Geschichte und Geschichten : Bücher-Empfehlungen aus und über MV fürs Fest

23-11368278_23-66108191_1416392711.JPG von 16. Dezember 2020, 05:00 Uhr

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Bücher für den Gabentisch: Historische Romane aus und über Mecklenburg-Vorpommern.

Ach, wie schade, dass Bücher noch immer nicht als Lebensmittel gelten und also vom Ein- oder besser Ausgeschlossensein betroffen sind. Dabei hat schon Heiner Müller den Diebstahl von Literatur als Mundraub verteidigt. Doch zumindest wir Leseratten und alle, die noch ohne Geschenk dastehen, können in diesen schweren Zeiten auf Retter bauen, die uns auch zu Hause mit überlebenswichtiger Lektüre versorgen – sei es die Buchhandlung unseres Vertrauens, bei der man noch immer Bücher bestellen und sich liefern lassen kann, oder der Internetbuchladen. Wir haben uns für Sie im zurückliegenden Jahr durch die Literaturkataloge gearbeitet und haben trotz der überschaubaren Verlags- und Autorenszene im Land jede Menge Bücher entdeckt, die von Landeskindern geschrieben wurden oder zwischen Kap Arkona und Ahlbeck angesiedelt sind. Vielleicht ist ja auch für Sie etwas dabei? Drei in vielerlei Hinsicht sehr unterschiedliche historische Romane: „Interzonenjahre - Ein Ost-West-Roman“ Beginnen möchte ich mit einem meiner Lieblingsbücher des Jahres – „Interzonenjahre - Ein Ost-West-Roman“ der Schweriner Autorin Katrin Sobotha-Heidelk. Mir hat der Arbeitstitel „Das Schweigen“ besser gefallen, sei’s drum. Denn genau darum geht es in diesem selbst in Details akribisch recherchierten Roman, der die Geschichte zweier Freundinnen erzählt. Beide, Elsa und Hanni, wachsen im ostpreußischen Königsberg auf, bis sie noch als Kinder aus ihrem Paradies vertrieben werden. Krieg, Flucht, Nichtwillkommensein in der neuen Heimat. Elsa lebt fortan im Osten Deutschlands, Hanni im Westen. „Polackenkinder“, „stinkendes Pack aus dem Osten“. Flüchtlinge wurden noch nie geliebt, bis heute ist das leider so.   Was diesen Roman so lesenswert macht, ist der sinnliche Zugriff der Autorin auf die Erfahrungen der beiden Heldinnen. Das Bimmeln einer Ladenglocke, Frisuren, Selbstgestricktes, das Rattern eines alten Filmprojektors, der Alltag in der alten Schweriner Dombibliothek. Und vor allem bei allem Getrenntsein der beiden Freundinnen und ihrer wachsenden Entfremdung in den beiden Deutschländern die sehr ähnlichen Anfeindungen in Ost und West: „Hier will uns keiner haben.“ Doch während westlich der Elbe die Flüchtlinge Anfang der 1950er mit einem finanziellen Lastenausgleich einen leichteren Neubeginn schaffen können, dürfen in der DDR das Wort Flüchtling oder gar die alte Heimat Königsberg nicht einmal erwähnt werden. Was beide Freundinnen eint, sind allerdings die Strategien des Verschweigens, der Versuch, sich unsichtbar werdend anzupassen an ein neues Leben fern der unvergessenen Heimat. Ein Schweigen, das noch immer bis heute das Leben von Familien, von Kindern und sogar Enkeln zu vergiften vermag. Dabei eröffnet Katrin Sobotha-Heidelk, die das große Glück hatte, für beide Frauenfiguren auch auf die Erinnerungen zweier noch lebender Zeitzeuginnen zurückgreifen zu können, ein Panorama ost- und westdeutscher Geschichte – von der 68-Revolte im Westen bis zum Mauerfall im Osten. Mit den Parallelschicksalen der beiden so ungleichen Freundinnen in bewegten Zeiten deutscher Geschichte schenkt uns die Autorin alles in allem einen anregenden, berührenden Roman. Katrin Sobotha- Heidelk: Interzonenjahre - Ein Ost-West-Roman Lehmanns Media Berlin 346 Seiten, 14,95 Euro ISBN 978-3-96 543-114-0 „Die Gespenster von Demmin“ Das darf man auch über „Die Gespenster von Demmin“ sagen. Der Autorin Verena Kessler ist in ihrem Debütroman ein kleines Wunder gelungen. Sie verwebt die Geschichte des Massenselbstmords in Demmin kurz vor Kriegsende 1945 mit dem Alltag der 15-jährigen Larissa, Larry, die im Demmin von heute aufwächst und Kriegsreporterin werden will. Dafür denkt sie sich absurde Übungen aus, um auf Folterungen vorbereitet zu sein. Ansonsten langweilt sie sich in Demmin. „Wer ist in dieser Stadt schon glücklich?