Namibias DDR-Kinder : Zahnpasta als sozialistischer Leckerbissen

Andrew Imalwa, Kind Nr. 9, steht in einem Park in Namibia. Er arbeitet als freiberuflicher Reiseleiter.
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Andrew Imalwa, Kind Nr. 9, steht in einem Park in Namibia. Er arbeitet als freiberuflicher Reiseleiter.

Für die Kinder aus Namibia war es eine Riesenchance. Eine sozialistische Ausbildung in MV.

svz.de von
10. August 2018, 12:00 Uhr

In Namibia wird Andrew Imalwa als Deutscher betrachtet, doch für die Deutschen ist er ein Namibier. Die Frage nach seiner Identität verfolgt ihn seit Jahrzehnten. Die Weltgeschichte hat seine Kindheit durchgeschüttelt. Andrew wurde als kleiner Junge von den namibischen Freiheitskämpfern ausgewählt, um bei den sozialistischen Verbündeten in der DDR ausgebildet zu werden.

Als er sich in der neuen Welt zurecht gefunden hatte, wurde diese wieder auf den Kopf gestellt: Deutschland wurde wiedervereinigt.„Ich nehm ein Bier“, sagt der 38-Jährige auf Deutsch, als er in einem Café in Namibias Hauptstadt Windhuk sitzt und seine Geschichte erzählt. Er wurde 1980 als namibischer Flüchtling in einem Lager im sambischen Nyango geboren, wohin seine Mutter wegen des namibischen Unabhängigkeitskriegs gegen Südafrika geflohen war. Dort begann sein Weg nach Ostdeutschland. „Es war so“, sagt er und zeigt mit den Händen schnell auf fiktive Tischnachbarn. „Wir wurden einfach ausgewählt, du, du und du - die Kinder kamen dann mit.“ Er war damals gerade zwei Jahre alt; seine Mutter war gestorben, sein Vater unbekannt. Er verstand nicht, was mit ihm geschah.

Abfotografierte Bilder zeigen Lucia Engombe 1993 im Alter von 18 Jahren mit ihrer Schulklasse der Deutschen Oberschule Windhoek.
Astrid Probst

Abfotografierte Bilder zeigen Lucia Engombe 1993 im Alter von 18 Jahren mit ihrer Schulklasse der Deutschen Oberschule Windhoek.

So erging es auch rund 400 weiteren namibischen Kindern, die nach und nach aus dem südlichen Afrika in das herrschaftliche Kinderheim Bellin in Mecklenburg-Vorpommern oder eine Schule in Sachsen-Anhalt geschickt wurden. Sie sollten mit deutscher Disziplin und einer streng sozialistischen Ausbildung zur Elite eines freien Namibias ausgebildet werden. Auf ihren Schultern lasteten große Erwartungen.

Ausgelöst wurde die ungewöhnliche Initiative von einem Bombardement der südafrikanischen Luftwaffe. Bei einem Angriff auf das namibische Flüchtlingslager Cassinga in Angola 1978 wurden Hunderte getötet, zumeist Frauen und Kinder. Es folgte ein internationaler Aufschrei. Die Führung der namibischen Befreiungsbewegung Swapo bat dann ihre Verbündeten in der DDR um Aufnahme und Ausbildung der Kinder.

Lucia Engombe schaut sich Fotos von Kindern an.
Astrid Probst

Lucia Engombe schaut sich Fotos von Kindern an.

Am 18. Dezember 1979, einem kalten Wintertag, kamen die ersten 80 Kinder in Bellin an, begleitet von 15 jungen Frauen, die als Erzieherinnen ausgebildet werden sollten, wie die Expertin Uta Rüchel in einem Forschungsbericht für den Landesbeauftragten für Stasi-Unterlagen in Mecklenburg-Vorpommern berichtet. Die jüngsten seien drei, die ältesten sieben Jahre alt gewesen. Die Flüchtlingskinder seien unterernährt, mit gesundheitlichen Problemen und nicht zuletzt verängstigt gewesen. Rüchel zitiert eine damalige Mitarbeiterin des Kinderheims: „Erstmal wurden alle untersucht und geimpft. Ach, das war ein Theater. Man hielt sie so schwer auseinander. Ich meine, die waren eben alle gleich schwarz.“ Menschen anderer Hautfarbe waren in der DDR damals noch eine große Seltenheit.

Lucia Engombe war offiziell Kind Nummer 95. So stand es auch eingenäht auf ihren Socken und Handtüchern; alle Kinder hatten die gleiche Kleidung bekommen. Die 45-jährige Namibierin lacht, wenn sie sich an ihre ersten Wochen in Bellin erinnert: „Am Anfang haben wir Zahnpasta gegessen, weil sie so lecker war.“ Die Kinder steckten sich einfach alles in den Mund. Sogar Schnee, weil sie dachten, das müsse Zucker sein, erzählt sie lachend. Schnee gibt es in Namibia nicht.

