Sturm und Sturmflut in MV : Start in das neue Jahr fällt ins Wasser

 
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Der Sturm „Zeetje“ sorgt in Mecklenburg-Vorpommern für entwurzelte Bäume und überschwemmte Straßen.

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02. Januar 2019, 08:27 Uhr

Schon an den letzten Tagen des Jahres, sagt der Rostocker Meteorologe Reiner Tiesel, sei ihm das Wetter verdächtig vorgekommen. Er habe die kalte Luft gesehen, wie sie sich im Norden formierte und über die britischen Inseln hinweg in Richtung europäisches Festland zog. Dazu einen Strom aus dem Süden, warm und feucht. Das Ergebnis, so nennt es Tiesel, ist eine „typische Orkanwetterlage“. 

Der Sturm „Zeetje“, den Tiesel hatte kommen sehen, hat in Mecklenburg-Vorpommern zu Behinderungen im Straßen-, Zug- und Fährverkehr geführt. Wie die Polizeibeamten in Rostock und Neubrandenburg am Mittwoch mitteilten, gab es mehrere Dutzend Polizei- und Feuerwehreinsätze vor allem wegen abgebrochener Äste, umgestürzter Bäume und umgewehter Schilder, die Straßen blockierten. Außerdem hat die Ostsee ihre erste Sturmflut dieses Jahres erlebt. In Rostock und Wismar wurden Straßen überflutet.

Erste Sturmflut an Ostseeküste

An einigen Küstenorten wie Koserow stieg das Hochwasser am Morgen bei einem kräftigen Sturm aus Norden um 1,20 Meter über Normal. In Greifswald wurde das Sperrwerk geschlossen, um zu verhindern, das Wasser aus dem Greifswalder Bodden in den Ryck strömt. Das Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie prognostizierte bis zum Mittag an der gesamten Küste Wasserstände von 1,20 bis 1,50 Meter über Normal. Am Strand von Bansin auf Usedom wurde ein Pavillon vom Sturm und von den Wassermassen erfasst und schwer beschädigt. In Ralswiek auf der Insel Rügen stürzte ein Baum auf ein parkendes Auto, in Göhren knickte ein Baum auf ein Ferienhaus.

In Zempin (Usedom) trug das Wasser den Strand ab.
Sauer

In Zempin (Usedom) trug das Wasser den Strand ab.

 

In Barth riss „Zeetje“ Ziegel von Hausdächern, wie eine Polizeisprecherin in Stralsund sagte. Bei der Bahn verursachte der Sturm Verspätungen und Zugausfälle. Die Fährverbindungen zwischen Schaprode und Hiddensee sowie in Warnemünde wurden zeitweise eingestellt.

Die Bilder ähnelten sich entlang der Küste: Auch in Stralsund wurden Menschen aufgefordert, ihre Autos aus den gefährdeten Bereichen wegzufahren.

Viele Urlauber auf Usedom und Rügen nutzen ihren Kurzurlaub zum Jahreswechsel zu einem ausführlichen Spaziergang, um das Naturschauspiel zu erleben. In Binz auf der Insel Rügen schlug das Wasser bis an den Dünenfuß. In Zempin auf der Insel Usedom, wo vor zwei Jahren ein Kiosk bei einer Sturmflut ins Wasser stürzte, ist der aufgespülte Sand zu großen Teilen wieder ins Meer gerissen worden. Schäden konnten bislang noch nicht beziffert werden.

Bansin auf Usedom: Ein Pavillon wurde am Strand vom Sturm und von den Wassermassen erfasst und schwer beschädigt. Die Rettungskräfte sind im Einsatz.
Tilo Wallrodt

Bansin auf Usedom: Ein Pavillon wurde am Strand vom Sturm und von den Wassermassen erfasst und schwer beschädigt. Die Rettungskräfte sind im Einsatz.

 

Überschwemmungen in Rostock und Umgebung

Tief "Zeetje" sorgte mit Orkanstärke 12 in der Nacht zum Mittwoch und bis in den Mittag hinein für heftige Böen und damit einhergehende Überschwemmungen in Rostock und Umgebung. Tief gelegene Straßen am Stadthafen stehen unter Wasser. Der Alte Strom trat in Warnemünde über das Ufer und auch der Fährverkehr zwischen dem Ostseebad und Hohe Düne musste eingestellt werden. Die Feuerwehr pumpte Wasser aus der Bar "Seehund" links unterhalb des Fischrestaurants Gosch - sie ist nicht zum ersten Mal betroffen.

