Gaspipeline zwischen Russland und Deutschland : Unter Reggae-Klängen wächst Nord Stream 2

An Bord des Verlegeschiffes 'Audacia' des Offshore-Dienstleisters Allseas werden im Fließbandverfahren die Nahtstellen der Rohre für die Gaspipeline Nord Stream 2 nach dem Verschweißen mit Plastik isoliert.
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An Bord des Verlegeschiffes "Audacia" des Offshore-Dienstleisters Allseas werden im Fließbandverfahren die Nahtstellen der Rohre für die Gaspipeline Nord Stream 2 nach dem Verschweißen mit Plastik isoliert.

In der internationalen Politik wird über die Gaspipeline zwischen Russland und Deutschland Nord Stream 2 gestritten, gar mit Sanktionen gedroht. Die Männer an Bord des Verlegeschiffs „Audacia“ sind beim Bau der Pipeline davon unbeeindruckt.

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16. November 2018, 20:00 Uhr

Laute Reggae-Musik hallt im Bauch der „Audacia“, einem 225 Meter langen Schiff etwa 35 Kilometer östlich von Sassnitz. Doch mit Party hat das Ganze nichts zu tun, die 13 Jahre alte „Audacia“ ist ein Verlegeschiff im Auftrag von Nord Stream 2. Seit Anfang Oktober sind mehr als 250 Arbeiter aus vielen Nationen 24 Stunden pro Tag damit beschäftigt, die 1230 Kilometer lange und international höchst umstrittene Gaspipeline zu verlegen. „Zwei Kilometer am Tag ist unser Rekord“, berichtet der niederländische Kapitän Hans Holdert. 1,6 Kilometer ist der Schnitt. Aktuell sind im deutschen Bereich 100 Kilometer verlegt.

Erstes Gas soll Ende 2019 strömen

Die Zeit drängt. Bis Jahresende muss die Grenze des deutschen Küstenmeeres erreicht sein, Ende 2019 soll das erste Gas von St. Petersburg nach Lubmin in Mecklenburg-Vorpommern fließen - in einem Kilometer Abstand zur 2011 eröffneten Nord-Stream-1-Pipeline. Geplant ist nun in zwei parallel verlaufenden Röhren der Transport von jährlich bis zu 55 Milliarden Kubikmeter russischen Erdgases nach Deutschland. Wie Nord-Stream-2-Sprecher Steffen Ebert sagt, sind auf der Pipeline-Strecke aktuell rund 30 Schiffe unterwegs. Sie bereiten den Ostseeboden vor, verlegen die Rohre mit einem Innendurchmesser von 1,15 Meter oder schütten die Gräben nach dem Verlegen wieder zu.

Das Verlegeschiff 'Audacia' des Offshore-Dienstleisters Allseas verlegt in der Ostsee vor der Insel Rügen Rohre für die Gaspipeline Nord Stream 2
Bernd Wüstneck/dpa

Das Verlegeschiff "Audacia" des Offshore-Dienstleisters Allseas verlegt in der Ostsee vor der Insel Rügen Rohre für die Gaspipeline Nord Stream 2

 

Nord Stream 2 ist politisch hoch umstritten

Das 9,5-Milliarden-Euro-Projekt ist jedoch vielen Menschen in Europa und den USA ein Dorn im Auge. Die Ukraine fürchtet um ihre einträgliche Rolle als wichtiges Transitland für den Gastransport nach Westeuropa. Polen und die baltischen Staaten warnen vor einer wachsenden Abhängigkeit vom russischen Gas. Auch US-Präsident Donald Trump kritisiert eine zu enge Verflechtung von Deutschland und Russland und droht mit Sanktionen. Dessen ungeachtet steht Kanzlerin Angela Merkel (CDU), die in Vorpommern ihren Wahlkreis hat, zu dem Vorhaben. „Wir beobachten die Situation sehr genau“, sagt Ebert. Das Projekt, hinter dem der russische Energiekonzern Gazprom steht, brauche die Genehmigung von fünf Ostsee-Anrainern: Russland, Finnland, Schweden, Dänemark und Deutschland. Nur die aus Dänemark fehlt noch. Kopenhagen erhebt unter anderem sicherheitspolitische Bedenken. Aber alle derzeitigen Arbeiten seien durch Genehmigungen abgedeckt, betont Ebert. Am Rechtsrahmen müsse nicht geändert werden. „Wir hoffen, dass die Dänen uns grünes Licht für die Vorzugsroute gibt.“ Klar sei aber, dass auch die Alternativroute den Zeitplan nicht ins Wanken bringe.

Arbeit wie am Fließband

Rund 60 Mann arbeiten pro Schicht an der Schweißstraße. Reggae-Ikone Bob Marley bringt sie schon an der ersten Station in Stimmung, die Bässe sind körperlich zu spüren. Eben war eines der zwölf Meter langen Rohre mit ihrem elf Zentimeter dicken Betonmantel aufs Fließband gelegt worden. Nun gilt es, die Schweißnaht vorzubereiten.

