 1974 von Boltenhagen aus durch die Ostsee. Bis spät in den Abend berichtet er, wie er die Flucht vorbereitet und durchgeführt hat.

Nach einer Lesung des ehemaligen Grenzsoldaten Wolfgang Kniep diskutieren die Schüler über dessen Aussage „Zum Glück musste ich nie schießen, aber ich hätte es getan.“

Unmittelbar am früheren Grenzverlauf soll dieses Denkmal an Hary Krause erinnern.
Holger Glaner
Unmittelbar am früheren Grenzverlauf soll dieses Denkmal an Hary Krause erinnern.
 

Hary Krause können sie nicht mehr treffen: Er wurde 1951 als Zehnjähriger beim Schlittschuhlaufen auf dem Dorfteich von einem Grenzsoldaten erschossen. Die Schüler legen einen Strauß aus selbst gesammelten Blumen an der Gedenkstätte in Groß Thurow nieder.

Körperlich kommt so mancher Teilnehmer auf der Radtour an seine Grenzen. Die Abschnitte sind zwischen 38 und 50 Kilometer lang. Am Ende haben alle durchgehalten und sind auch ein bisschen stolz. An jeder Station wartet der „Demokratiebus“ der Landeszentrale für politische Bildung mit Wasser und dem Gepäck der Teilnehmer.

Johanna sagt am Ende der Tour, sie sei überrascht, wie wenig heute von der alten Grenze zu sehen ist. Die Gespräche mit den Zeitzeugen fand sie „krass“ und am beeindruckendsten an der Reise. Jette: „Das war wirklich Geschichte zum Anfassen.“

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