Albert-Schweitzer-Familienwerk in MV : Kinderdorfhaus - das andere Zuhause

Im Snoezelenraum unter dem Dach können Nico, Jasmin und die anderen Kinder entspannen.
Im Snoezelenraum unter dem Dach können Nico, Jasmin und die anderen Kinder entspannen.

Beim Albert-Schweitzer-Familienwerk finden Kinder aus schwierigen Verhältnissen Schutz und Halt. Fachkräftemangel ist auch hier ein Problem

Karin.jpg von
09. Juli 2019, 11:45 Uhr

Jasmin ist an diesem Tag als Erste zu Hause. Das passiert nur selten, meist sind die drei Kleinen vor ihr da. Heute nutzt die Zwölfjährige die Gunst der Stunde und steigt schnell zum Dachboden hinauf, wo der große Reiterhof aufgebaut ist. Pferde sind Jasmins ganz große Liebe. Und das Tanzen. In ihrem Zimmer gibt es sogar eine Ballettstange zum Trainieren.

Tanzen ist eine von Jasmins ganz großen Leidenschaften.
Volker Bohlmann
Tanzen ist eine von Jasmins ganz großen Leidenschaften.
 

Als nach einer Viertelstunde auch Niklas, Lucas und Mirco* aus der Schule nach Hause kommen, saust Jasmin wieder nach unten. Sie ist heute mit dem Kochen dran. Es soll Milchreis geben. Wie man ihn zubereitet, steht auf der Tüte. Nur: Was macht man, wenn eine Tüte nicht für alle Esser reicht? Wie groß muss der Topf sein? Und wie schafft man, dass der Milchreis nicht anbrennt?

Kinderdorfhäuser bieten familienähnliche Gemeinschaft

Fragen über Fragen, die tagtäglich in vielen Familie so oder ähnlich beantwortet werden müssen. Auch das gemütliche Fachwerkhaus in der Wolgaster Altstadt mit seiner geräumigen Küche könnte einer x-beliebigen Familie gehören. Tatsächlich aber wohnt hier ein Ehepaar mit sechs fremden Kindern unter einem Dach – in einem Kinderdorfhaus des Albert-Schweitzer-Familienwerkes. Der gemeinnützige Verein bietet bundesweit individuelle Hilfen für Menschen aller Altersgruppen an. In Mecklenburg-Vorpommern konzentriert er sich auf die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen und betreibt neben mehreren Erziehungsstellen und einer Jugendwohngruppe auch drei Kinderdorfhäuser – zwei in Wolgast, eins in Rakow in der Nähe von Greifswald. Ein viertes auf der Insel Usedom soll noch in diesem Jahr dazukommen.

In den Kinderdorfhäusern leben Mädchen und Jungen in einer familienähnlichen Gemeinschaft zusammen. Sie alle haben bereits besonders schwierige Lebenssituationen erlebt. Für viele ist das Kinderdorfhaus bereits das dritte oder vierte „Zuhause auf Zeit“, manche haben auch noch mehr Stationen hinter sich, erzählt Inka Peters, die Geschäftsführerin des Familienwerkes in MV. „Wir bekommen die Kinder, die in Pflegefamilien gescheitert sind.“ Das sei keine Kritik an diesen Familien. „In die Zukunft gucken kann keiner“, meint Inka Peters. Pflegeeltern würden zwar allgemein für die Aufnahme von Kindern aus schwierigen Verhältnissen geschult. Doch bei Problemen, wenn die Jungen und Mädchen psychisch besonders stark auffällig würden, kämen oft nur noch Fachkräfte an sie heran.

Inka Peters ist die Landesgeschäftsführerin des Albert-Schweitzer-Familienwerkes in Mecklenburg-Vorpommern.
Volker Bohlmann
Inka Peters ist die Landesgeschäftsführerin des Albert-Schweitzer-Familienwerkes in Mecklenburg-Vorpommern.

Pädagogen stehen dem „Familienoberhaupt“ zur Seite

„Unser jüngstes Kind ist drei, es lebt schon zwei Jahre lang bei uns“, so Inka Peters. Auch Jasmin kam bereits als Einjährige, zusammen mit ihrem großen Bruder, in das Wolgaster Kinderdorfhaus. In den meisten Fällen werden Kinder jedoch erst im Grundschulalter aufgenommen. Sechs, in einem Fall auch acht sozial benachteiligte Mädchen und Jungen leben in einem Familienverbund zusammen. Wie im „echten Leben“ können „Mutter“ und „Vater“, aber auch nur eine Frau oder nur ein Mann das Familienoberhaupt sein. Sie sind gleichzeitig Teamleiter, organisieren nicht nur den Haushalt mit den ihnen anvertrauten Kindern, in dem sie auch selbst leben, sondern auch den Einsatz der pädagogischen Mitarbeiter, die ihnen zur Seite stehen. Letztere kümmern sich zum Beispiel darum, die Kinder zu Ärzten, Therapeuten, aber auch zu den verschiedenen Freizeitaktivitäten zu begleiten. Und sie gewährleisten, dass die „Profi-Eltern“ auch einmal Zeit für sich haben und sogar Urlaub machen können.