Der Rand des Rohres wird angeschliffen, damit an der nächsten der zehn Arbeitsstationen zwei Rohre zusammengefügt werden können. Dort kümmern sich vier Arbeiter um die erste Schweißnaht, jeder Griff sitzt - Routine, zehntausende Mal wiederholt.

An Bord des Verlegeschiffes 'Audacia' des Offshore-Dienstleisters Allseas werden im Fließbandverfahren die Rohre für die Gaspipeline Nord Stream für das Verschweißen vorbereitet.
Bernd Wüstneck/dpa

An Bord des Verlegeschiffes "Audacia" des Offshore-Dienstleisters Allseas werden im Fließbandverfahren die Rohre für die Gaspipeline Nord Stream für das Verschweißen vorbereitet.

 

„Jede Schicht dauert zwölf Stunden“, berichtet der 50-jährige Kapitän Holdert. Die meisten Arbeiter sind acht Wochen auf dem Schiff, bevor sie dann wieder acht Wochen zu Hause sind. Die Freizeit an Bord wird mit Schlafen, Essen oder Sport gefüllt. Die Männer wirken freundlich und ausgeglichen. An fünf Stationen des Fließbands werden die 24 Tonnen schweren Rohre zusammengeschweißt. An den anderen wird geflext, per Ultraschall geprüft oder die etwa ein Meter breite Schweißstelle abgeklebt und mit Hartschaum aufgefüllt.

An Bord des Verlegeschiffes 'Audacia' des Offshore-Dienstleisters Allseas werden im Fließbandverfahren die Nahtstellen der Rohre für die Gaspipeline Nord Stream 2 nach dem Verschweißen mit Plastik isoliert.
Bernd Wüstneck/dpa

An Bord des Verlegeschiffes "Audacia" des Offshore-Dienstleisters Allseas werden im Fließbandverfahren die Nahtstellen der Rohre für die Gaspipeline Nord Stream 2 nach dem Verschweißen mit Plastik isoliert.

Die Rohre lagern zu Tausenden im Hafen von Sassnitz auf Rügen und werden von zwei Schiffen im steten Wechsel zur „Audacia“ gebracht.

Alle acht Minuten ein neues Rohr

Das Verlegeschiff 'Audacia' des Offshore-Dienstleisters Allseas verlegt in der Ostsee vor der Insel Rügen Rohre für die Gaspipeline Nord Stream 2
Bernd Wüstneck/dpa

Das Verlegeschiff "Audacia" des Offshore-Dienstleisters Allseas verlegt in der Ostsee vor der Insel Rügen Rohre für die Gaspipeline Nord Stream 2

Ein Zahnrad greift ins andere. Vom Zwischenlager der Rohre in der „Audacia“ über die Bearbeitung bis hin zum Versenken in dem vorbereiteten Graben in der an diesem Punkt etwa 20 Meter tiefen Ostsee - ohne Pause.

Am Bug des Schiffes kommt regelmäßig ein neues Rohr der Pipeline an die frische Herbstluft, während weitere zwölf Meter im kalten Ostseewasser verschwinden. Alle acht Minuten leuchtet an jeder Station im Schiff ein grünes Licht für „Arbeit beendet“, dann ertönt eine Sirene, und das Schiff bewegt sich eine Rohrlänge weiter.

 „Wir machen unseren Job“

Auch wenn die Arbeiten in Teilen eher grob erscheinen, ist doch höchste Präzision gefragt. Der Aufwand ist hoch. Wenige Meter vor dem Bug der „Audacia“ liegt das Kontrollschiff „Union Manta“, das die Lage der Rohre im Graben überwacht. Vier weitere Schiffe halten die „Audacia“ in Position und sorgen dafür, dass sie sich alle acht Minuten eine Rohrlänge weiterbewegt. Sie sind auch dafür verantwortlich, dass bei Bedarf die zehn Anker gelichtet und dann neu gesetzt werden.

Auf der Brücke des Verlegeschiffes 'Audacia' des Offshore-Dienstleisters Allseas wird u.a. die Fertigungsstraße überwacht.
Bernd Wüstneck/dpa

Auf der Brücke des Verlegeschiffes "Audacia" des Offshore-Dienstleisters Allseas wird u.a. die Fertigungsstraße überwacht.

 

Die Männer an Bord - mit der Spanierin Gloria ist nur eine Frau als Housekeeperin auf dem Schiff - sind von den politischen Querelen um Nord Stream 2 nicht beeindruckt. „Wir machen unseren Job“, sagt Produktionsleiter David DeJean. Er schaue keine Nachrichten an, politische Vorlieben habe er nicht. „Ich kümmere mich lieber um meine Familie in Texas“, betont der 54-Jährige und freut sich auf seine fünfwöchige Auszeit in seiner Heimat.

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