Die L 22 Am Strande ist bereits seit den Morgenstunden gesperrt, so Stadtsprecher Ulrich Kunze. Besonders betroffen ist der Abschnitt zwischen Grubenstraße und Werftdreieck. Ein neuralgischer Punkt sei zudem die Friedrichstraße in der Kröpeliner-Tor-Vorstadt. In der Hauptabwasserleitung drücke das Wasser gleichzeitig von unten aus der Kanalisation und verhindere so den Ablauf. Auch der Verbindungsweg ist seit heute Morgen gesperrt.

Einige Straßen in der Hansestadt Rostock sind überflutet und wurden teilweise gesperrt.
Stefan Tretropp

Einige Straßen in der Hansestadt Rostock sind überflutet und wurden teilweise gesperrt.

 

Die Einschränkungen hatten noch bis in den Nachmittag hinein Bestand. Das Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie prognostizierte bis zum Mittag an der gesamten Ostseeküste Wasserstände von 1,20 bis 1,50 Meter über Normal.

Weiterlesen: Land unter in Rostock und Warnemünde

Die Feuerwehr sei vermehrt in der Östlichen Rostocker Altstadt im Einsatz, um voll Wasser gelaufene Keller auszupumpen. In den Neubauten im Petriviertel greifen die Wasserschutzmaßnahmen, so Kunze. An städtischen Gebäuden habe es bisher keine größeren Schäden gegeben.

 

Wegen des Sturms, der im Laufe des Tages aber abflauen sollte, hatten auch Fähren, wie in Wittow auf Rügen, ihren Betrieb gestoppt. Auch die Fährverbindung zwischen Rügen und Hiddensee wurden zeitweise eingestellt.

An vielen Orten fahren wie hier in Rostock keine Fähren.
Monika Krug

An vielen Orten fahren wie hier in Rostock keine Fähren.

Straßen in Wismar unter Wasser

Derweil hat die Sturmflut am Mittwoch für überschwemmte Straßen am Alten Hafen in Wismar gesorgt. Auch einige niedrig gelegenen Straßen in der historischen Innenstadt seien überflutet, sagte ein Stadtsprecher.

Hochwasser in Wismar
Susan Ebel

Hochwasser in Wismar

 

Das Hochwasser hat hier am Nachmittag  6,84 m erreicht und ist damit noch höher gestiegen, als bislang befürchtet. Die Menschen seien aufgefordert worden, ihre Autos aus den gefährdeten Bereichen wegzufahren. Einige Wagen seien abgeschleppt worden. Anwohner erhielten Sandsäcke zum Abdichten ihrer Kellerfenster. Die Feuerwehr sei im Einsatz.

Der Wasserstand betrug am Vormittag in Wismar 1,70 bis 1,80 Meter über Normal, wie der Stadtsprecher weiter sagte. Damit sei die Sturmflut stärker ausgefallen, als am Vortag prognostiziert. Vorhergesagt waren nach seinen Worten 1,50 Meter über Normal.

Böen mit Windstärken bis zu 130 Kilometer pro Stunde

Nach Angaben des Wetterstudios Hiddensee zog das Sturmtief "Zeetje" mit teilweise orkanartigen Böen über Mecklenburg-Vorpommern hinweg. Auf Hiddensee wurden in der Spitze mit 129,6 Kilometer pro Stunde Orkanstärke 12 erreicht. In Heiligendamm wurde eine Stärke 11 bei 111 Kilometer pro Stunde gemessen. Wie Wetterexperte Uwe Ulbrich sagte, soll der Sturm zum Nachmittag auf Stärke 7 bis 8 abschwächen. Vor Warnemünde wagten sich bei dem Sturm schon am Neujahrstag Surfer auf die tosende Ostsee.

In Boltenhagen ist ein Festzelt weggeflogen.
Susan Ebel

In Boltenhagen ist ein Festzelt weggeflogen.

