Hamburg/Schwerin : Er wollte möglichst viele Menschen töten: Haftstrafe für Yamen A. gefordert

Beim Prozessauftakt: Yamen A. neben seinem Verteidiger Wolfgang Ferner
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Beim Prozessauftakt: Yamen A. neben seinem Verteidiger Wolfgang Ferner

Yamen A. wollte in Deutschland eine Autobombe zünden, um möglichst viele „Ungläubige“ zu töten - davon ist die Bundesanwaltschaft überzeugt. Die Erklärungsversuche des jungen Syrers zu Experimenten mit Sprengstoff in seiner Schweriner Wohnung hielt die Anklage für unglaubwürdig.

svz.de von
13. November 2018, 17:17 Uhr

Wegen Vorbereitung eines islamistischen Terroranschlags hat die Bundesanwaltschaft für den vor einem Jahr in Schwerin festgenommenen Syrer Yamen A. eine Haftstrafe von fünfeinhalb Jahren gefordert. Der Prozess vor dem Staatsschutzsenat am Oberlandesgericht in Hamburg habe die Vorwürfe der Anklage in vollem Umfang bestätigt, erklärten die beiden Staatsanwältinnen am Dienstag.

Ziel: Möglichst viele „Ungläubige" töten

Der 20-jährige Flüchtling habe sich der Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Gewalttat schuldig gemacht. Mit einer Autobombe habe er mehr als 200 Menschen töten oder verletzen und die „Ungläubigen“ hart treffen wollen. „Der Angeklagte ging äußerst planmäßig und umsichtig bei der Umsetzung seines Vorhabens vor“, sagte eine der Anklagevertreterinnen.

Wann genau sich Yamen A. radikalisiert habe, ist ihren Angaben zufolge unklar. 2015 sei er nach Deutschland gekommen und habe in Schwerin regelmäßig eine Moschee besucht. Über das Internet habe er sich intensiv mit dem Islam und der Propaganda des Islamischen Staates (IS) beschäftigt.

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Bombenbau nur Expermint - Anklage widerlegt Aussage des Angeklagten

Der Angeklagte hatte ganz zum Ende der Beweisaufnahme am vorangegangenen Prozesstag bestritten, einen Anschlag in Deutschland oder anderswo geplant zu haben. Zwar habe er einmal mit Sprengstoff in seiner Schweriner Wohnung experimentiert. Doch das habe er nur gemacht, weil er an der Seite der Rebellen in Syrien gegen Machthaber Baschar al-Assad kämpfen wollte.

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Die Vertreterinnen der Bundesanwaltschaft bezeichneten diese Darstellung als widerlegt. Protokolle der Telefonüberwachung, Chatverläufe, Zeugenaussagen und die Ergebnisse der Wohnungsdurchsuchung belegten die Vorwürfe der Anklage. In Chats mit Personen in arabischen Ländern habe er vor seiner Verhaftung mehrfach um Anleitungen zum Bau von Bomben und Zündern gebeten und diese auch bekommen.

Einer seiner Chatpartner habe ihn davor gewarnt, eine Autobombe zu bauen. Das sei wegen der Überwachung der Sicherheitsdienste zu riskant. Die jüngsten Anschläge in Europa seien stets in anderer Form ausgeführt worden. Der Angeklagte habe jedoch betont, dass er nicht bloß ein, zwei oder zehn Menschen töten wolle. Sein Ziel sei eine „vollständige Operation“.

Zahlreiche Beweise für konkrete Anschlagspläne

Mindestens fünf Mal habe er versucht, Sprengstoff herzustellen. Die Materialien dazu habe er über Amazon gekauft. Tatsächlich habe ein Experte des Bundeskriminalamtes in der Wohnung Spuren des Sprengstoffs TATP gefunden, der auch von Terroristen bei den verheerenden Anschlägen von Paris 2015, Brüssel 2016 und Manchester 2017 verwendet wurde. Mit einem Lötkolben habe er an einem Zünder gebastelt. Er sei erkennbar einer der Anleitungen gefolgt.

Yamen A. habe auch Kampfkleidung, Sturmhauben und ein Messer besorgt und zusammen mit Freunden ein Video aufgenommen. Ihre Maskierung habe der Aufmachung geähnelt, mit der IS-Terroristen sich in Enthauptungsvideos zeigten. In einer WhatsApp-Gruppe mit dem Namen „Partei des Staates“ habe er Propaganda und Fotos des IS gepostet. Er selbst habe sich „Murad IS“ genannt. Im September 2017 habe er in einem Chat geäußert, dass er im „Land des Unglaubens“ wohne und kurz davor sei, den Feinden Schaden zuzufügen.

Jugendstrafrecht kommt nicht zur Anwendung

Obwohl der Angeklagte noch Heranwachsender ist, lehnten die Staatsanwältinnen die Anwendung von Jugendstrafrecht ab. Er habe den Reifegrad eines Erwachsenen. In seiner Heimat habe er das Abitur gemacht und ein Ingenieurstudium in Damaskus begonnen. In Schwerin habe er von staatlicher Unterstützung gelebt, sei ansonsten aber ohne jede Hilfe zurechtgekommen. In der Untersuchungshaft habe er jeden Kontakt zu anderen Gefangenen abgelehnt.

Sein Anwalt will sein Plädoyer am nächsten Dienstag halten. Das Urteil könnte am 23. oder 30. November verkündet werden.

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