Lucia Engombe, Kind Nr. 95, arbeitet heute als Journalistin für das deutsche Programm des Radiosenders NBC in Windhuk.
Astrid Probst

Lucia Engombe, Kind Nr. 95, arbeitet heute als Journalistin für das deutsche Programm des Radiosenders NBC in Windhuk.

 

Die Erziehung im abgeschotteten Schloss Bellin war streng: Im Vordergrund standen Disziplin, Ordnung und Sauberkeit und Marschierübungen gehörten zum Programm. „Jeden Morgen nach dem Aufstehen mussten wir zum Appell antreten“, erinnert sich Imalwa.

Immer wieder sei ihnen gesagt worden, dass sie für Namibias Zukunft die „wichtigen Kinder“ seien, erinnert er sich. Das Motto des Appells lautete Rüchel zufolge: „Pioniere, als die zukünftigen treuen Verteidiger der namibischen Revolution - seid bereit: immer bereit!“ Trotz der strengen Regeln erinnert sich Imalwa gerne an die Zeit in Bellin. Richtig gegen den Strich ging ihm allerdings, was er den „deutschen Mittagsschlaf“ nennt. „Woahh, das war schlimm“, stöhnt er und verzieht das Gesicht. „Man musste sich hinlegen und schlafen, aber ich wollte lieber spielen und was erleben.“

Lucia Engombe schaut sich Fotos von Kindern an. Sie war eines von rund 400 namibischen Kindern, die 1979 in das Kinderheim Bellin in Mecklenburg-Vorpommern oder eine Schule in Sachsen-Anhalt geschickt wurden.
Astrid Probst

Lucia Engombe schaut sich Fotos von Kindern an. Sie war eines von rund 400 namibischen Kindern, die 1979 in das Kinderheim Bellin in Mecklenburg-Vorpommern oder eine Schule in Sachsen-Anhalt geschickt wurden.

 

Anfangs lebten die Kinder in Bellin noch komplett abgeschottet von den Dorfbewohnern. Weil auch Kinder von Swapo-Funktionären dort unterrichtet wurden, setze die DDR-Regierung auf Geheimhaltung, wie Rüchel schildert. Doch mit den Jahren wurden die Grenzen durchlässiger, auch weil die Zahl der Kinder angestiegen war. Sie gingen nun auch in eine deutsche Schule. Die weißen Kinder dort machten Engombe neugierig. Sie habe lange vor dem Spiegel gestanden und ihre Haut betrachtet. „Sie haben uns schwarz genannt, aber ich fand, es sah mehr nach Schokolade aus“, erzählt sie.

Alles in allem kamen die Namibier wohl gut mit den weißen Mitschülern zurecht, sowohl die jüngeren in Bellin als auch die älteren, die in Staßfurt in der sogenannten „Schule der Freundschaft“ unterrichtet wurden. Dort wurden in den 1980er-Jahren auch rund 800 Schüler aus Mosambik ausgebildet. Die namibischen Kinder wuchsen auf wie deutsche Kinder. Dabei war immer klar, dass sie einst als neue Elite in die alte Heimat zurückkehren sollten und sich dort wieder in einer Kultur zurechtfinden müssten, die ihnen fremd ist.

Ein Bild aus einem Fotoalbum zeigt Lucia Engombe in Schuluniform um 1993 mit ihrer Geographieklasse der Deutschen Oberschule Windhoek.
Astrid Probst

Ein Bild aus einem Fotoalbum zeigt Lucia Engombe in Schuluniform um 1993 mit ihrer Geographieklasse der Deutschen Oberschule Windhoek.

Mit dem Jahr 1989 ging dann plötzlich alles zu Ende: Während sich Millionen Deutsche über die Wiedervereinigung freuten, war dies für die namibischen DDR-Kinder der Moment, in dem ihre heile Welt zerbrach. Zudem kam in Namibia die Swapo an die Macht, das Land wurde unabhängig vom Joch der weißen südafrikanischen Minderheitsregierung.

Die Kinder in Bellin und Staßfurt waren angesichts dieser Umwälzungen höchstens eine Fußnote der Geschichte. Wie genau es dann zur übereilten Rückführung der Kinder kam, ist nicht gesichert. In Namibia wird ein Beschluss der Swapo zitiert, die Kinder zurückzuholen. Rüchel hingegen berichtet, dass die DDR-Übergangsregierung unter Lothar de Maizière im Jahr 1990 eine Weiterfinanzierung des Projekts abgelehnt habe. Die namibischen Kinder wurden noch im August 1990 mit Charterflügen aus Frankfurt in die ihnen fremde Heimat zurückgeschickt. „Ich dachte: Ach, ein bisschen rumreisen. Wir gehen jetzt nach Namibia. Dann kommen wir wieder zurück und dann geht es weiter“, erinnert sich Imalwa.