“, heißt es an einer Stelle.   Larrys Leben nun verbindet die Autorin mit den Erinnerungen einer alten Nachbarin, die noch immer von den titelgebenden Gespenstern von Demmin heimgesucht wird. Dennoch wird man von diesem Roman – trotz der historischen Katastrophe – gut unterhalten. Weil es der Autorin (Jahrgang 1988) gelungen ist, mit der jugendlichen Ich-Erzählerin die Trauerebene immer wieder durch eine komisch-pointierte Gegenwartsperspektive zu konterkarieren. Etwa wenn Larry ihre Nachmittage in Demmin als „festgetretenen Kaugummi“ beschreibt oder von der 70-jährigen Friedhofsverwalterin, bei der sie ab und an nach der Schule ein bisschen Geld verdient, unbekümmert frech sagt, sie könnte längst in Rente sein, „aber ich denk mal, sie hat Angst, die Seiten zu wechseln“. Doch wenn in Demmin selten etwas passiert und sogar die Peene manchmal rückwärts fließt, von den Tagen im Mai 45, „in denen hier Hunderte ins Wasser gingen, Steine in den Taschen, Kinder an den Leib gebunden“, wird sich dieser Fluss nie reinwaschen können. Verena Kessler: Die Gespenster von Demmin Hanser Berlin 238 S., 22 Euro ISBN 978-3-446-26784-8 „Palais Heiligendamm“ Zum dritten historischen Roman habe ich vor allem gegriffen, weil sein Titel „Palais Heiligendamm“ versprach, vor unserer Haustür zu spielen. Dieses Versprechen löst das fast 600 Seiten starke Buch von Michaela Grünig rund um eine Hoteliersfamilie in Heiligendamm auch ein. Den zweiten Band dieser Familiensaga werde ich wohl dennoch nicht lesen, weil Literatur á la Rosamunde Pilcher oder Katie Fforde nun einmal nicht zu meinen Favoriten gehört. Wer aber einen spannenden, erzählerisch süffigen und ja, auch vorhersehbaren Unterhaltungsroman der alten Schule liebt, wird hier voll auf seine Kosten kommen.   Die Autorin stellt mit der jungen und ehrgeizigen Hotelierstochter Elisabeth, ihrem schwulen Bruder Paul und der jungen, begabten Köchin Minna nicht nur drei starke Helden in den Mittelpunkt ihres Romans. Sie begibt sich auch, beginnend im Jahr 1912 und vorerst endend im und nach dem Ersten Weltkrieg, in eine bewegte Zeit deutscher Geschichte. Im Interview verrät die Autorin, wie sehr ihre eigene Familiengeschichte in die fiktive Handlung eingeflossen ist. Auch ihre Groß- und Urgroßeltern waren Hoteliers. „Durch die Erzählungen meiner Mutter ist die spannende Welt von früher wieder für mich zum Leben erweckt worden. Viele Kleinigkeiten sind mir dabei überliefert worden: zum Beispiel, wie großzügig die Küchenangestellten ihr Leckerbissen zugesteckt haben. Der Duft des schweren Parfüms der Damen am Abend, der bis in ihr Schlafzimmer hinaufzog. Es gab auch negative Seiten: dass bei ihren Eltern die Gäste grundsätzlich vor der eigenen Familie kamen. Und dass die Familie, selbst bei Schicksalsschlägen, wie aus dem Ei gepellt gekleidet sein musste. Bevor ich als Kind mit ihnen in Urlaub fahren und im öffentlichen Speisesaal essen durfte, musste ich auf dem Zimmer die richtigen Essmanieren einstudieren.“ Nach dem ersten Band von „Palais Heiligendamm“ mit dem Untertitel „Ein neuer Anfang“ liegt bereits der Nachfolger der Saga „Stürmische Zeiten“ vor. Die Autorin hat gestanden, das Schicksal Elisabeths in weiteren Bänden weitererzählen zu wollen. Über Heiligendamm, das Michaela Grünig sehr zu lieben scheint, sagt sie: „Vielleicht ist das einzig Positive an dieser schrecklichen Pandemie, dass wir uns darauf besinnen, dass es auch wunderschöne Sehnsuchtsorte in Deutschland gibt.“ Wer wollte ihr da, zumal in unserem schönen Bundesland, widersprechen? Und bei allem Eingeschlossensein: Vom Lesen guter Bücher wird uns kein Virus der Welt ausschließen können. Wir wünschen Ihnen eine schöne Lesezeit! Michaela Grünig: Palais Heiligendamm - Ein neuer Anfang Bastei Lübbe 576 S., 14,90 Euro ISBN 978-3-7857-2707-2...

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