Die Stadt Zarrentin im Landkreis Ludwigslust-Parchim hatte extra in einen besonders stabilen Ständer für den eigenen Festbaum investiert.  Am Dienstagabend kippte die geschmückte Tanne um, die Baumspitze streifte ein Auto. Die Feuerwehr rückte aus und sägte den Baum klein. Selbes passierte in Lützow, Landkreis Nordwestmecklenburg. Der große Weihnachtsbaum an der Bundesstraße 104, geschmückt mit einer Lichterkette, knickte unter dem Druck des Windes ein. Glück im Unglück: Er fiel in Richtung Wald und nicht auf die Straße.

Verspätungen und Zugausfälle

Der erste Sturm des Jahres 2019 hat bei der Bahn in Mecklenburg-Vorpommern für Verspätungen und Zugausfälle gesorgt. Wie ein Bahnsprecher in Berlin am Mittwoch erklärte, musste die Zugstrecke Wismar-Bad Kleinen seit 4 Uhr wegen Gefahren durch schräg stehende Bäume gesperrt werden. Die Bäume drohten auf die Leitung mit 15 000 Volt Hochspannung zu fallen. Reisende mussten über Stunden auf Busse umsteigen. Erst am Mittwochmittag gab die Deutsche Bahn die Strecke wieder frei.

Bereits am Neujahrstag war es zu Einschränkungen wegen umgestürzter Bäume auf Bahnstrecken bei Sassnitz/Mukran auf Rügen und in Ribnitz-Damgarten (Vorpommern-Rügen) auf der Strecke Rostock-Stralsund gekommen.

Mehrere Verletzte bei Unfällen

Bei Dambeck nahe Röbel (Mecklenburgische Seenplatte) und bei Richtenberg (Vorpommern-Rügen) prallten Autos gegen umgestürzte Bäume. Dabei wurden bei Dambeck zwei Autoinsassen und bei Richtenberg eine Autofahrerin verletzt. Die Betroffenen kamen in Krankenhäuser.

Zwischen Karow und Plau am See (Landkreis Ludwigslust-Parchim) riss eine Windböe einen Baum an der B192 um. Ein Autofahrer fuhr gegen den Baum und schob das Geäst gegen einen entgegenkommenden Wagen, der gebremst hatte. Rund 10 000 Euro Sachschaden meldete die Polizei.

Im Westteil des Landes gab es Sperrungen wegen gefährlicher Bäume unter anderem an einer Straße bei Glasin (Nordwestmecklenburg) und der Kreisstraße 11 bei Gülzow (Landkreis Rostock).

Die Küstenschutzanlagen des Landes sind für solche Ereignisse gut gerüstet Umweltminister Till Backhaus (SPD)
 

Umweltminister Till Backhaus (SPD) sieht das Land beim Küstenschutz gut aufgestellt. „Die Küstenschutzanlagen des Landes sind für solche Ereignisse gut gerüstet“, sagte Backhaus. „Diese Wasserstände können durch die Küstenschutzanlagen des Landes überall sicher beherrscht werden.“ Die Investitionen des Landes in den Küstenschutz von jährlich fast 20 Millionen Euro zahlten sich aus.

Glätte-Unfälle auf A20

Die im Gefolge des Sturms abgekühlte Luft brachte teils glatte Straßen. Auf der A20 ereigneten sich am Mittwochmorgen in der Nähe von Wismar zwei Glätte-Unfälle. Kurz vor sechs Uhr geriet ein 37-Jähriger in Richtung Lübeck mit seinem Auto ins Schleudern und kam quer auf dem Überholstreifen zum Stehen, wie die Polizei mitteilte. Der Mann, der nicht angeschnallt war, blieb unverletzt. Wenig später verlor ein 48-Jähriger die Kontrolle über seinen Wagen, als er bei Straßenglätte einen anderen Pkw überholte und mit diesem seitlich zusammenstieß. Auch dort blieb es bei Sachschaden.

Weiterlesen: Landkreis Rostock: Stürmischer Start ins neue Jahr

Besonders, sagt der Meteorologe Reiner Tiesel, habe den Sturm „Zeetje“ seine Verbindung mit den zum Teil schweren Schauern gemacht. Aus dem Gröbsten sei die Region aber raus. Der Sturm, sagt er, sei mittlerweile abgeschwächt.

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