Forschung : Im Schallraum der Uni Rostock: Wenn der Schuss nur leise „bupp“ macht

Es ist ein eigenartiges Gefühl im Schallraum der Uni Rostock: Es ist nichts zu hören, wirklich nichts. In diesem Raum wird erforscht, wie Windräder und Schiffspropeller leiser gemacht werden können.

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19. März 2019, 12:29 Uhr

Lärm ist ein zunehmendes Problem. Lärmfreie Orte sind kaum noch zu finden, außer etwa in speziell abgeschirmten Räumen. Einer diese Räume, ein Schallmessraum, steht in der Universität Rostock beim Lehrstuhl für Strömungsmaschinen. Professor Hendrik Wurm ist der Überzeugung, dass der Raum mit seiner Qualität europaweit einmalig ist. Denn dort seien auch Messungen von Luft- und Wasserschall möglich. „Deswegen sind wir gut ausgelastet.“ Die Hersteller von Schiffsschrauben und Windrädern wollen ihre Produkte austesten. Hintergrund ist die hohe akustische Belastung, unter der Tiere wie Wale oder Delfine im Wasser, aber auch Menschen an Land immer mehr leiden.

Der Raum ist eine der Attraktionen der 45. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Akustik, zu der sich bis Donnerstag rund 1300 Wissenschaftler in der Hansestadt versammeln. 1,2 Millionen Euro sind in den etwa 70 Kubikmeter großen Raum investiert worden, dessen Wände über und über mit Keilen ausgestattet sind. Diese wiederum sind mit einem schallabsorbierenden Stoff überzogen. „Die Schallwelle läuft in die Zwischenräume hinein und kommt nicht mehr heraus“, sagt Wurm.

Forschungen zur Lautstärke von Propellern

Es gebe Leute, die es bei geschlossener Tür in diesem Raum nicht aushalten. Sie litten unter einer Art Seekrankheit. „Wir sind ja gewöhnt, dass Schall von allen Seiten immer zurückkommt. Über das Gleichgewichtsorgan orientieren wir uns im Raum“, sagt der Experte. Er habe schon einmal zu Demonstrationszwecken einen Schuss aus einer Schreckschusspistole abgefeuert: „Es gab ein leises 'Bupp'.“

Die Forschungen zur Lautstärke von Propellern seien bislang kein großes Thema gewesen, sagt der Elektrotechniker Sascha Spors, der sich an der Uni Rostock um Signaltheorie und digitale Signalverarbeitung kümmert. „Bis jetzt gibt es nicht allzu viel Messtechnik.“ Doch alles, was mit Strömungen und Turbulenzen zu tun hat, sei ein herausforderndes wissenschaftlichen Thema. „Da ist Chaos drin, die Wirbel lassen sich nicht vorhersagen.“

Bernd Wüstneck/dpa
 

Dass es möglich ist, nahezu geräuschfrei einen Propeller zu bewegen, zeigt die Marine. „Das gibt es in U-Booten“, berichtet Wurm. Eine Übertragung der Technik sei wegen der enormen Kosten für den Massenmarkt im Schiffbau nicht möglich. „Wir müssen Lösungen finden, dass die Propeller leiser werden, aber trotzdem bezahlbar bleiben.“

Auch Musikinstrumente könnten getestet werden

Jeder von Pumpen oder Propellern abgestrahlte Schall wird in dem Schallraum gemessen. Das sei die Basis, um eine Aussage darüber zu treffen, was wo geändert werden muss, um einen Propeller leiser zu machen. Die Schallquelle könne zentimetergenau geortet werden.

Akustik habe natürlich auch mit Kunst und Vergnügen zu tun. Denn in der Kammer könnten theoretisch auch Musikinstrumente ausgetestet werden. Da geht es beispielsweise um den Unterschied zwischen einer Stradivari oder den Geigen aus der Massenherstellung. „Die Stradivari hat in manchen Frequenzen einen sehr warmen Ton“, sagt Wurm.

Der Rostocker Musiker Wolfgang Schmiedt hat extra für die Tagung ein 15-minütiges Video produziert. Eineinhalb Jahre sammelte er Geräusche aus der Medizintechnik. Zusammen mit einer Tänzerin und einem Videochoreographen produzierte er das Stück mit den Geräuschelementen, „ein Soundtrack zwischen Angst und Hoffnung.“

Bernd Wüstneck/dpa
 
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