So sind bei unserem Besuch in Wolgast die „Eltern“ im Kinderdorfhaus Nordlicht, auch gerade verreist. Jasmin und die fünf anderen Kinder im Alter zwischen sieben und 17 Jahren müssen dadurch zwar einige Abstriche am gewohnten Komfort machen. „Aber die beiden Erzieher gehen ganz viel mit uns raus, Fußball spielen, das ist toll“, lobt die Zwölfjährige. Heilerziehungspfleger Martin Bebber muss derweil ganz ungewohnte Herausforderungen meistern: „Herr Bebber, wo ist der Messbecher? Herr Bebber, ich finde meine Brotdose nicht. Herr Bebber, wann kommt meine Oma?…“ Selbst mit sechs Händen und ebenso vielen Ohren käme man da kaum hinterher. Doch der 25-Jährige ist zuversichtlich, auch ein ganzes Wochenende allein mit den Kindern zu bewältigen, zumal ihm Praktikantin Elisabeth Held zur Seite steht. „Frau Bohn macht das hier schon seit zehn Jahren. Da hat sie sich die vier Wochen Urlaub mehr als verdient“, meint der junge Mann.

Heilerziehungspfleger Martin Bebber  und Praktikantin Elisabeth Held sind an diesem Nachmittag für die Kinder da.
Volker Bohlmann
Heilerziehungspfleger Martin Bebber und Praktikantin Elisabeth Held sind an diesem Nachmittag für die Kinder da.

Herkunfstfamilien werden einbezogen

Im Haus Nordlicht, so erzählt er, würden die Kinder die „Eltern“ ebenso wie die Erzieher mit Herr und Frau ansprechen. In anderen Häusern wären Du und der Vorname gebräuchlich. „Das muss jede Familie für sich festlegen“, betont Inka Peters. Wichtig sei aber in jedem Fall, dass bei den Kindern nicht der Eindruck entstehe, dass ihre Herkunftsfamilie jetzt in ihrem Leben keine Rolle mehr spielt. „Im Gegenteil, wo immer es geht, beziehen wir die Eltern mit ein“, so Peters. Kinder wieder ins Elternhaus zurückzuführen, gelinge dennoch nur ganz selten.

Dafür gebe es selbst in MV mehrere Familiendorfkinder, die der Einrichtung auch als Erwachsene die Treue halten. Andrea Bahls zum Beispiel zog an ihrem ersten Schultag ins Wolgaster Kinderdorfhaus ein. Heute steht die 21-Jährige selbst kurz vor dem Abschluss ihrer Ausbildung zur Erzieherin. „Ohne meine Kinderdorffamilie würde ich nicht so stabil im Leben stehen und hätte wahrscheinlich auch keine gute Ausbildung“, meint sie. „Hier bekommen Kinder ein neues Zuhause. Gerade die Kleinsten müssen dieses Stück Heimat bekommen, sonst sind sie einfach verloren.“ Diese Geborgenheit will sie in Zukunft selbst an Kinder weitergeben, die sie in ihrer eigentlichen Familie nicht bekommen können. „Kinder haben es einfach verdient, dass sie in einer guten Umgebung aufwachsen, in der sie gefördert werden und eine echte Zukunftsperspektive bekommen“, meint Andrea Bahls.

Albert-Schweitzer-Familienwerk fehlen Fachkräfte

In Mecklenburg-Vorpommern gibt es aktuell 40 stationäre Plätze für solche Kinder im Albert-Schweitzer-Familienwerk. Das sind bei Weitem nicht genug. „Jedes Jahr haben wir 100 Anfragen von Kindern, die wir nicht aufnehmen können“, erklärt Inka Peters. Der Grund sei derselbe wie in vielen anderen Bereichen: Es fehle an Fachkräften. Sowohl weitere „Profi-Eltern“ als auch pädagogisches Personal würden händeringend gesucht, so die Geschäftsführerin. Das sei wie die Suche nach Bernsteinen, meint sie. Vom früheren Ideal, ganze Familien mit ihren eigenen Kindern als Eltern in einem Kinderdorfhaus zu gewinnen, sei man längst abgekommen. „Heute erklären sich für diese Aufgabe zumindest hier in Mecklenburg-Vorpommern vor allem Menschen bereit, deren eigene Kinder schon aus dem Haus sind“, ist Peters Erfahrung.

Wenn die Mädchen und Jungen aus dem Kinderdorfhaus flügge werden, können sie in eine Wohngruppe umziehen. Oder sie bleiben – wie Jasmins großer Bruder – in der Familie, bis sie volljährig sind, versorgen sich aber schon eigenständig. Ziel der Kinderdorfeltern und -erzieher ist es, die Mädchen und Jungen bestmöglich auf ein selbstständiges Leben vorzubereiten. Bei einigen hieße das, sie zum erfolgreichen Abschluss der 10. Klasse zu begleiten, so Inka Peters. Andere schafften das nicht. „Aber auch ihnen konnten wir eine geschützte Zeit der Kindheit geben.“

* Die Namen einiger Kinder wurden geändert.

Spenden für das Albert-Schweitzer-Familienwerk

Finanziert wird die Betreuung der Kinder in Albert-Schweitzer-Kinderdörfern in erster Linie aus den Mitteln, die die Jugendämter ihnen zahlen. Die Tagessätze liegen zwischen 120 und 150 Euro. Der größere Teil davon geht für die Personalkosten drauf, so die Landesgeschäftsführerin in Mecklenburg-Vorpommern, Inka Peters. „Um zusätzliche Wünsche der Kinder erfüllen zu können, sind wir auf Spenden angewiesen.“ Reitunterricht oder Fahrten ins Sommercamp beispielsweise seien anderenfalls nicht drin.

Spendenkonto:
Albert-Schweitzer-Familienwerk
Volksbank Rhein-Lahn eG
IBAN: DE07 5709 2800 0206 5289 66
BIC: GENODE51DIE

>> Weitere Informationen zum Albert-Schweizer Familienwerk in MV finden Sie hier.

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