Bilder aus einem Fotoalbum vom Lucia Engombe zeigen die Ankuft der DDR-Kinder in Windhuk (r). Lucias Cousin, Hendrik Wangushu (M), begrüßte seine neue Heimat mit einem Lächeln. Ende August 1990 flogen die DDR-Kinder mit Namib Air von Frankfurt nach Windhoek.
Astrid Probst

Bilder aus einem Fotoalbum vom Lucia Engombe zeigen die Ankuft der DDR-Kinder in Windhuk (r). Lucias Cousin, Hendrik Wangushu (M), begrüßte seine neue Heimat mit einem Lächeln. Ende August 1990 flogen die DDR-Kinder mit Namib Air von Frankfurt nach Windhoek.

Dass es nicht weiterging, realisierte der Zehnjährige erst im Auffanglager im Windhuker Township Katutura. „Man hat zugesehen, wie jeder von seiner Familie abgeholt wurde.“ Ihn holte niemand ab, sagt er und wischt sich mit einer Serviette Tränen aus den Augenwinkeln. Nach zwei Wochen kam dann sein Onkel. Die Rückkehr war schwierig, denn er beherrschte die Sprache seiner Familie - Oshivambo - kaum. Er verhielt sich anders und schien schlicht nicht hineinzupassen.

Die versprochene Zukunft als sozialistische Elite Namibias hatte sich für die 400 Kinder in Luft aufgelöst, das Land wurde von den Helden des Befreiungskampfes aufgebaut. Imalwa hatte ohnehin nie an das Versprechen geglaubt. „Ich als kleiner Kerl soll ein ganzes Land in die richtige Richtung führen? - Ne“, sagt er. Imalwa arbeitet heute freiberuflich als Führer für Touristen - er schlägt sich durch.

Hunderte Koffer mussten in den Charterflügen Platz finden (l). Rund 400 namibische Kinder wurden 1979 in das Kinderheim Bellin in Mecklenburg-Vorpommern oder eine Schule in Sachsen-Anhalt geschickt.
Astrid Probst

Hunderte Koffer mussten in den Charterflügen Platz finden (l). Rund 400 namibische Kinder wurden 1979 in das Kinderheim Bellin in Mecklenburg-Vorpommern oder eine Schule in Sachsen-Anhalt geschickt.

Auch für Engombe war die Rückkehr ein Schock. „Ich war tief enttäuscht“, sagt sie. In Namibia vermisste sie den deutschen Luxus - Strom, fließendes Wasser oder Makkaroni: „Das war wie ein Kulturschock für mich, ich dachte doch Namibia sei ein reiches Land.“ Statt Makkaroni habe es für sie auf dem Bauernhof der Familie jeden Tag dreimal täglich den traditionellen Maisbrei Pap gegeben, erzählt sie und verzieht angewidert das Gesicht.

Heute arbeitet sie als Journalistin in Windhuk für das deutsche Programm des öffentlich-rechtlichen Radiosenders NBC. Sie ist dankbar für ihre ungewöhnliche Kindheit. „Sie hat mir eine Zukunft gegeben.“ Denn so wurde sie vor dem Krieg gerettet und konnte zur Schule gehen.

Aus einer Schublade zieht sie Fotoalben heraus. Sie hat alles aufgehoben, auch als Material für ihre Biografie „Kind Nr. 95“. Darin beschreibt sie auch, wie viele Kinder in der fremden Heimat keinen Halt fanden. Sie waren weder Deutsche, noch Namibier.

Das rechte Foto von 1985 zeigt Lucia und ihre Freundin Theresa auf der Tanzfläche. Die Tanzgruppe Blau (oben) traf sich abends nach der Schule oder an Tanztagen zum traditionellen Ovambotanz in einem Saal des Kinderheims in Bellin.
Astrid Probst

Das rechte Foto von 1985 zeigt Lucia und ihre Freundin Theresa auf der Tanzfläche. Die Tanzgruppe Blau (oben) traf sich abends nach der Schule oder an Tanztagen zum traditionellen Ovambotanz in einem Saal des Kinderheims in Bellin.

Viele hielten an deutschen Sitten fest, verlangten nach Besteck und vermissten Weihnachtsbäume - damit eckten sie in Namibia wohl als verzogene Kinder an. Imalwa seufzt, er würde gerne einmal nach Deutschland zurückkehren. Wenn er noch mal nach Bellin führe, würde er in dem 1912 erbauten herrschaftlichen Gutshaus heute ein Hotel vorfinden. Aber Imalwa würde vor allem gerne wieder Schnee sehen. Den vermisst er am meisten. „Schlittschuhlaufen, einen Schneemann bauen und Weihnachten“, sagt Imalwa. „Das sind gute Erinnerungen.“

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