Gesundheitsversorgung in MV : Comeback für „Schwester Agnes“ auf dem Land

Von den 40 Krankenhäusern in Mecklenburg-Vorpommern müssten 20 schließen.
Von den 40 Krankenhäusern in Mecklenburg-Vorpommern müssten 20 schließen.

AOK-Forum: Um die Gesundheitsversorgung auf dem Land auch in Zukunft aufrechterhalten zu können, braucht es neue Versorgungsmodelle

Karin.jpg von
27. November 2019, 20:00 Uhr

„Relativ unorganisiert und unstrukturiert“: Das Urteil über das deutsche Gesundheitssystem, das der Direktor des Instituts für Allgemeinmedizin der Universität Rostock, Prof. Attila Altiner, am Dienstagabend auf einem Forum der AOK Nordost in Schwerin zieht, ist wenig schmeichelhaft. Altiner spricht von Intransparenz, Lobbyinteressen, Problemen bei der Zusammenarbeit niedergelassener Ärzte mit Krankenhäusern sowie von Chancen, die vertan werden, weil Hausärzte hierzulande nicht wie in anderen Ländern als Lotsen fungieren.

Es müssen neue Wege gegangen werden

Um die Gesundheitsversorgung aufrechterhalten zu können, müssen künftig neue Wege gegangen werden, ist auch der Bereichsleiter Politik der AOK Nordost, Jürgen Heese, überzeugt. Der demografische Wandel zwinge dazu, vor allem im ländlichen Raum. Es gebe immer mehr ältere Patienten, aber immer weniger junge Menschen, die einen Gesundheitsberuf ergreifen könnten.

 „Wir brauchen andere Versorgungsformen“, fordert Heese als Konsequenz. Sie müssten zugleich auch dem veränderten Berufsverständnis von jungen Medizinern entsprechen, bei denen Hesse zufolge familienfreundliche Arbeitsverhältnisse und die Work-Life-Balance heute eine wesentlich größere Rolle spielen als noch vor wenigen Jahren. Eine Folge: Immer weniger Ärzte würden sich für die eigene Praxis entscheiden, immer mehr zögen das Angestelltenverhältnis vor.

Praxisassistentin für Hausbesuche

Dr. Steffen Pohlmann hat bewusst die Niederlassung gewählt. Er ist seit drei Jahren Hausarzt in Zarrentin, und er liebt seinen Beruf. Aber der junge Allgemeinmediziner hat auch bereits mitbekommen, wo es hakt. Das Krankenhaus in Hagenow, in das er überwiegend einweist, hätte beispielsweise auf seine Bitte nach Übertragung von Patientendaten auf einem gesicherten elektronischem Weg überhaupt nicht reagiert. Dabei würden beide Seiten davon enorm profitieren. Pohlmann kann allein dadurch, dass er das Praxismanagement vom „Karteikasten“ seines Vorgängers auf moderne Computertechnik umgestellt hat, 40 Prozent mehr Patienten behandeln.

Ähnlich gute Erfahrungen hat er mit der Beschäftigung einer Praxisassistentin gemacht, die einen Teil der Hausbesuche übernimmt. Seine Patienten seien zu 99 Prozent davon begeistert – viele wohl auch deshalb, weil sie sich an die Gemeindeschwestern aus DDR-Zeiten erinnert fühlten, die hohes Ansehen genossen. Pohlmann selbst allerdings kennt sie nur noch vom Hörensagen, als die Mauer fiel, war er gerade sechs Jahre alt…

Nicht nur „Schwester Agnes“ erlebt inzwischen ein Comeback

Auch die DDR-Polikliniken oder Landambulatorien sind wieder aufgelebt – in erster Linie als Medizinische Versorgungszentren. Aus Sicht der AOK Nordost werden solche Modelle künftig noch eine größere Rolle spielen müssen. Jürgen Heese plädiert auch dafür, häufiger Arztbusse, nicht ärztliche Praxisassistentinnen oder andere Formen der „aufsuchenden Behandlung“ sowie telemedizinische Lösungen zu nutzen. Letztere würden allerdings eine flächendeckende Breitbandversorgung voraussetzen.

Entwickelt werden solche innovativen Lösungen für die Gesundheitsversorgung der Zukunft unter anderem vom Institut für Community Medicine der Universität Greifswald. Oft sind sie relativ einfach, wie Versorgungsforscherin PD Dr. Neeltje van den Berg erklärt. Eine digitale Patientenakte, wie das Institut sie modellhaft für geriatrische Patienten in der Region Waren entwickelt hat, stelle zum Beispiel sicher, dass jeder Behandler alle Diagnostik- und Therapieschritte, Befunde und Berichte auch von anderen Kollegen bekommt und sein Vorgehen darauf abstimmen kann.

Denn Vernetzung sei künftig das A und O. Van den Berg zufolge „kriegt man das technisch alles hin, problematisch ist aber oft die organisatorische Umsetzung“. Sie nennt das Gesundheitssystem zwar nicht unorganisiert und unstrukturiert. Die bestehende Sektorentrennung aber sei einfach nicht mehr zeitgemäß.

Mehr zum Thema:

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen