Die Killer warten in Bäumen : Kolkraben schlimmer als der Wolf

Ein Wolf beobachtet Kolkraben in einem Gehege im Wildpark Schorfheide.
Ein Wolf beobachtet Kolkraben in einem Gehege im Wildpark Schorfheide.

Die Schäfer im Land verlieren Hunderte Schafe durch Kolkraben-Attacken. Besondere Sorgen macht den Schäfern: Die Kolkraben werden immer mehr.

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19. November 2018, 05:00 Uhr

Der Wolf gilt als der Bösewicht, der überall Schafe reißt doch verlieren die Schäfer im Lande viel mehr Tiere durch einen anderen Räuber - Kolkraben. In diesem Jahr haben Tierhalter in Mecklenburg-Vorpommern mehr als 100 von Wölfen gerissene Schafe, Kälber oder Damhirsche gemeldet. Dabei hat allein die Landwirtschaftsgesellschaft Groß Raden bei Sternberg nach eigenen Angaben mehr als 300 Lämmer durch Kolkraben verloren. Wie Geschäftsführer Dietmar Schulz berichtet, hält das Unternehmen nahezu 4000 Mutterschafe. Jedes Tier wirft in der Regel ein Lamm im Jahr. Die Hauptlammzeit ist im April und Mai.

Je später, desto mehr Kolkraben warten in den Bäumen am Rande der Koppeln auf die Lämmer. „Noch während der Geburt stürzen sich die Kolkraben auf die Tiere“, erzählt Schulz. „Die Mutter hat kaum eine Chance, ihr Neugeborenes zu verteidigen. Die Vögel hinterlassen ein wahres Blutbad“, beschreibt der Schäfer die Situation. Viele Lämmer sind sofort tot, ihnen werden die Augen ausgehackt oder die Leiber aufgerissen. In den Ställen reicht der Platz nicht für alle Schafe und ihren Nachwuchs. Dort lammen nur die Muttertiere mit Zwillingsgeburten und die allerersten, wenn es noch kalt ist.

Es wird noch mehr tote Lämmer geben

Schulz sieht die Gefahr, dass es im kommenden Jahr noch mehr tote Lämmer geben wird. In den vergangenen Jahren hat er genau Buch geführt: Anfangs waren es nur einige wenige Kolkraben, die seine Herden bedrohten. Den Bestand schätzt er inzwischen auf vielleicht 300 Vögel. „Stürzte sich anfangs lediglich ein Vogel auf sein Opfer, so sind es jetzt ganze Scharen. Das sichert den Angreifern vollen Erfolg“, wie Schulz und seine Mitarbeiter in diesem Sommer wiederholt beobachteten, ohne erfolgreich einschreiten zu können. „Das geht alles rasend schnell.“

Zu Zeiten der Jäger und Sammler machten Mensch und Vogel einst gemeinsame Sache. Die Kolkraben führten die Menschen zu den grasenden Tierherden. Waren die Jäger erfolgreich, wurde das Wild noch vor Ort zerlegt und der Rest für die wartenden Fährtengeber zurückgelassen.

Vor 80 Jahren nahezu ausgerottet

Inzwischen sind die längst zu Selbstversorgern geworden. Vor rund 80 Jahren waren die Kolkraben in Deutschland nahezu ausgerottet. Inzwischen haben sich die Bestände aufgrund von Schutzbestimmungen erholt, auf bundesweit 9000 Brutpaare. Für Schulz ist eine vertretbare Bestandsgröße damit längst überschritten. Er fordert seit Jahren, die Jagd wieder aufnehmen zu dürfen.

Dabei erhält er Unterstützung vom Vorsitzenden des Landesschafzuchtverbandes, Jürgen Lückhoff. Die Verluste in den Tierbeständen der Mitglieder durch Kolkrabenattacken sind aus vielen Regionen bekannt und gehen nach seiner Aussage inzwischen in die zigtausende. Die Zuchtleiterin des Verbandes, Dorit Hager, sagt, wie groß die Verluste genau sind, sei nicht erfasst. Nicht alle Schäfer würden Attacken von Raben oder Wölfen melden. Der Kolkrabe als größter Vertreter der Rabenvögel gehört zu den vom Bundesnaturschutzgesetz besonders geschützten Arten. Er ist jagdbar, hat aber eine ganzjährige Schonzeit.

Kolkraben zum Abschuss freigegeben

Beim Naturschutzbund möchte man, dass es auch so bleibt. „Kolkraben sind Teil der Artenvielfalt. Wer dagegen vorgeht, versündigt sich an unserer Natur“, sagt ein Sprecher. Auch das Landwirtschafts- und Umweltministerium in Schwerin will an den Regelungen festhalten. „Alle Versuche, das zu ändern, sind bislang gescheitert“, sagt Verbandschef Lückhoff. Ein Schritt in die richtige Richtung ist für ihn die mögliche Bejagung in Ausnahmefällen.

In der Region Groß Raden, rund um das Dorf Groß Görnow, waren in diesem Jahr 16 Kolkraben zum Abschuss freigegeben. „16 von 600. Das löst das Problem nicht annähernd“, meint Schulz. „Wir sehen heute schon mit Sorge dem kommenden Frühjahr entgegen, wenn alles von vorn losgeht.“

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